Jahrhundertfrauen – Filmkritik

(3,5 / 5)

 

© 2017 Annapurna Pictures, Archer Gray, Modern People

Regisseur: Mike Mills

Genre: Drama

Produktionsland: USA

Kinostart: 18. Mai 2017

Laufzeit: 1 Std. 59 Min.

Die 70er Jahre waren eine turbulente Zeit. Die Punkszene schockierte ganze Elternscharen, neu erstarkte Feminismus-Bewegungen krempelten das geschlechtliche Miteinander um und Nixon’s Watergate-Affäre kratzte am ohnehin schon mangelnden Vertrauen amerikanischer Bürger gegenüber der Regierung. Doch diese Themen werden in „Jahrhundertfrauen“ nur als Vehikel zum besseren Verständnis der Lebensumstände einer neuen Generation genutzt. Es herrschte eine allgemeine Umbruchstimmung, geleitet von jungen Individuen, welche versuchten, auch ohne überholt konservative Wertevorstellungen ihren selbst errichteten Sinn im Leben zu finden. Eltern hatten es dabei jedoch mindestens genauso schwer, denn diese mussten versuchen, den nur schwer greifbaren Nachwuchs auf diesem neuen Weg zu unterstützen, den sie selbst nicht einmal richtig verstanden.

1979: Die Mitte 50-jährige Dorothea Fields (Annette Bening) scheint der Aufgabe als alleinerziehender Mutter nicht mehr gewachsen. Ihr 15-jähriger pupertierender Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) wird für sie zunehmend unzugänglicher. Da für sie viele Aspekte der neuen Umbruchs-Generation nicht länger greifbar sind, bittet sie Jamie’s beste Freundin Julie (Elle Fanning) und die Untermieterin Abbie (Greta Gerwig) um Unterstützung. Das Dreiergespann macht es sich fortan zur Aufgabe, aus Jamie einen anständigen Mann seiner Zeit zu machen. Die Herangehensweisen sind dabei aber ganz unterschiedliche. Während Dorothea, obwohl sie selbst zutiefst unglücklich ist, versucht ihrem Sohn Lebensweisheiten zu schenken und sich auf die moderne Welt einzulassen, vertraut Julie ihm ihre eigenen Erfahrungen der Pubertät an und Abbie führt ihm ohne Vorbehalt das nächtliche Partyleben und ihre emanzipatorischen Ansichten vor. Da Jamie zum ebenfalls ins Haus gezogenen Handwerker William (Billie Crudup) und damit der einzigen männlichen Bezugsperson keinen wirklichen Draht hat, sind die drei Frauen bei diesem Unterfangen auf sich gestellt…

© 2017 Annapurna Pictures, Archer Gray, Modern People

Bereits das Haus der ungewöhnlichen familienähnlichen Gemeinschaft wirkt, als ewige Baustelle durch Renovierungsarbeiten, wie eine Metapher auf die gesamte Handlung. Hier wird nun mal keine glatte Geschichte nach aristotelischem Schema erzählt, sondern ein kleiner Ausschnitt aus dem komplexen Alltag verschiedenster, menschlicher Beziehungen, welche genau so oder so ähnlich real existier(t)en. Das Leben ist wirr, unvorhersehbar und ganz bestimmt nicht schwarz-weiß. Das wird auch durch die liebevolle Figurenzeichnung im Drehbuch mehr als deutlich, welcher durch den talentierten Cast Leben eingehaucht wird. Jeder Charakter hat den Zeitgeist wiederspiegelnde Herausforderungen, welche sich hin zu wahren Komplexen entwickeln. Umgegangen wird damit auf ganz unterschiedliche Weise. Nur das Rauchen wird hier noch als kollektiv psychische Fluchtmöglichkeit vorgeführt. In diesem Film wird gequalmt, als gäbe es keinen Morgen, was im Prinzip aber nur ein weiterer essentieller Faktor des damaligen Lebensgefühls ist. Für den eigentlichen Protagonisten Jamie scheint es jedenfalls nicht außergewöhnlich zu sein, wenn ihm bei Gesprächen über ethische Entfaltung sowohl Mutter als auch 17-jährige Hardcore-Friendzone-Jugendfreundin die Sicht zurauchen. Im Gegenteil, er probiert sich selbst darin und wird auch gelassen. Allgemein spielt Lucas Jade Zumann seinen Charakter eben als unsicheren Teenager, der gerne und viel ausprobiert, um herauszufinden, wo sein Platz in der Welt ist. Dabei bekommt er verhältnismäßig relativ wenig Screentime, denn die eigentlichen Zentralfiguren sind andere (und werden ja bereits durch den Titel verraten).

© 2017 Annapurna Pictures, Archer Gray, Modern People

Regisseur Mike Mills hat hier nämlich ein echtes Herzensprojekt umgesetzt, daran besteht kein Zweifel. Mit dem selbstverfassten Drehbuch möchte er eine Hommage, ein Zeichen der Bewunderung an all jene Frauen richten, die unter diesen Umständen ihren Weg gefunden und sich einfach nicht kleinkriegen haben lassen. Eine Liebeserklärung an die „20th Century Women“ (Originaltitel), welche auch die weibliche Selbstbestimmung nachgehend geprägt haben. Da der Fokus auf dem puren Erzählen dieser Geschichte liegt, ist „Jahrhundertfrauen“ eben auch bestimmt kein künstlerisch innovativer Film. Einige Licht- und Zeitraffereffekte, ein paar originelle Perspektiven sowie Voice-Over Erzählungen geben dem Geschehen dennoch das nötige Etwas, um im richtigen Moment die Atmosphäre zu untermalen.

© 2017 Annapurna Pictures, Archer Gray, Modern People

Wo liegt also die Problematik in „Jahrhundertfrauen“? Bei dieser ganzen „Früher gab es einen Sinn im Leben, heute ist jedoch nichts mehr von Bedeutung“-Thematik bekommt man einfach bald das Gefühl, dass der Film sich im Kreis dreht. Themenbereiche verschwinden genauso sporadisch wieder in der Versenkung wie sie angesprochen werden, können sich somit nie wirklich tiefgründig entfalten und philosophische Inhalte verkommen damit schnell als Mittel zum Zweck. Natürlich, die Dialoge sind intelligent geschrieben und das angesprochene Lebensgefühl wird gekonnt eingefangen, doch die Rechtfertigung für eingestreute Weltraumaufnahmen kann nicht nur die des konfusen Zeitgeistes sein. Am Ende ist man damit durch fehlende Substanz nicht wirklich emotional berührt und geht zudem (trotz aufgezwungenem Happy End) mit einer eher pessimistischen Stimmung aus dem Kino. Was will der Film also vermitteln bzw. will er das überhaupt? Man fühlt sich danach jedenfalls nicht wirklich schlauer. Immerhin wird hier eine gewisse Konsequenz bewahrt.

Fazit: „Jahrhundertfrauen“ ist ein wunderschöner Coming-of-Age-Film mit hervorragenden Schauspielern, der sich jedoch durch die zu komplexe Thematik ein wenig in der eigenen Welt verliert. Man hat beinahe den Eindruck, Regisseur Mike Mills hätte zeitweise vergessen, dass er gerade einen Film dreht und keinen Minnesang an seine Mutter dichtet. Ein Fokus auf weniger, dafür aber intensiveren Gedankenphilosophien oder eine längere Laufzeit hätte ihm durchaus gut getan.

(3,5 / 5)