Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer (2018) – Filmkritik

(3,5 / 5)

© Warner Bros. GmbH

 

 

Regisseur/in: Dennis Gansel

Genre: Komödie, Familienfilm

Produktionsland: Deutschland

Kinostart: 29. März 2018

Laufzeit: 2 Std. 30 Min.

Uuuund… schon wieder eine Neuverfilmung. Die Abenteuer des ersten Romans rund um Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer von Michael Ende gehen damit in die nunmehr vierte Runde – jedoch das erste Mal als Realverfilmung. Ein Trend, der besonders bei aktuellen Großproduktionen der Disney-Studios, vom „Dschungelbuch“ bis zu „Die Schöne und das Biest“, zu observieren ist. Kein Wunder also, dass es sich beim deutschen Filmwerk um eine Co-Produktion mit Branchengigant Warner Bros. handelt, schließlich muss man der Konkurrenz mit modernstem CGI die Stirn bieten können. Regisseur Dennis Gansel spricht von einem wahren Herzensprojekt, dessen Umsetzung sich unfassbare 15 Jahre hingezogen haben soll. Obwohl Arbeitszeit natürlich nie ein Garant für Qualität sein kann, lässt sich das Resultat definitiv zeigen. Mit wenigen Abstrichen gelingt es Gansel nämlich tatsächlich, uns in die nostalgische, fantasievolle Welt von Ende zu entführen.

Lummerland, eine winzige Insel irgendwo im Meer, wird von nicht mehr als vier Einwohnern besiedelt: König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte (Uwe Ochsenknecht), Lokomotivführer Lukas (Henning Baum), Frau Waas (Annette Frier) und Herr Ärmel (Christoph Maria Herbst). Doch die Aufregung ist groß, als der Postbote eines Tages per Verwechslung einen kleinen Jungen abliefert, welcher kurzerhand behalten wird. Während dieser Jim Knopf (Solomon Gordon) unter der Obhut von Fr. Waas und Lukas zum Lokomotivführer heranwächst, macht sich für König Alfons ein großes Problem auf: Die Insel ist zu klein für fünf ausgewachsene Bewohner und Lukas‘ Dampfroß „Emma“. Schnell beschließen Jim und Lukas daher, Lummerland zu verlassen und sich in ein Abenteur gen Mandala zu stürzen, was sie schließlich zu einer gefährlichen und langen Befreiungsaktion der verschollenen Prinzessin Li Si (Leighanne Esperanzate) bringt…

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Die vorangegangenen Zeichentrick- und Puppenspielversionen (der Augsburger Puppenkiste) der beliebten Kinderreihe feierten unter anderem aufgrund ihrer großen Detailtreue zu den Romanen große Erfolge – doch so ein Transfer zwischen den Medien muss des Öfteren auch gewissen Additionen und Assimilationen unterlaufen, da das ’storytelling‘ völlig anders funktioniert. Die Zeichentrickversion flechtete demgemäß einige neue Szenen ins Geschehen ein, um etwaige Motivationen besser nachvollziehen zu können. Besonders in der ersten halben Stunde des Kinofilms führt das Herunterbrechen einer komplexen Geschichte auf zwei Stunden Gesamtlaufzeit damit leider zu zahlreichen Logiklöchern: So wird bspw. der eigentliche Grund, weshalb Fr. Mahlzahn überhaupt Kinder entführt oder sie zum Schulbankdrücken zwingt nicht erläutert (in der Serie mithilfe eines Prologs gelöst) und Jim Knopf verfällt Li Si’s Charme lediglich aufgrund eines großen Stadtbanners mit ihrem Gesicht darauf (in der Serie dagegen durch ein frühes, persönliches Aufeinandertreffen erklärt) – zudem wird Pi Pa Po, einer der eigentlich zentralen Antagonisten, innerhalb weniger Minuten abserviert. Sobald allerdings dann die Reise der beiden Freunde gen Drachenstadt Fahrt aufnimmt, gibt es weit weniger zu meckern. Eigentlich alle Stationen der Heldenreise und sämtliche, liebgewonnene Charaktere, vom einsamen Scheinriesen Tur Tur bis zum süßen Nilpferddrachen Nepomuk, lassen sich wiederfinden. Während die Darstellung der Kulturen aus heutiger Sicht arg stereotypisch daherkommt, sind die zugrunde liegenden moralischen Botschaften wie Antirassismus und Vorurteilsprävention genauso allgegenwärtig relevant wie auch in der Romanvorlage – das im Buch häufig verwendete N-Wort wurde selbstredend aus der Verfilmung gekickt.

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Anfangs, mit der Sichtung des träumerischen Märchen-Lummerlands und den unendlich stylisierten Charakteren, könnte man noch meinen, „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ wird ein genauso entspannt putziger Film wie seine Vorläufer. Da wurde die Rechnung allerdings nicht mit Dennis Gansel gemacht. Sobald sich die Draufgänger in ihre Junior-Odyssee stürzen, wird einem die moderne Visualität schnell bewusst. So legen Jim und Lukas beispielsweise nicht einfach unbeschwert an Lummerland an, sondern müssen sich zuvor einem orkangleichen Gewitter inklusive Monsterwellen, wie von Poseidon persönlich geschickt, gegenüberstellen – bevor sie schließlich bewusstlos ans Ufer gespült werden. Irgendwie muss das fette Budget ja ausgenutzt werden. Stilähnlich wird das Wagnis mit atemberaubenden Animationen und wunderschönen Kulissen fortgeführt, während es dem Film gelingt zu keinem Zeitpunkt seine gute Seele zu gefährden und stets zielsicher Story über Bombast zu setzen. Henning Baum zeigt als Bud Spencer-Klon seine amüsanten B-Movie Fighting-Skills und Fr. Mahlzahn wird zum überdimensionalen Fantasy-Ungeheuer, welches das Fürchten lehrt. Störend wirken diese modernen Generalüberholungen aber kaum, denn in den gefühlvollen, ruhigen Momenten punkten genau diese Charaktere mit nicht weniger Charisma als noch vor so vielen Jahren. Ein gelungener Balance-Akt!

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Probleme mit den Figuren lassen sich dafür vor allem im visuell traumhaften Lummerland finden. Zunächst einmal sind die Kostüme (im Gegensatz zur restlichen Fantasie-Welt) unsagbar lachhaft gestaltet, denn der Versuch die Realverfilmung ähnlich cartoonhaft wie den Zeichentrick zu präsentieren, wirkt eher wie ein unkreativer Griff in die Faschingskostümkiste. Desweiteren wird jenes kunterbunte Geschmacksdefizit ähnlich gekünstelt von der Schauspielerriege exekutiert. Uwe Ochsenknecht, Annette Frier und Christoph Maria Herbst fehlen wahrnehmbar der nötige Pfiff für die einstige Magie (immerhin wirkt Annette Frier’s Fr. Waas nicht mehr derartig unberechenbar creepy wie noch Selbige in der 1999er Serie). Abgesehen davon und des zwar süßen, aber für die Leinwand viel zu jungen Ping Pong-Darstellers Eden Gough, macht die restliche Crew einen passablen Job – auch wenn Lukas‘ Beziehung zur (lebendigen!) Lokomotive Emma teilweise schon arg unheimlich an der Grenze zur Sexualität schrammt. Vor allem herauszustellen ist Michael Bully Herbig als Nepomuk, der nur mit seiner talentierten Stimme allein dem animierten Halbdrachen eine gemütsreiche Seele einhaucht.

Fazit: In „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“-2018er Version steckt eine große Passion sowie großer Respekt für Michael Endes Vermächtnis. Dennis Gansel beweist viel Liebe zum Detail und verpflanzt eine beinahe vergessene, aber nicht minder faszinierende Geschichte erfolgreich in die Moderne. Eine willkommene Abwechslung zum heutigen Einheitsbrei, welche durch ein paar dramaturgische und schauspielerische Unregelmäßigkeiten ums eine oder andere Mal ins Stocken gerät. Doch das wirklich Schlimme: Andreas Gabalier versalzt mit seiner frevelhaften Schlager-Neuauflage des Titelsongs „Eine Insel mit zwei Bergen“ im Abspann den eigentlich guten Nachgeschmack des Films – ziemlich unnötig.

(3,5 / 5)