Eine bunte Mischung – Janine Jansen in der Philharmonie (Kritik)

Das Konzert am 20. November 2018 mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra, dem Dirigenten Daniel Harding und Janine Jansen als Solistin ist wie ein Streifzug durch drei verschiedene Gattungen der klassischen Musik: Oper, Solokonzert und Sinfonie sind allesamt im Programm vertreten.

Eröffnet wird das Konzert durch Hector Berlioz‘ „Chasse royale et orage“ (Königliche Jagd und Sturm) aus der Oper „Les Troyens“. Daniel Hardings eleganter Dirigatsstil fasziniert vom ersten Moment an: er formt die Musik wortwörtlich mit seinen Händen. Man kann den Klang vermeintlich schon hören, bevor das Orchester spielt – alleine durch die Handbewegungen des Dirigenten. Das Stück gestaltet er sehr differenziert und mit Berücksichtigung jeder einzelnen Stimme. Auch die Balance zwischen den Fernhörnern und dem Orchester auf der Bühne ist beispielsweise perfekt austariert.

© Decca / Marco Borggreve

Dann betritt Janine Jansen die Bühne. Die Violinistin kommt in einem schlichten schwarzen Kleid, in dem sie sich kaum von den schwarz gekleideten Orchestermusiker/-innen abhebt. Auch den ersten Ton des Violinkonzerts von Jean Sibelius über den leisen Wellen der Streicher setzt sie sehr unauffällig und beinahe schüchtern an. Doch dann steigert sie sich Note für Note in den immer höher aufsteigenden weiten Phrasen. Spätestens als sie die erste sul-G-Passage erreicht, kommt ein extrem voller, fast schon „rotziger“ Ton zum Vorschein. Das Orchester lässt ihr in diesem Satz klar den Vortritt, es hält sich auch in den Tuttistellen sehr düster, wohingegen Jansen gerade die hohen Tonlagen und Dissonanzen mit ihrem vielen und großen Vibrato voll auskostet.

Allgemein gestaltet die Niederländerin den Satz im Folgenden äußerst temperamentvoll und physisch. Oftmals hört man den Schlag auf die Saiten, wenn sie den Bogen zu einem neuen Einsatz ansetzt! Ihr Klang ist in diesem ersten Satz sehr kratzig und rau, was sie zudem vom dunklen Orchesterklang abhebt und emanzipiert. Damit wird sie dem Konzert in vollster Weise gerecht – die Emanzipation der Geige ist ja geradezu vorgeschrieben, indem sie quasi-solistisch das Werk eröffnet und das Thema vorstellt!

Im zweiten Satz tauscht Janine Jansen allerdings gegen einen goldenen, kraftvollen Klang, den sie teilweise mit einem fast zittrigen Piano auflockert. Die breiten, melancholischen Melodiephrasen erhalten ein wunderbares (De-)Crescendo in diesem romantischen Satz, den Jansens Kollege Frank Peter Zimmermann als den anstrengendsten des ganzen Konzerts bezeichnet.

© Julian Hargreaves

Der dritte Satz beginnt mit Pauken und Kontrabässen, worauf die Violine mit dem virtuosen, punktierten Eingangsthema einsetzt. Hierbei wählt Jansen aber ein extrem stürmisches Tempo. Das rhythmische erste Thema klingt sehr gehetzt, einige Noten werden fast verschluckt. Das bleibt allerdings der einzige Ausreißer der höchst treffsicheren und mit verschiedensten Klangfarben spielenden Künstlerin. Jetzt, im Finale, ist der beinahe schmutzig anmutende Ton aus dem ersten Satz zurück und sorgt dafür, dass man den Satz wirklich als „Danse macabre“ versteht, wie ihn Sibelius selbst bezeichnet hat. Die Solistin wechselt jetzt viel zwischen Vibrato und geradem Klang und spielt weiterhin derart energetisch, dass man als Zuhörer ernsthaft Herzrasen bekommt, je näher und rasanter sich das Werk auf sein Ende zu bewegt. Erlöst wird man vom viergestrichenen D als letzter Note der Violine, die in diesem Konzert somit auch das letzte Wort behält. Als Zugabe auf begeisterten Applaus ließ Janine Jansen noch die Sarabande aus der zweiten Partita von Johann Sebastian Bach hören. Eine perfekte Kombination – sowohl diese Partita als auch Sibelius‘ Violinkonzert haben die Grundtonart d-moll und stellen beide eine Art Monolog der Geige dar. Jansens Bach ist erneut dynamisch und doch gleichzeitig schlicht, er holt das Publikum wieder zurück aus den ekstatischen Welten des Jean Sibelius.

Nach der Pause steht Ludwig van Beethovens bahnbrechende Dritte Sinfonie, die „Eroica“ an. Das Swedish Radio Symphony Orchestra unter seinem Chefdirigenten Daniel Harding wählt ein recht zügiges Tempo für den ersten Satz. Dynamisch gestaltet ihn Harding sehr „zweiseelig“: auf zarte und weiche Kantilenen folgen wütende Forte-Passagen. Hardings „Eroica“ klingt insgesamt so, wie Beethoven als Mensch gewesen sein muss: temperamentvoll, loyal, eine harte Schale mit weichem Kern. In seinem Orchester hat er einen äußerst energetischen Klangkörper, der vor allem im Finale auch physisch komplett in der Musik ist – allen voran die extrem engagierte Konzertmeisterin, die mit dem ganzen Körper die Einsätze angibt. Dieser Abend geht somit mit Beethovens freigeistigem Monumentalwerk prachtvoll und triumphal zu Ende.

 

Fazit: Ein vielseitiges Programm mit einem Orchester und Dirigenten, die sich in jedes Werk problemlos einfinden und ihm eine besondere Vielschichtigkeit verleihen können. Janine Jansen besticht durch makellose Technik und Klangfarbenreichtum auf ihrer Stradivari sowie beeindruckendes und mitreißendes Temperament!

Kritik: Bea Mayer