In den Gängen (Filmkritik // Filmtipp)

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© Zorro Film

 

 

Regisseur/in: Thomas Stuber

Genre: Drama

Produktionsland: Deutschland

Kinostart: 24. Mai 2018

Laufzeit: 2 Std.

 

 

 

 

 

Was haben „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Pan’s Labyrinth“ und „Die fabelhafte Welt der Amélie“ gemeinsam? Sie alle konzipieren ihre Faszination durch die Kreation einer beinahe völlig isolierten, aber in sich kohärenten ‚Sub-Welt‘ innerhalb der unseren – mit völlig eigenen Gesetzen und einem individuellen Charme. Sie saugen uns förmlich ein in fantasiereiche Paralleluniversen voller kleiner und großer Wunder – für Momente vergessen wir, ’nur‘ im Kino zu sitzen. Wer hätte gedacht, dass sich nun gerade eine Story über Gabelstaplerfahrer zu dieser Rubrik gesellen würde? Doch tatsächlich verbildlicht Regisseur Thomas Stuber mit „In den Gängen“ (nach einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer) eine der beeindruckendsten Zwerg-Galaxien der vergangenen Jahre – und das ausgerechnet in einem Supermarkt.

Der schüchterne Christian (Franz Rogowski) bezieht in der Getränkeabteilung eines Großmarkts seinen neuen Job. Während er vom alteingesessenen Abteilungsleiter Bruno (Peter Kurth) in sämtliche Komplexe des Fachs eingewiesen wird (allen voran das Gabelstaplerfahren), verliebt sich Christian alsbald in die offenherzige Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung. Zunächst verlaufen die Flirts vielversprechend und so langsam findet er sich in der Getränkeabteilung zurecht – als Marion jedoch plötzlich nicht mehr zur Arbeit kommt und der routinierte ‚Workflow‘ auch noch zum trostlosen Alltagstrott verkommt, flüchtet sich Christian in seine düstere Vergangenheit…

© Zorro Film

Wenn unser Protagonist das erste Mal die verwinkelten Gänge seiner neuen Arbeitsstätte durchstreift, ist das für uns zugleich ein allegorischer Türöffner in den exotischen Dunstkreis einer überraschend vertrackten Subkultur. Die Welt des Einzelhandels segmentiert sich in zahlreiche Wirkungsbereiche, welche alle jeweils ihre ganz eigene Expertise erfordern (Cellentani-Nudeln sind nicht gleich Penne!). Mit vielen Abteilungen, teilweise gar mit eigener ‚Klimazone‘, von ‚Sibirien‘ (=Tiefkühllager), über einen Strand (Palmentapete im Mitarbeiterraum) bis zum ‚Meer‘ (=Fischbecken) entpuppt sich dieser Mikrokosmos als eigenes Uhrwerk, bei der die einzelnen Zahnräder/Bewohner sich zwar ab und zu in die Haare kriegen und gegenseitig ‚Hubis‘ (=Hubwägen) klauen, sich im Endeffekt aber als eine große Familie verstehen – eine einsiedlerisch-solidarische Welt, in der nun auch Christian erst einmal Fuß fassen muss, um überhaupt akzeptiert zu werden. Obwohl seine ersten Anläufe eher einem Kleinkind gleichen, welches das Laufen lernt, gelingt ihm durch zielorientiertes Training (inklusive schulischer Klausuren zum blutigen „Gabelstapler Klaus“-Kurzfilm) schließlich doch noch der Ritterschlag in Form des Gabelstapler-Führerscheins.

In den Gängen“ ist eine bezaubernde Liebeserklärung an ein Milieu, dass sich von der Gesellschaft hintergangen fühlt und dementsprechend isoliert hat. So verkommt das Großmarkt-Labyrinth bei unbelebter Nacht zur Metapher für eine spürbar endlose Traurigkeit zwischen lebenslangem Knast und Realitätsflucht durch Selbstbeschönigung. Lediglich eine ständig laufende „Pop-Hits der 80er“-CD lässt die brennende Trostlosigkeit mit einem Nostalgie-Tropfen abkühlen. Die Mitarbeiter agieren genauso verrostet wie ihre ‚Hubis‘, tragen Gesichter wie die verwelkten Pflanzen im Büro und scheuen sich nicht davor, aus dem Mülleimer der weggeworfenen Großmarkt-Lebensmittel zu naschen. Mentorfigur Bruno hat den Freiheits-Gedanken bereits aufgegeben – erinnert sich nur noch gerne an die schöne Zeit als Lastwagenfahrer zurück: „Ich vermisse die Straße“ meint er. ‚Paletten-Klaus‘ (Michael Specht) trumpft immerhin noch mit trockenen Witzeleien und kleinen Albernheiten durch einen unverkrampften Optimismus auf. Mit vielen liebevollen Details zeichnet Regisseur Stuber auf diese Weise faszinierende Poesie irgendwo zwischen optisch düsterer Schönheit und einer depressiven ‚Auch Scherben spiegeln das Licht‘-Mentalität. Wenn dann klassische Musik von Johann Strauß oder Johann Sebastian Bach gespielt wird und die grazil geführte Kamera atemberaubend hübsche Bilder zeichnet, welche graue Regale in sowas wie beruhigende ‚Landschafts’fotografien mutieren lassen, entfalten sich Christians nächtliche Rundfahrten zum sinfonischen Höhepunkt eines modernen Märchens mit Gänsehaut-Garantie.

© Zorro Film

Das i-Tüpfelchen dieses Meisterwerks entfaltet sich durch die eigentlich eher beiläufige Romanze: Eine rührende Geschichte zweier Menschen, die ihre ‚Beinahe‘-Dates am kahlen Getränkeautomaten mit weggeworfenen Süßigkeiten oder auf Plastikstühlen mit Blick zur Autobahn abhalten. Doch alles nicht so tragisch: Mit genug Fantasie wird der Hitzestrahler zur Sonne Ibizas und die Gabelstapler-Geräusche zu angenehm gleichmäßig strömenden Wellen. Sandra Hüller und Franz Rogowski porträtieren diese minimalistischen Momente derartig einfühlsam und authentisch, dass man ihnen eigentlich lieber selbst auf der geflickten ‚Wolke Sieben‘ hin zum imaginären Palmen-Paradies folgen würde, statt sich am Ende des Films von diesem herzzerreißenden Mini-Universum verabschieden zu müssen.

Fazit: Schon jetzt einer der besten Filme des Jahres. Aus dem eigentlich beklemmenden Alltagsleben einer vereinsamten Supermarkt-‚Großfamilie‘ zeichnet Thomas Stuber ein gleichermaßen berührendes wie schwermütiges Bilder-Gedicht, ohne dabei jemals den letzten Hoffnungsschimmer aus den Augen zu verlieren, denn: Meistens sind es einfach die kleinen Dinge im Leben, die einem ein Lächeln aufs‘ Gesicht zu zaubern wissen. 

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