Der trojanische Klumpen – „Idomeneo“ im Prinzregententheater (Kritik)

Unglaublich, aber wahr: die 13-jährige Intendanz von Nikolaus Bachler an der Bayerischen Staatsoper nähert sich dem Ende und präsentiert mit „Idomeneo“ im Prinzregententheater die letzte Premiere. Die traditionelle Neuproduktion im Prinzregententheater birgt immer wieder Überraschungen im Rahmen der Münchner Opernfestspiele, zuletzt das überragende „Agrippina“ im Jahr 2019. Mozarts finale Oper feierte bereits Uraufführung in München, nun kommt sie unter der Regie von Antú Romero Nunes zurück. Premiere am 19. Juli 2021.

© Wilfried Hösl

Blickt man zurück auf die vergangenen Regie-Arbeiten von Nunes, kommen zwei ganz eigene, aber sogleich auch begeisternde Inszenierungen zum Vorschein: „Guillaume Tell“ und „Les Vêpres siciliennes“. Zwar haben diese Produktionen durchaus polarisiert, endeten aber in einem schlüssigen Gesamtkonzept und mutigen Stellen, die funktionieren und durchaus lobenswert sind. Logisch, dass der Weg bei „Idomeneo“ ein ähnlicher ist. So bricht Nunes gleich zu Beginn mit der Tradition des Dirigenten-Eintretens und lässt den Saal vollkommen verdunkeln, um wispernden Stimmen Raum zu bieten und erst einmal mit reiner Bühnenmusik zu beginnen. Mit einem ordentlichen Rumms übernimmt dann aber das volle Staatsorchester unter der Leitung von Constantinos Carydis, der auch ohne Einstandsapplaus das mit u.a. Laute und Cembalo ungewöhnlich besetzte Orchester flott und passend dirigiert. An den Stellen, in denen die Solist*innen nicht gerade singen, geht er sogar aufs Äußerste und lässt Pauken und diverse sturmerzeugende Instrumente lautstark agieren – ungewöhnlich.

© Wilfried Hösl

„Idomeneo“ ist aber nicht nur Mozarts letzte Oper und die einzige, die durch die Uraufführung mit München verbunden ist – es ist vor allem auch die handlungsärmste. Ausgleich soll es durch das Bühnenbild geben, für das sich niemand geringeres als Skulpturenkünstlerin Phyllida Barlow verantwortlich zeichnet. Die 77-Jährige zeichnet mit einer Art Wellenbrecher-Schiff, abstrakte Baumhäuser und einem undefinierbaren Klumpen, der im Stil eines trojanischen Pferdes umhergefahren wird, allesamt Zeichen für Schutz und Verteidigung. Den brauchen die Charaktere auch – aber vor allem vor sich selbst. Idomeneo rettet sich aus einem Unwetter, muss als Dank seinen Sohn Idamante opfern und erkennt letztendlich auch, dass seine Zeit als König sowieso abgelaufen ist. Idamante wiederum will einfach nur mit Ilia zusammen sein und missachtet die ihm zugetraute Elettra. Diese ist einfach nur von Neid zerfressen über die Liebe zwischen Idamante und Ilia gehört vor sich selbst geschützt. Am Ende rennen aber, wie immer, alle ins Unglück – immerhin ohne Massensterben am Ende.

Das ist dann zwar alles ordentlich pompös, immer etwas wimmlig und mit ordentlichem Einsatz von Chor und Extra-Chor der Staatsoper auch durchgehend stimmstark und wuchtig aufgestellt – dennoch zieht es sich arg, besonders im letzten Akt. Löblich ist es durchaus, den „Idomeneo“ gänzlich ungekürzt einschließlich aller Elemente aufzuführen, dann aber zu Klaviersonaten nichtssagende Ballette laufen zu lassen und auch, obwohl die Oper vorbei ist, noch ein rund zwanzigminütiges Tanztheater dranzuhängen, ist etwas fraglich und leider auch zäh. Das sieht der entkrönte Idomeneo ähnlich und lässt sich mit Dosenbier und Sandwich nieder, um sich das Schauspiel anzusehen und abschließend eine Miniatur-Version des Bühnenbilds auf einer Truhe zu stapeln. Die Gedanken sind sortiert, die Ängste bezwungen. Am Ende bleibt daher eine eigenwillige Inszenierung mit Längen, wenngleich musikalisch überragende Aufführung.

Kritik: Ludwig Stadler