Violinen im Doppelpack – Julia Fischer & Augustin Hadelich in der Philharmonie (Kritik)

Zur Feier des 2. KiM-Geburtstages am 8. Mai 2019 ist dieses hochkarätig besetzte Konzert in der Philharmonie gerade recht: Julia Fischer und Augustin Hadelich eröffnen den Abend mit Johann Sebastian Bachs Konzert für zwei Violinen d-moll BWV 1043, begleitet von keinem geringeren Klangkörper als der Academy of St. Martin in the Fields. Nur leider wirkt es bisweilen so, als würde Fischer von der Academy und Hadelich begleitet – so wenig setzt sich der Geiger gegen das Orchester durch. Fischers silberner Ton legt sich über seinen etwas verspannt klingenden, nur an wenigen Stellen entsteht so der Eindruck einer Zweistimmigkeit. Doch im Tempo sind die beiden perfekt aufeinander abgestimmt und bringen eine jugendliche Vitalität in den Saal. Sie spielen den Bach mit relativ viel Vibrato, was vielleicht historisch nicht ganz korrekt ist, aber das Werk um vieles spritziger und energetischer macht.

Danach folgt das jüngste Werk des Abends, die Chamber Symphony von Andrey Rubtsov, die 2018 fertiggestellt und erst vor wenigen Tagen uraufgeführt wurde. Sie beginnt ziemlich klischeehaft mit hohen leisen Dissonanzen in den Bratschen und verleitet dazu, voreilige Schlüsse über den weiteren Verlauf ziehen – doch dann die überraschende Wendung in expressionistische Rhythmen, elegante dunkle Cellopassagen und humorvolle Ornamente in den Geigen. Im Allgemeinen klingt die Chamber Symphony wie ein Cocktail aus Strawinsky, Schostakowitsch und Mahler und ist eine wohltuende und belehrende Ausnahme in der doch eher krampfhaft stereotypisch-originellen Neuen Musik. Hier kann auch die Academy ihre Vielseitigkeit und Präzision beweisen, nachdem sie im Bach-Konzert gefühlt selten mehr als eine Note pro Takt zu spielen hatte. Mit seinem homogenen Klang, einem unglaublichen Volumen und Julia Fischer als engagierter Gast-Konzertmeisterin verleiht das britische Orchester Andrey Rubtsovs Werk eine mitreißende Verve und macht es ohne viel Aufhebens zum Highlight des Abends.

Nach der Pause folgt Antonin Dvoraks Streicherserenade – die nur so strotzt vor romantisch-slawischen Melodien. Die Musikerinnen und Musiker, erneut geleitet von Julia Fischer, schwelgen in diesen Melodien, halten eine natürliche Mischung aus Spannung und Entspannung in der Dynamik, während alle Zwischenstimmen stets erkennbar bleiben.

Zu guter Letzt dann Alfred Schnittkes Concerto grosso Nr. 1, das eine moderne Sicht aus dem Jahr 1977 auf die barocke Gattung des Concerto grosso darstellt. Historisch korrekt ist in der Besetzung ein Cembalo vertreten, als moderne Komponente kommt noch ein präpariertes Klavier hinzu. Ein Großteil der verwendeten Themen in diesem polystilistischen Concerto grosso entstammen anderen Werken: entweder zitiert Schnittke sich selbst, oder Tschaikowski, oder aber er versteckt eine Hommage an den großen Meister Bach – nämlich die Verwendung seines Namens als Motiv: der Walzer am Ende des Satzes basiert auf den vier Tönen B, A, C, H, so hat Bach selbst schon einige seiner Werke „signiert“.

© Felix Broede

In diesem Konzert offenbaren sich Augustin Hadelichs unbestreitbare Qualitäten deutlich besser: abwechselnd überzeugt er durch eine schroffe Phrasierung und einen schmucklosen Ton, dann wieder durch eine Lyrik gerade in den oberen Lagen. Julia Fischer hat mittlerweile den ganzen Abend durchgespielt, und doch merkt man es ihr in keiner Sekunde an.

Besonders toll kommen die unterschiedlichen Klänge und Persönlichkeiten der beiden Solisten zu Beginn des fünften Satzes (Rondo) zur Geltung: das kanonartige Wechselspiel der Solostimmen klingt wie eine angeregte Diskussion zweier individueller Charaktere – das Konzert verträgt unbedingt zwei klangfarblich so verschiedene Violinisten.

Die Academy profiliert sich hier noch einmal mit ihrer Vielseitigkeit. Sie bildet einen dunklen Klangteppich unter den strahlenden Solostimmen, sie ersetzt mühelos die Perkussion, sie lässt teilweise Orgelklänge entstehen, … –  kann dieses Orchester irgendetwas nicht?

Der Tango Por una cabeza von Carlos Gardel als Zugabe versöhnt die Ohren der Zuhörer nach dem letzten offiziellen Stück des Abends. Der verbliebenen Zuhörer, wohlgemerkt, denn nicht alle Konzertbesucher haben sich auf den Schnittke eingelassen. Zugegeben, Schnittkes Konzert ist beileibe nicht gefällig und schön anzuhören, doch darf man die technischen Schwierigkeiten und Komplexität der einzelnen Stimmen nicht unter den Tisch fallen lassen. Die transparente und präzise Ausführung der (teils auch atonalen) Komposition durch Julia Fischer und Augustin Hadelich ist in ihrer Virtuosität und Abstimmung in Dynamik und Agogik schlicht staunenswert. Das Programm des Abends mag in den Münchner Konzertsälen nicht alltäglich sein, doch auf seine ästhetischen Kosten kommt man definitiv auf diesem Streifzug quer durch die Musikgeschichte mit zwei Spitzenviolinisten und dem vielleicht besten Kammerorchester der Gegenwart.

Kritik: Bea Mayer