Herr der Gitarren – Joe Bonamassa in der Olympiahalle (Konzertbericht)

Der Blues hängt am 20. Mai 2019 in der Luft, als die Massen durch prasselnden Regen den Olympiapark zur Halle hin queren. Die Location ist vollbestuhlt an diesem Abend. Bis nahe an die Bühne heran ziehen sich die dichten Reihen der Stühle. Und sie füllen sich mit einem Publikum, das zu großen Teilen aus Männern in ledernen Jacken jenseits der Vierzig besteht. Ist es diese Riege der Altrocker, die die Musik Joe Bonamassas in München also anzieht? Ein ruhloses Volk, biertrinkend, bärtig, ewig der Freiheit der 70er- und 80er-Jahre hinterhertrauernd. Manche haben Frauen und Kinder dabei, manche sind in Anzug und hellblauem Hemd erschienen, die da die vordersten und teuersten Plätze der Olympiahalle füllen, als wären sie auf direktem Weg aus ihren gutbezahlten Bürojobs zum Konzert geströmt, nur um sich selbst zu beweisen, dass da doch irgendwie noch mehr sein müsse als dieser stete Alltag, mehr als der immerselbe Trott, einem Gefühl hinterherjagend, das lange schon nicht mehr ist als ein bitterer Geschmack im Gaumen.

© Rick Gould

Sanft und kühl bläst die Lüftung durch die riesige Halle, als eine alte Swing-Nummer durch die gewaltige Anlage ertönt und der Saal sich verdunkelt. Pünktlich um 20 Uhr betreten Joe Bonamassa und seine hervorragende Band die Bühne und steigen in den Swing mit ein. Die Musiker, die den Gitarristen da begleiten, sind nahezu alle nicht nur deutlich älter als er selbst, vor allem hat er sich da eine Band aus wahrhaft legendären Instrumentalisten zusammengestellt. Trompeter Lee Thornburg begleitete nicht nur Tom Petty und Rod Stewart, sondern arbeitete seinerzeit schon mit Ray Charles höchstpersönlich zusammen. Saxophonist Paulie Cerra fegt Soli wie aus Bill-Haley-Zeiten durch die Halle. Er war bereits in der Band Stevie Wonders tätig und tritt nebenbei sogar als Singer-Songwriter auf. Anton Fig spielte das Schlagzeug bereits auf Alben von Joe Cocker und Bob Dylan, war live außerdem lange Zeit mit Eric Clapton unterwegs, zu dem er auch eine persönliche Freundschaft pflegt. Aus Australien stammen die beiden vergleichsweise jungen Backgroundsängerinnen Jade MacRai und Mahalia Barnes. Überraschend: Ähnlich wie die Instrumentalisten erhalten die Beiden Solo-Parts in manchen Stücken, in welchen sie wortlos ihr spektakuläres Gesangstalent beweisen. Mit Blues-Rock-Großmeister Stevie Ray Vaughn spielte in den 80ern Reese Wynans, der Mann an den Tasten. Seit den 60er-Jahren ist der Musiker aus Nashville, Tenessee, schon auf den Bühnen der Welt unterwegs. Mit Hut und Hosenträgern wirkt er wie ein Blueser der alten Schule in einer verrauchten Kellerkneipe. Hammondorgel, Klavier und diverse E-Pianos beherrscht er mit erstaunlicher Leichtigkeit und liefert sich mehrfach an diesem Abend inszenierte und dennoch organisch wirkende musikalische Duelle mit dem Frontmann. „Last but not least“ steht Michael Rhodes, Erzmeister am Bass und eine Legende im Session-Bereich. Von Jazz über Rock und Blues bis in den modernen Pop hinein hat er die Bassspuren entworfen und performt für Künstler wie Johnny Cash, Mark Knopfler, Elton John und in jüngerer Vergangenheit sogar Taylor Swift.

© Rick Gould

Wie kann man sich als Frontmann, als Titelrolle der Show sozusagen, gegen diese musikalische Übermacht noch behaupten? Ganz einfach scheinbar, wenn man Joe Bonamassa heißt. Zwar lässt er allen Musikern genug Raum, um ihren Legendenstatus zu beweisen, und stellt seine Band nach ca zwei Dritteln des Konzertes ausgiebig vor; so ist es am Ende doch meist er selbst, der durch sein virtusoses, teils nahezu atermberaubend schnelles und akzentuiertes Gitarrenspiel die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Bonamassa singt kurz in seiner leicht angezerrten, wenn auch für den Blues vergleichsweise hohen Stimme eine Strophe oder einen Refrain, nur um sich gleich wieder ins nächste Solo zu stürzen. Seine Gitarre wechselt er dabei konsequent nach jedem Song aus. So spielt er sich durch verschiedenste Stile des amerikanischen Gitarrenbaus: neben Fender Stratocaster, Blues-Tele und Gibson Les Paul darf vor allem die Gibson Hollowbody á la BB King nicht fehlen. Sehr angenehm ist übrigens die reduzierte Lichtshow, die (anders als in vielen Shows in der Olympiahalle) die Musik mehr in den Vordergrund rücken lässt als das Spektakel. Eine Anspielung auf seine erfolgreichen Acoustic-Tournees macht er direkt als ersten Song der Zugabe, als er mit einer Westerngitarre alleine die Bühne betritt und eine von stark variierender Dynamik bestimmte, fast zehnminütige Version seines Songs „Woke Up Dreaming“ zum Besten gibt. Es folgen noch überraschend ausgiebige, weitere Zugaben, bis die Truppe schließlich um ca. 22:30 Uhr die Bühne endgültig verlässt. Eine erstaunlich energiegeladene und spielwillige Show, besonders wenn man bedenkt, dass es sich bereits um das 49. von insgesamt 50 Konzerten der aktuellen Tournee handelt, wie Bonamassa an einer Stelle des abends selbstironisch erschöpft anmerkt.

© Marty Moffatt

Doch zurück zu unserem Altrocker-Volk. Was war denn jetzt mit Freiheit, mit Zwanglosigkeit, mit „Abrocken“? Als zu Beginn der Show ein junger Mann um die Dreißig aufsteht und anfängt, zu einer Swing-Nummer zu tanzen, wird er von den Mitfünzigern hinter sich niedergebrüllt, er solle sich doch hinsetzen, und was er sich überhaupt einbilde, allen hinter ihm Platzierten das Konzert ruinieren zu wollen. Der ganze vordere Teil der Halle bekommt das mit, einige werfen sogar noch böse Blicke auf den Tanzenden. Dann herrscht die folgenden Nummern erst einmal gesittete Ruhe und einvernehmliches Gewippe mit dem Fuß, wie sich das wohl auf einem solchen Konzert gehört – oder? Zu blöd nur, dass Bonamassa selbst einige Songs später alle Zuschauer nach vorne ruft, fast ein wenig überrascht, dass dies nicht schon eher passiert sei. „You can dance – eh, if you want so.“ Die Mittfünziger auf den teuren Plätzen stehen irritiert auf, während von hinten schon eine Welle biertrunkener Menschen nach vorne drängt. Der Frontmann auf der Bühne zeigt sich publikumsnah. Joe Bonamassa, selbst Anfang Vierzig, und seine Band aus vielen altgedienten Musikern haben mit einer atemberaubend energiereichen Performance bewiesen, dass das Alter in der Musik und im Rock keine große Rolle spielt. Über die persönliche Einstellung mancher Leute kann man das wohl nicht behaupten…

Kritik: Thomas Steinbrunner