Pure Eleganz – Julia Fischer & Orchestre National de France in der Philharmonie (Kritik)

Große Namen wie der Lorin Maazels und Sergiu Celibidaches sind mit dem Orchestre National de France eng verknüpft – zwei Dirigenten, die auch in München ihr Erbe hinterlassen haben. Im Rahmen einer Tournee durch Deutschland, Österreich und die Slowakei findet sich der vielfach ausgezeichnete französische Klangkörper am 19. Januar 2020 auch in der Münchner Philharmonie ein.

Für den leider erkrankten derzeitigen Chef Emmanuel Krivine springt Lionel Bringuier ein, selbst ein hochdekorierter französischer Dirigent, am Pult des Orchestre National de France eröffnet er den Abend mit Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune, bevor es zum Violinkonzert Nr. 1 von Sergej Prokofjew geht, das selbst unverkennbar an den Impressionismus angelehnt ist. Den Solopart übernimmt die Münchner Stargeigerin Julia Fischer, die das Orchester auch auf seiner Tournee begleitet.

© Felix Broede

Der Großteil des Konzerts spielt sich in den höchsten Lagen der Sologeige ab, die Julia Fischer stets unaufdringlich intensiv und klanglich perfekt intoniert. Unprätentiös und schlicht ist ihre Spielweise, extrem beherrscht und von höchster Präzision in diesem Konzert, in dem eine technische Herausforderung die nächste jagt. Die Solistin verliert durch ihre meisterliche Kontrolle nie den Bogenkontakt und erhält zu ihrem silbrigen, eleganten Klang ein stimmiges Pendant durch den bemerkenswert runden Orchestersound, aus dem höchstens im Scherzo die Bläser noch schärfer hervorstechen könnten. Die aufbegehrenden Tuttieinsätze des Finales holen die Solostimme jederzeit fein austariert ab, auch durch stets feinfühliges, exaktes Akkompagnement unterstützen Bringuier und das Orchestre National de France Fischers sensible und zur selben Zeit durchdringende Interpretation.

Fahl verklingt der letzte Ton, sognando – träumend, wie der erste Satz beginnt. Als Zugabe wählt Julia Fischer Niccolò Paganinis 13. Caprice und lässt deren technische Schwierigkeiten über ihre musikalisch raffinierte Präsentation fast vergessen.

Nach der Pause folgt eines der bekanntesten Werke von Prokofjews Lehrer Nikolai Rimski-Korsakow: die Tondichtung Scheherazade. Die voluminösen Eingangsakkorde mit schmetternden Posaunen bieten bereits einen Vorgeschmack auf die folgenden traumhaften Höhepunkte.

Sarah Nemtanu, Erste Konzertmeisterin des Orchestre National de France, gestaltet das wiederkehrende Thema der Scheherazade ungewöhnlich frei und stets wohltuend variiert. Besonders imponierend sind ihre unhörbaren Bogenwechsel auf dem zerbrechlichen viergestrichenen E zum Ende des Stücks. Bemerkenswert sind ebenso die für dieses Werk so zentralen Crescendi, welche das Orchester ausführt wie aus einem Guss. Zwischen den eher ernsten Grundtenor der Scheherazade schleichen sich immer wieder freche Holzbläsersoli, gerade die Erzählung des Prinzen Kalender gestaltet Lionel Bringuier sehr humorvoll und lebendig, entführt auf einen belebten Marktplatz mit flirrender Luft.

Auch im letzten Satz illustriert das Orchestre National de France das Fest in Bagdad und das anschließend zerschellende Schiff eindrucksvoll, Bringuier lässt das Orchester trotz aller Intensität nie durchgehen, selbst die lautesten Stellen werden uneingeschränkt kontrolliert ausgeführt. Rimski-Korsakows Melodien erscheinen an diesem Abend vollendet, weil alles passt: das französische Orchester überzeugt in allen Facetten der Partitur, mit eleganter Contenance, die auf gehaltvolle Steigerungen und sorgfältig artikulierte Rhythmen trifft, jederzeit komplementiert mit einer selten gehörten enthusiastischen Spielfreude.

Auch das Orchestre National de France gibt noch eine Zugabe, Jaques Offenbachs Barcarole. Ein durchwegs begeisternder Abend nimmt somit sein stimmungsvolles Ende.

Kritik: Bea Mayer