Here In My Room – Incubus in der TonHalle (Konzertbericht)

Anfang der 2000er-Jahre war die große Zeit des Mainstream-Rock, etliche amerikanische Rockbands gingen damals durch die Decke und schmücken bis heute die oberen Positionen der größten Festivals. Heutzutage, viele Jahre später, ist der Hype zwar vollkommen vorbei und der Mainstream ist gefangen in einer Schleife zwischen seelenloser DJ-Musik mit fünf Featuring-Gästen oder Cloud Rap, dennoch halten immer noch genug Liebhaber die Fahne handgemachter Musik nach oben. Beim Konzert von Incubus am 1. September 2018 in der restlos ausverkauften TonHalle zeigt sich genau das wieder einmal – eine sicher dreistellige Zahl von kartensuchenden Fans irren umher, um ihre Idole von damals zu erleben. Das Kartoffellager am Ostbahnhof ist wohl doch zu klein für die Amerikaner, das Zenith aber inzwischen groß – so wird es eben kuschelig in der gefühlt noch nie so vollen Konzertlocation.

Punkt 20:30 Uhr startet erst einmal Ecca Vandal mit ihrer Band. Die Australierin wird den Wenigsten im Raum ein Begriff sein, zudem es auch ihr erster Auftritt in München ist, wie sie freudig gesteht. Die Musik ist ein wilder Mix aus Hip-Hop, Hardcore und Electronica, wird sich dabei aber nicht so recht einig und switcht gerne auch mal im Lied selbst das Genre. Das alles gepaart mit der Stimme der etwas exzentrischen Frontfrau ergibt zwar ein einzigartiges Soundbild, an das man sich allerdings erst einmal gewöhnen muss. Das gelingt am Ende des 30-minütigen Sets, doch dann ist der Spaß nach neun Liedern im Dauerfeuer auch schon wieder vorbei und endet mit der Vandal selbst im Moshpit bei „Broke Days, Party Nights“. Den Sinn eines Vorheizers hat die junge Frau aus Melbourne vollends erfüllt – ob sich allerdings allzu viele Freunde der eigensinnigen Musik gefunden haben, bleibt zu bezweifeln.

Setlist: End Of Time / Battle Royal / Cassettes, Lies And Videotapes / Running At People Exiting / Truth To Trade / Future Heroine / Price Of Living / Closing Ceremony / Broke Days, Party Nights

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Nach der obligatorischen Umbaupause ist es dann aber um kurz nach 21:30 Uhr Zeit für die großen Headliner des Abends: Incubus. Bereits davor werden gefühlt zehn Trommeln, abgesehen vom eigenen Schlagzeug, auf die Bühne gebracht, zusätzlich zu den vielen Einzelinstrumenten – dass hier auf Live-Musik gesetzt wird, ist sofort zu erkennen. Zu hören ist es natürlich ebenso, denn ohne Intro legen die Musiker sofort mit „Privilege“ los und werfen „Anna Molly“ sofort hinterher, was die Menge in Windeseile aufheizt und die Halle dementsprechend auf eine Temperatur bringt, die die Hitze der letzten Wochen problemlos übertrifft. Allgemein erweist sich der Beginn, nur unterbrochen von „State Of The Art“ aus dem neuen Album „8“, als eine Aneinanderreihung schneller und tobender Songs, die Band will es scheinbar wissen und feuert ein Potpourri aus den frühen 2000er-Jahren heraus – ganz zur Freude der unzähligen älteren Fans.

Das Bild hat sich ein wenig gedreht. Zu Zeiten der Single „Drive“ im Jahr 2004 bespielten Incubus noch das Zenith, darin unzählige kreischende, meist weibliche Anhängerinnen der Musik – oder vielleicht doch eher von Sänger Brandon Boyd. Dieser sieht zwar 2018 mit seinen 42 Jahren immer noch äußerst gut aus, aber dass wegen ihm noch jemand in Ohnmacht fällt, ist wohl kaum zu erwarten. Stattdessen überzeugt der Frontmann maßlos mit seiner Stimme, die im vergangenen Jahr zu Beginn der Tour noch etwas angeschlagen schien, nun aber in Perfektion wieder funktioniert – tatsächlich scheint er sogar noch ein wenig tonsicherer in den ganz hohen Bereichen zu sein, denn die Darbietung der Refrains von „Megalomaniac“ und „Circles“ könnten kaum mehr zu übertreffen sein. Das liegt freilich auch an der starken Instrumental-Front, allen voran Gitarrist Mike Einziger, der mit seinen wehenden Haaren allerdings auch des Öfteren ziemlich ulkig aussieht – völlig egal, denn was der Herr an der Gitarre abliefert, ist vor allem bei „Sick Sad Little World“ große Klasse.

Was bei all der musikalischen Euphorie dennoch ein kleiner Dämpfer bleibt, ist die Ansagenlosigkeit der Band. Natürlich, das war schon immer so und wird sich wohl kaum noch ändern. Dennoch flitzen die Musiker durch ihr Set, machen zwischen den Songs teilweise 1-2 Minuten Pause, aber füllen diese nicht. Das ist mindestens genauso ein Stimmungskiller wie die hohe Kunst der Setlist-Philosophie. Immerhin ringt sich Brandon gelegentlich ein „Thank you“ oder „Danke“ heraus, lächelt und winkt nett und gibt dem Publikum das Gefühl, wirklich Lust zu haben. Lustlosigkeit kann man den Amerikanern ja sowieso kaum vorwerfen – die knapp 100-minütige Show wird enthusiastisch und liebevoll gespielt, mit kleinen Perlen wie „Here In My Room“ gepickt, aber leider auch mit Spontan-Auswechslungen begleitet, die „Are You In?“ statt dem beliebten „Nice To know You“ beinhalten – ein sehr schlechter Tausch. Trotz alledem zeigen die Herrschaften sehr wohl, wie ohrwurmlastige Musik noch gehen kann – nämlich handgemacht und mit musikalischer Raffinesse. Eine Nummer wie „Wish You Were Here“ würde heutzutage genauso gut funktionieren wie 2001 zum Releasezeitpunkt.

„Brandon“, kreischt eine weibliche Stimme in der vorderen rechten Seite. Der gerade trinkende Frontmann dreht sich dorthin um, eine Horde jubelnder Frauen gibt sich zum Vorschein. Er winkt und sagt „I see you“. Dann lächelt er und wiederholt es nochmal. „I see you“. Wir dich auch, Brandon – und hoffentlich nicht wieder erst in sechs Jahren in der TonHalle, sondern wesentlich früher. Und dann bitte mit „Nice To Know You“ im Set, okay? 😉

Setlist: Privilege / Anna Molly / Megalomaniac / A Kiss To Send Us Off / State Of The Art / Circles / Echo / Pardon Me / Sick Sad Little Word / No Fun / Love Hurts / Absolution Calling / Wicked Game (Chris Isaak Cover) / Glitterbomb / Are You In? / Wish You Were HereZugaben: Here In My Room / Drive / A Crow Left Of The Murder

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Bericht: Ludwig Stadler
Fotos: Martin Schröter