Den Revolver entsichern – Kettcar in der Muffathalle (Konzertbericht)

Erst vor wenigen Jahren sind sie nach langer Abstinenz zurückgekehrt, so erfolgreich wie noch nie zuvor: Kettcar. Nun soll es wieder in eine mehrjährige Pause gehen, um Kraft und kreative Energie zu sammeln. Nicht aber, bevor man ausgiebig das aktuelle Live-Album „… und das geht so“ feiert mit der gleichnamigen Tour. Damit kommen die Hamburger zum mittlerweile vierten Mal unter der Flagge ihres 2017-Erfolgsalbums „Ich vs. Wir“ nach München, am 28. Januar 2020 in die Muffathalle. Dass das Interesse nicht abreißt, beweist ein Schild an der Tür: Danke für ein ausverkauftes Konzert! Beste Voraussetzungen für einen inspirierenden Dienstagabend.

Ein besonderes Highlight sind dabei schon die Pop-Punkrocker Schrottgrenze, die nicht nur seit mittlerweile über 25 Jahren mit genialen deutschsprachigen Texten und eingängiger Musik aufwarten, sondern seit dem Coming-Out der Sängerin Saskia, vormals Alexander, als absolutes Flaggschiff für intelligente, reflektierte Musik über queere Themen gelten. Dass sie sich dabei aber feinsinnig auseinandersetzen und nicht nur reines Pride-Gejubel besingen (wenngleich das natürlich das absolut richtige Resultat der Lieder ist!), zeigen sie in ihrem 40-minütigem Auftritt in der Muffathalle äußerst eindrucksvoll. Natürlich wandern auch einige Lieder aus der Zeit vor der Wiedervereinigung 2015 in die Setlist, die so frisch wie eh und je klingen. Das Bild von Saskia auf der Bühne mag für Nicht-Kenner der Band vielleicht kurzzeitig verwirrend erscheinen, aber spätestens ab dem ersten Ton kann man sich nur in diese fantastische Musik verlieben.

Setlist: Glitzer auf Beton / Life is queer / Januar Boy / Traurige Träume / Am gleichen Meer / Fotolabor / Lied vom Schnee / Mensch am Punkt / Fernglas / Alles zerpflücken / Sterne

© Andreas Hornhoff

Kettcar gibt es zwar noch nicht ganz so lange wie ihre Vorstreiter, aber in ihrem mittlerweile 19-jährigem Bestehen können die Hamburger auf fünf Studio-Werke zurückblicken, die allesamt und für sich große Erfolge des Zeitgeistes waren – und leider oftmals immer noch aktuell sind. Das wird schnell beim bereits zweiten Stück „Money Left To Burn“ klar, das nicht nur musikalisch ordentlich nach vorne drückt, sondern textlich genauso relevant wie noch vor 1,5 Dekaden, als das Lied entstanden ist. Allgemein präsentiert sich der Abend als große Best-Of-Show, wie Frontmann Marcus Wiebusch ankündigt, mit allen Titeln, die als Hits gelten könnten oder sie selbst für solche halten. Zwar fallen Lieder wie „Graceland“ und „Ich danke der Academy“ aus der Setlist heraus, aber auch so sind die 21 Titel fein ausgewählt, dass nicht nur dramaturgisch ein 110 Minuten-langes Konzert bleibt, sondern zusätzlich eine ordentliche Rundumschau von uralt („Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt“) bis brandneu („Palo Alto“) – inklusive die grandiosen „Nur einmal rächen“ und „Der Tag wird kommen“ aus dem Wiebusch-Solo-Album. Letzteres kommt als wuchtige, 7 Minuten-lange Hymne daher, die sich musikalisch und insbesondere textlich in Höchstform präsentiert. Übrigens ist Wiebuschs Lied über Homosexualität im Profifußball im Jahr 2014 entstanden – auch sechs Jahre später hat niemand den ersten Schritt gewagt.

Neben den fünf Musikern selbst, alle im besten Väter-Alter, sind drei Bläser dabei, die den starken Klang der Lieder nur noch ungemein verstärken und in der Muffathalle, die sowieso mit toller Akustik glänzt, kaum passender sein könnten. Das führt sogar so weit, dass zeitweise bei den rockigen Abschnitten, wie „Auf den billigen Plätzen“ und das folgende „Landungsbrücken raus“, ein kleiner Moshpit entsteht, auch ein Crowdsurfer findet seinen Weg nach vorne. Das größte Augenmerk ist dabei aber immer noch auf den Texten, die mit dem aktuellsten Album „Ich vs. Wir“ ihren bisherigen Höhepunkt erreicht haben. Wiebusch ist ein Texter, wie es ihn in Deutschland nur selten gibt – politische Statement-Aussagen wie „Überall besorgte Bürger, die besorgte Bürger suchen“ oder „Von verbitterten Menschen nicht verbittern lassen“ sind für sich alleine schon so gewaltig aussagekräftig. Kettcar strotzen nur so vor möglichen Zitaten, begeistern immer wieder mit genauer Auffassungsgabe und der Fähigkeit, diese auch kongenial umzusetzen. Da wundert es auch nicht, wenn Wiebusch abschließend erklärt, dass man sich womöglich für immer verabschiede bei nicht zufriedenstellenden Auswurf. „Wenn wir ein Album haben, das „Ich vs. Wir“ toppt, kommen wir wieder. Und ansonsten erinnert euch an Songs wie „Sommer 89“ und „Wagenburg“. Und als Band, die nicht mit den alten Songs abcashen wollte“. An sich nur konsequent bei dieser Band, die schon immer deutlichen Wert auf Qualität gelegt hat. „Geschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, sagt Wiebusch in „Der Tag wird kommen“. Und das geht so.

Setlist: Volle Distanz / Money Left To Burn / Benzin und Kartoffelchips / Sommer ´89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) / Wagenburg / Rettung / 48 Stunden / Balu / Palo Alto / Nur einmal rächen (Marcus Wiebusch song) / Balkon gegenüber / Der Tag wird kommen (Marcus Wiebusch song) / Ankunftshalle / Im Taxi weinen / Den Revolver entsichern / Auf den billigen Plätzen / Landungsbrücken rausZugaben 1: Trostbrücke Süd / Kein außen mehr / DeicheZugabe 2: Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt

Bericht: Ludwig Stadler