Satz mit X – „Indien“ im Volkstheater (Kritik)

Im Netz gilt das Jahr 2020 bereits als Albtraum zukünftiger Schülergenerationen, die dieses Jahr irgendwann mal für eine Geschichtsklausur auswendig lernen müssen. Von Buschbränden in Australien zur weltweiten Verbreitung des neuartigen Coronavirus bis zu einer neue Umweltkatastrophe, als ein Öl-Transporter vor Mauritius havariert – die Liste ist endlos und es ist erst August. Jetzt hat am 14. August 2020 das wohl aktuellste Theaterstück der deutschen Theaterszene im Münchner Volkstheater seine Premiere gefeiert. Regisseur Simon Solberg hat in „Indien“ versucht, den aus den 90ern stammenden, gleichnamigen Kultfilm auf die Bühne zu bringen und zu aktualisieren. 

© Arno Declair

Die Inszenierung beginnt vielversprechend in einem Museum, der technik-vernarrte Mensch als Ausstellungsrelikt der Digitalisierung, die moderne Frau als erweitertes Nutztier, das in der Freizeit neben Kindererziehung und Haushalt spaßeshalber auch noch zur Arbeit geht. Doch dann beginnt das richtige Stück, der Prolog nichts weiter als eine Fata Morgana. Zunächst werden die Protagonisten vorgestellt, zwei Beamte der bayrischen Regierung, die in verschiedenen Betrieben kontrollieren sollen, ob die angeordneten Corona-Maßnahmen auch wirklich umgesetzt werden. Dabei sind Carolin Hartmann als Fellner und Jonathan Müller als Bösel ordentlich klischee-beladen und teilweise in ihren Figuren anstrengend. Die Eine eine absolute Proletin, die genauso auch bei einem Reality-TV-Format auf RTL2 vorkommen könnte, der Andere ein vom Leben gelangweilter Macho, der sich, außer um sein geliebtes Schnitzel, um gar nichts Gedanken machen will und vermutlich kann. Dann folgt man diesen beiden Charakteren in die verschiedenen Betriebe und es wird in kurzen Szenen gezeigt, wie Fellner ahnungslos vor sich hin brabbelt und Bösel sich durchgehend bestechen lässt, während er halbherzig mit sexistischen Aussagen seiner Kollegin antwortet. Die Länge und Varianz der verschiedenen Orte des Geschehens erinnern dabei eher an Sketch-Comedy oder Comedy auf Tik Tok, bei der man einfach weiterscrollen will. Hektische Kostümwechsel und Requisiten-Improvisation mit Zollstöcken inklusive.

© Arno Declair

Das problematischste an der Inszenierung? Die Prioritätensetzung. Im Vordergrund werden Fellner und Bösel immer wieder dazu verleitet, ihr verallgemeinertes und vorurteilsbeladenes Halbwissen über andere Kulturen zu äußern, dabei wird beispielsweise die indische Spiritualität absichtlich missdeutet und fetischisiert. Gleichzeitig stellen im Hintergrund vier Statist*innen in den Schaukästen des zu Beginns gezeigten Museums die Themenbereiche dar, die in der heutigen Zeit wirklich wichtig sein sollten: Umweltzerstörung, Rechtsruck der Justiz und Polizeigewalt, Schönheitswahn und Pflegenotstand, die Abholzung des Regenwalds. Eigentlich hätten die Themen viel mehr Aufmerksamkeit verdient, in den Schaukästen werden sie, dank der Materialschlacht im Vordergrund, leider sehr leicht übersehen und maximal ein Hauch des Vergangenen.

Die vier Statist*innen, alle vier Student*innen der Münchner Schauspielschulen August Everding Theaterakademie und Otto Falckenberg Schule, sind ein Lichtblick für das ansonsten stark beanspruchte Publikum. Lina Witte und ihren Kolleg*innen Benedikt Kosian, Lea Reiht und Florian Voigt gelingt es in kurzen Einlagen, die verschiedensten Themen humorvoll auf den Punkt zu bringen. Gerade Lina Wittes Kommentar zur Lufthansarettung treibt Lachtränen in die Augen des Publikums und erntet verdienten Szenenapplaus. Die musikalischen Einlagen, querbeet durch die Soundtracks von Film und Fernsehen, von Carolin Hartmann und Jonathan Müller sind zudem wunderschön, stimmgewaltig und emotional. Ideen wie ein Mitmach-Rave fürs Publikum und Berührungs-Outsourcing an Zuschauer aus einer Aerosolgemeinschaft beweisen das leider verschenkte Potential dieser Inszenierung. Die deutliche Mehrheit der Pointen zündet nicht, wenn doch, dann lachen vorwiegend Männer über die oft veralteten Witze und Anmerkungen. Was im Kultfilm 1995 noch funktioniert haben mag, ist für 2020 meist nicht mehr hinnehmbar. Vielleicht ist ja genau dies die Intention des Regisseurs, dass die kopfschüttelnden Zuschauer am Ende die beiden Beamten als Nicht-Zuhause-Nachmachen-Beispiele sehen und dadurch inspiriert werden, sich für Umweltschutz und gerechte Politik einzusetzen?

Carolin Hartmann sagt im Stück: „Gefühle müssen ja mal raus“ und da kann man nur zustimmen. Wie bereits erwähnt, liebes Volkstheater: Satz mit X.