Ausdrucksstark und schwer greifbar – „Im Dickicht der Städte“ in den Kammerspielen (Kritik)

Bertolt Brecht war ein Idealist, der wollte, dass die Zuschauer aus seinen Stücken geläutert heraus gehen. Er wollte aufrütteln und zum Nachdenken zwingen. Er selbst wiederum dachte über Themen wie die Großstadt und ihren Einfluss auf den Menschen nach. Ein Thema, das aktueller nicht sein könnte, geht es doch für Zuagroaste häufig nicht nur darum, ob sie Wohnung und Arbeit gefunden haben, sondern ob sie den Vibe einer Stadt, eines Viertels verstehen und sich an den Rhythmus der Stadt anpassten können. Die zentralste Frage, die über Brechts „Im Dickicht der Städte“ stehen könnte: Was kann eine Stadt, eine Epoche Menschen antun? Wie weit würde man selbst gehen, für seine Überzeugungen oder auch nur aus Prinzip?

© Julian Baumann

Christopher Rüping arbeitet sich in seiner Inszenierung, die am 25. Januar 2020 in der Kammer 1 der Münchner Kammerspiele Premiere feierte, an ebendieser Frage ab. Das Programmheft kündigt einen Kapitalisten, der sich selbst nicht mehr spürt, im Duell mit einem mittellosen Idealisten an. Brechts Philosophie ist darin zu erahnen, getreu dem Motto ‚Geld macht nicht glücklich, sondern verdirbt und hinterlässt den Reichen verloren und leer‘.
Als selbstgefälliger Reicher wird Holzhändler Shlink zu Beginn durch Julia Riedler etabliert, die sich aufspielt, als könnte sie alles kaufen und haben. ‚Für wieviel verkaufst du deine Meinung über dieses Buch?‘, protzt sie gegenüber Majd Feddah als Angestellter einer Leihbücherei. Wie ein persönlicher Bodyguard bekräftigt Jelena Kuljić die Provokationen Shlinks. Dem bescheidenen Angestellten Garga scheint das gleich. Der Mann weiß nicht, was diese Show soll.

Genau diese Show beginnt an diesem Abend eigentlich aber schon viel früher. Als die Zuschauer das Theater betreten, sind einige Schauspieler schon in mannshohen Zorbingbällen unterwegs. Assoziationen mit Raumfahrt werden durch die silbernen Samtkostüme (Lene Schwind) verstärkt. Dabei soll es doch um Städte gehen. Bereits 19.25 Uhr beginnt Julia Riedler auf der Bühne zu sprechen. Der erste Wiedererkennungseffekt zwischen Theater und Großstadt: die Leute wuseln aufgeregt los, etwas verunsichert, etwas peinlich berührt, vermeintlich zu spät zu sein, den Anfang verpasst zu haben.
Mit der Live-Kamera von Lilli-Rose Pongratz werden scheinbar willkürlich Zuschauer gefilmt und Riedler erzählt von der Bühne aus ‚deren Geschichten‘ im Stil von ‚ich sehe was, das du nicht siehst‘. Individuum versus Anonymität, untergehen in der Masse des Theatersaales, in der Masse der Großstadt. Dieses experimentelle Vorgeplänkel stellt Rüping der ‚eigentlichen Handlung‘ voran, wenn es die überhaupt gibt. Die Zuschauer werden ebenso wachgerüttelt wie abgeholt, lachen und fürchten sich, auch ein bisschen als nächstes selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.

© Julian Baumann

So richtig in Schwung kommt der zweistündige Abend, als mit dem Angebot, die eigene Meinung über ein Buch zu verkaufen, die Windmaschine angeworfen und Geld über die Bühne verteilt wird. Eine Ästhetik, wie man von Rüping schon aus früheren Inszenierungen kennt. Brechts Grundsatzfragen nach Identität, nach für die eigenen Überzeugungen einstehen, werden radikal verhandelt, als Shlink den unbeeindruckten Garga anbrüllt ‚Fight me! Fight me!‘. Mit großem Bühnenbild, fliegenden Scheinen und Zorbingbällen ist es bis dahin eher die Inszenierung die beeindruckt.
Schauspielerisch wird es so richtig spannend, als Gro Swantje Kohlhof auftritt. In ihrer riesigen Seifenblase von vorhin kommt sie von der Rückwand aus auf die Spielfläche. Sobald die Kugel geöffnet und das Schutzschild zwischen ihr und dem Rest der Welt gefallen ist, gibt es kein Halten mehr. Die Rollen scheinen zu wechseln, sie verkörpert den rachsüchtigen, den wahnsinnigen Garga, der Shlink nun Spießruten laufen lässt. Mit einer konstant hohen Energie rockt sie den Abend. Mal schreiend, mal eiskalt in die Livekamera sprechend, bannt sie die Zuschauer und bleibt viel stärker in Erinnerung als der Rest des Ensembles. Majd Feddah, zu Beginn als Garga , dann als dessen Freundin Jane Larry etabliert, tritt nach den ersten Szenen in den Hintergrund. Die von Christian Löber sehr gefühlvoll und fein verkörperte Marie, Gargas Schwester, kann sich daher nicht vollkommen entfalten. Das von Rüping angelegte Tempo mit der von Kohldorf aufgebrachten Spielwucht lassen nicht zu, dass sich der Zuschauer wirklich auf Verletzlichkeit und Sensibilität einlässt. Soll er ja laut Brecht auch gar nicht. Schade ist es trotzdem, um Löbers Schauspiel, dass in Rüpings Inszenierung von „Trommeln in der Nacht“ so herrlich zur Geltung kommt. Um Kuljićs Ausstrahlung, wenn sie nicht sehr als Beiwerk auftreten würde.

Herausragend ist die Musik von Christoph Hart. Erst sie verleiht vielen Situationen ihre Intensität, macht gute Laune oder rüttelt wach. Ein roter Faden ist allerdings nur schwer zu erkennen, kleine Spielereien und experimentelle Momente sind dafür so ausgedehnt, dass einige Herrschaften den Saal verlassen. Der Abend ist schwer greifbar, bringt aber keinen Vibe auf, der so stark wäre, dass es keine Handlung mehr braucht, weil es genügt, das Geschehen wirken zu lassen.
„Im Dickicht der Städte“ ist also eine Rüping-typische Inszenierung mit vielen Andeutungen und Zeichen, vielleicht zu vielen und einigen ungenutzten Chancen. Dafür bietet er allerdings einem jungen Ensemblemitglied eine herrliche Bühne, um Können zu beweisen!

Kritik: Jana Taendler