Quo Vadis – Joachim Witt im Backstage (Konzertbericht)

Die Sonne brennt wie verrückt auf den Münchner Boden, die Menschen tummeln sich hundertfach auf dem Backstage-Gelände. Das Ziel: der Backstage Biergarten, dort gibt es heute die Maß für 2,99€. Aber einige Besucher verirren sich dann doch in die Schlange zur Backstage Halle und denen ist wahrlich egal, wie heiß es ist und wie unangenehm die Stammstreckensperrung aufschlägt, denn nach ganzen vier Jahren hat sich Kult-Musiker Joachim Witt wieder einmal nach München begeben, um am 12. Mai 2018 dieses dementsprechend musikalisch zu beglücken. Ebendiesen Ruf sind viele gefolgt – überraschend viele, denn zum Ende des Abends kratzt die Halle fast an Ausverkauf, so gefüllt und stickig ist es. Ein fantastisches Zeichen für Witt, bei dem es in Bayern immer so kleine Probleme gibt, was die Besucherzahlen betrifft – dieses Mal aber die klare Botschaft, dass die (wieder) eingeschlagene Musikrichtung auch im bayerischen Raum bestens ankommt.

Aber erst einmal lichtet sich um kurz vor 20 Uhr der Besucher- und Bühnenraum, es ist Zeit für Scarlet Dorn und ihre Band. Und wo man diese knapp 45 Minuten nun einordnen soll, bleibt bis zum Schluss unklar. Überzeugend ist der geleckte und schnulzige Gothic-Pop-Rock jedenfalls auf keinen Fall, eher unfassbar langweilig und allein dadurch schon ziemlich ernüchternd, da das Mikro der Frontfrau so leise eingestellt ist, dass nur selten was durchschimmert – wenn das allerdings der Fall ist, wirkt das Gesungene so wahnsinnig unverständlich, dass man genauso klug wie zuvor ist. Auseinanderhalten der Lieder gelingt also nur instrumental und hier gleichen sich alle Melodien doch stark, maximal das kreative Drumming kann noch ein wenig herausholen. Da kann der putzige Keyboarder noch so verschmitzt und sympathisch lächeln, der abschließende Applaus gilt eher der Vorfreude auf den Headliner und nicht der kaum nennenswerten Performance. Schade.

Setlist: Hold On To Me / Heavy Beauty / I’m Armageddon / Dream On (Aerosmith Cover) / Hell Hath No Fury Like A Woman Scorned / Kill Bitterness With Love / Cinderella / I Don’t Know, I Don’t Care / Rain

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In der obligatorischen Umbaupause füllt sich die Halle mit dem zwar doch eher älterem, aber unglaublich verschiedenem Publikum doch sehr angenehm. Pärchen in tiefster Gothic-Kluft, die üblichen Metal-Festival-T-Shirts, aber auch ganz normale Alltagskleidung und das gespannte Verfolgen, was aus dem einstigen NDW-Star wohl geworden sei – alles war dabei. Als Joachim Witt gegen 21:10 Uhr also mit Umhang und Stock die Bühne betritt, wird er frenetisch begrüßt, was direkt im Opener „Herr der Berge“ mündet. Und so geht es dann auch weiter, denn Witt hat sich entschlossen, auf der Album-Tour konsequenterweise das gesamte neue Werk „Rübezahl“ in chronologischer Reihenfolge darzubieten. Ein im Laufe des Konzerts vielleicht doch etwas schwermütiges Unterfangen.

Zuallererst: „Rübezahl“ ist ein wahnsinnig gelungenes Album mit fantastischer Musik, tiefgehenden Texten und einer cleveren Instrumentierung. Und diese Instrumentierung wird überraschend originalgetreu und überzeugend von der fünfköpfigen Begleitband arrangiert, die, abgesehen von einer Vorstellungsrunde, ein wenig als Beiwerk verschwindet. Nur der musikalische Leiter Ruben Röh auf der rechten Bühnenseite mit Gitarre fällt ein wenig auf, da er wohl das Bedürfnis hat, seinen Mund- und Rachenbereich von innen zu zeigen und dies das gefühlt ganze Konzert – nunja, wenn es beim Musizieren hilft. Das Resultat kann sich in jedem Fall hören lassen, wenngleich sich nicht jeder Abschnitt des Bombast-Albums als live-taugliches Erlebnis herausstellt. Fraglos wummern „Agonie“, „Leben und Tod“, „Quo Vadis“, „Wofür du stehst“ und „Ich will leben“ als absolute Kracher durch die Boxen, doch einfühlsame Mid-Tempo-Nummern wie „1000 Seelen“, „Dämon“ und „Eis und Schnee“ stellen sich überraschend antriebslos und zu vertrackt für ein Konzert heraus. Im Album-Kontext, dem gespannten Lauschen der Lieder, tut das keinen Abbruch, aber auf der Bühne ist es nach dem abschließenden „Wiedersehen woanders“ doch eher ein Auf und Ab der „Rübezahl“-Songs.

Witt selbst führt in seiner kauzig-verwirrten Art durch den Abend. Mancher Besucher mag die eigenartigen Ansagen des Altmeisters sicherlich etwas verstörend oder mindestens sehr verrückt empfinden, letztendlich dienen diese aber nur dem Unterhaltungswert, sodass man das nicht allzu ernst nehmen sollte. „Für irgendwas muss man stehen im Leben, und wenn es das Vollkornbrötchen am Morgen ist“, sagt er beispielsweise vor „Wofür du stehst“. Und das ist sicherlich noch eine der normaleren Witze des Abends. Dass der Sänger aber alles andere als durchgebrannt ist, beweist er einige Stunden zuvor in unserem Interview, welches die kommenden Tage erscheint – und natürlich auch im Zugaben-Block. Dieser ist letztendlich ein treibendes und schnelles Best-Of von einigen Bayreuth-Stücken wie „Liebe und Zorn“ und „Das geht tief“ bis hin zu den beiden größten Hits, „Die Flut“ und „Goldener Reiter“. Und als dann plötzlich die rappelvolle Backstage Halle ungemein laut und kräftig die gesamte erste Strophe mitsamt Refrain von zuletzt genanntem Lied singt – da geschieht es dann doch, dass man bei Joachim Witt anhaltende, ehrliche Rührung aufgrund des großartigen Abends sieht.

Setlist: Herr der Berge / Ich will leben / Dämon / Goldrausch / Mein Diamant / Wofür du stehst / Quo Vadis / 1000 Seelen / Eis & Schnee / Agonie / Wenn der Winter kommt / Leben und Tod / Wiedersehen woandersZugaben 1: Liebe und Zorn / Das geht tief / Die Flut / Goldener ReiterZugabe 2: Strenges Mädchen

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Bericht: Ludwig Stadler
Fotos: Ronja Bierbaum