Der Bruder im Geiste – „John & Jen“ im Deutschen Theater (Kritik)

München gilt prinzipiell weniger als Stadt für großartige Experimente im Genre des Musicals, vor allem nicht im kleineren Rahmen. Eine absolute Ausnahme bilden allerdings die Produktionen der Theaterakademie August Everding, die nicht nur die zukünftigen Musical-Darsteller der Nation mitten im Studium präsentieren, sondern zusätzlich mit feinen, oftmals unbekannten oder gar noch nie aufgeführten Werken aufwarten. Das Projekt der Masterclass, bestehend aus Master-Studierenden des Studiengangs Musical, hat sich dieses Jahr mit dem Zwei-Personen-Stück „John & Jen“ beschäftigt, das am 16. März 2019 im Silbersaal des Deutschen Theaters Premiere feierte.

© Lioba Schöneck

Während zeitgleich im großen Haus des Deutschen Theaters unter großem Medientrubel der Spielzeitstart nach der Ballsaison mit der Premiere zu „Cabaret“ stattfindet, zieht es die Liebhaber der kleinen, nicht kalkulierbaren Erlebnisse in den Silbersaal, der zur Premiere ebenfalls aus allen Nähten platzt. Neben allerlei Publikum haben natürlich auch Freunde, Familie und Kommilitonen der Darsteller ihren Weg zur Erstaufführung gefunden, dementsprechend heimelig gestaltet sich der Rahmen. Auf der Bühne ist ein Haus aus riesigen Bauklötzen aufgebaut, damit kreiert man sich ein wechselndes Bühnenbild. Die Klötze selbst dienen als Kiste von Requisiten, zwei Kleiderständer präsentieren die wenigen Jacken und Schals, die als Verkleidung benutzt werden. Die Mittel sind also begrenzt – das Resultat allerdings umso größer.

Die Handlung gestaltet sich überraschend ernsthaft und bedrückend, wirklich humorvolle Momente gibt es nur szenenweise, der Grundton ist düster. Jen und ihr kleiner Bruder John leiden unter ihrem Elternhaus – allen voran der Junge wird von seinem Vater schon im kleinsten Kindesalter geschlagen. Beide Geschwister schwören sich, dass man immer aufeinander aufpasse. Als Jen allerdings aufs College geht, verliert sie sich im Hippietum und ihrem eigenen Egoismus, auf die Hilferufe ihres Bruders John reagiert sie abweisend. Ein Besuch nach sechs Jahren zeigt, dass die Geschwister sich vollends voneinander entfernt haben, man trennt sich im Streit und John, von seinem Vater als strammer Patriot ausgebildet, fällt mit 19 Jahren im Vietnamkrieg. Jen gibt sich die Schuld an seinem Tod und versucht an ihrem eigenen Kind, das sie nach ihrem Bruder benennt, das Verlorene wiedergutzumachen. Dabei kanalisiert sie ihre Trauer und ihren Wahn schnell in Kontrollsucht.

© Lioba Schöneck

Natürlich steht und fällt alles mit den beiden Hauptdarstellern, die das gesamte Musical tragen. Glücklicherweise haben sich mit Amber-Chiara Eul als Jen und Florian Koller als John zwei Studierende gefunden, die besser wohl gar nicht in den Rollen, aber auch miteinander harmonieren könnten. Der Score von Andrew Lippa, der hier nur von Klavier und Cello dargeboten wird, birgt nämlich einige hohe Gipfel an Tönen, die die Darsteller streckenweise wirklich erklimmen müssen – mit Bravour. Stimmlich brillieren beide in verschiedensten Lagen, wobei sich Kollers Stimme als wandelbarer und etwas koordinierter herausstellt – er ist es allerdings auch, der gleich in beiden Akten alle Altersstufen von Kleinkind bis Highschool-Abgänger absolvieren und sich faktisch nie auf einer Rolle ausruhen darf.

© Lioba Schöneck

Der stetige Rollentausch der Protagonisten gelingt erstaunlicherweise bestens und wirkt zu keiner Sekunde verwirrend – selbst kleine Einlagen von Moderation oder der Versuch, eine Talkshow darzustellen, sind verständlich. Gegen Ende des ersten Akts, dem Tod von John, rollt eine große Amerika-Flagge vom Balkon, die sich zum Schluss in das bezeichnende Bild des Vietnamkrieges von Nickt Út wandelt. Die Wucht der Bildhaftigkeit, zudem auf so einer kleinen Bühne, zwingt manche Besucher gar zu einer wahren Tränenflut – und ist das nicht genau die Bestätigung, dass Stück, Darstellung und Inszenierung von Regisseur Thomas Meinhardt funktionieren? „John & Jen“ klappt nicht nur bestens – es wirkt auch.

Weitere Vorstellungen: 22./23./29./30. März, Silbersaal im Deutschen Theater

Kritik: Ludwig Stadler