I, Tonya – Filmkritik

(4,5 / 5)

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Regisseur/in: Craig Gillespie

Genre: Komödie, Drama, Satire, Biopic

Produktionsland: USA

Kinostart: 22. März 2018

Laufzeit: 2 Std.

 

 

 

Die Story der als „Eis-Hexe“ verschimpften Eiskunstläuferin Tonya Harding ist ein wirklich knifflig umzusetzendes Stück Geschichte, welcher sich nun mutigerweise „The Finest Hours“-Regisseur Craig Gillespie gewidmet hat. Eine wahre Begebenheit, so skurril abwegig, vor allem scharenweise gespickt mit lächerlich comichaften Figuren, dass dessen Verfilmung einen Drahtseilakt erfordern müsste – viel zu leicht könnte man in die Falle der Lächerlichkeit oder Unglaubwürdigkeit tappen. Doch erst Mal einen Gang zurück, einige Monate vor den olympischen Winterspielen 1994: Jeder Zeitzeuge dürfte sich an den filmreif stümperhaften „Eisenstangen-Anschlag“ erinnern, bei welcher der Spitzensportlerin Nancy Kerrigan beim Training per Auftragsschläger mit einer Eisenstange aufs Knie eingeprügelt wurde, um sie turnierunfähig zu machen – am helllichten Tag vor einer Ballung Augenzeugen. Der Grad einer möglichen Beteiligung von Rivalin Harding an dieser unsportlichen Maßnahme ist bis heute unbekannt, ihr damaliger Freund Jeff Gillooly jedoch organisierte bewiesenermaßen das Attentat mit. Nicht nur konnte der Amateur-Täter sofort gefasst werden, auch ein Großteil der Sippschaft aus Hardings Leben erwiesen sich als ebenso unzulängliche Volltrottel, welche weder ihr eigenes Leben in den Griff bekamen noch Tonyas ohnehin schon schweren Lebensweg wirklich zu entschärfen wussten. Genialerweise macht sich Gillespe genau diese Armleuchter-Armada zunutze und strickt damit das Konstrukt einer zuverlässig aggressiv-kurzweiligen Handlung und hält den mit Vorurteilen gespickten Betrachter einige neue Perspektiven auf Tonya Hardings Leben vor die Nase.

Seit frühester Kindheit wird Tonya (Margot Robbie) knüppelhart von ihrer Mutter LaVona (Allison Janney) zu einer Eiskunstlaufkarriere getrieben. Trotz ihrer ärmlichen Verhältnisse, selbst-gestrickter Kostüme und einer frivolen unkonventionell-direkten Herangehensweise schlägt ihr Talent alsbald große Wellen. So ist sie die erste Amerikanerin, welcher bei einem Wettbewerb der schwere Dreifach-Axel Sprung gelingt. Jedoch machen ihr Tonyas herzlose Mutter sowie die ewige On-Off-Beziehung Jeff Gillooly (Sebastian Stan), mit stetig wachsender Misshandlungsgarantie, das Leben zur Hölle. Zu allem Überfluss wird sie auch noch kurz vor den olympischen Winterspielen und dem damit eventuellen Karriere-Höhepunkt des „Eisenstangen-Anschlags“ auf Konkurrentin Kerrigan (Caitlin Carver) beschuldigt – ihr Leben droht auseinanderzubrechen…

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Man sagt, alles beginnt in der Wiege. Keine gute Voraussetzung, wurde Tonya doch unaufhaltsam von ihrer am Fließband fluchenden Mutter fertig gemacht, was diese wiederum als besten Garant für Ehrgeiz bei dem jungen Mädchen verstand. Bevor Tonyas Vater zudem seine prügelnde Frau (richtig gelesen) verließ, übte er seine Tochter im Hasenschießen – für die innere Ausgeglichenheit natürlich. Hardings Familie hatte so ihre Defizite, Zurückhaltung zählte nicht dazu. Raffiniert wird damit ein Geflecht aus schwarzem Humor gesponnen, während man Tonya zunächst im Schnelldurchlauf beim Älterwerden zusehen darf. Neben ihrer rasch voranschreitenden Eiskunstlauf-Karriere steht alsbald auch das romantische Anbandeln mit einem speziellen Jungen zentral im Geschehen – denn um nicht aus der Reihe zu tanzen, so könnte man zumindest hämisch meinen, verguckte sich die damals 15-Jährige in den emotional instabilen Jeff Gillooly, dessen aggressive Ausreißer sie über die Jahre des Öfteren zum Polizeiruf drängen sollten.

Wieder einmal könnte man sich fragen, weshalb für die wenigen Sequenzen im Teenager-Alter statt der gut zehn Jahre älteren Margot Robbie keine adäquat jüngere Schauspielerin engagiert wurde (wie in vorangegangenen Szenen ebenfalls mit McKenna Grace geschehen), um unfreiwillig komische Situationen zu vermeiden. Obwohl der sichtbare Altersunterschied anfangs völlig Panne ist, holt Robbie wirklich alles aus der Figur heraus und verkörpert eine vielschichtige, vom Leben gezeichnete need-to-be-taugh Frau – mit all ihren Ecken und Kanten. Eines wird dabei klipp und klar gemacht: Tonya war bei alledem keinesfalls das arme Unschuldslamm. Sie wusste zumindest von den ursprünglich geplanten „Anschlags“-Drohbriefen an Konkurrentin Kerrigan, behandelte Freunde und Bekannte ab und an wie Dreck, missbrauchte Jeff später aus purem Eigeninteresse als seelische Stütze und schoss ihm auch mal mit dem Gewehr hinterher – so zumindest Gillooly’s Version der Dinge. Und hier kommen wir zum wohl interessantesten Signum: Die disharmonsiche Geschichte brachte mit all ihren Beteiligten so viele divergierende Varianten der Ereignisse hervor, dass man bis heute nicht über die volle „Wahrheit“ im Konsens ist. Umgesetzt wird dies mockumentaryesque durch ein die Geschichte umrahmendes, fiktives Interview mit den Protagonisten und dem Durchbrechen der 4. Wand während einiger Szenen (was nicht selten an Filme wie „The Wolf of Wall Street“ erinnert, in der Margott Robbie interessanterweise ihren Durchbruch feierte). Der Betrachter kann sich niemals wirklich sicher sein, ob das, was er gerade sieht, auch tatsächlich so passiert ist.

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Während Margot Robbie genau den richtigen Grad zwischen missverstandenem Sympathieträger und Egoistin meistert, versprüht Sebastian Stan beinahe zu viel Charme gegenüber seiner Figur, einem im Kern eher affigen Arschloch, den man nicht mögen möchte aber einfach nicht anders kann. Allison Janney haut mit ihrer radikal kompromisslosen Darstellung einer Mutter, welche ihre Tochter für den Erfolg durch die sprichwörtliche Hölle jagt, aber definitiv einen raus – knallhart und letztendlich auch bitterböse. Generell macht hier gewiss niemand einen schlechten Job (Paul Walter Hauser als Tonyas strohdämlicher Bodyguard sorgt fantastisch für den perfekten Fremdscham!) – frappierend ist aber auch die unheimliche äußerliche Ähnlichkeit der Darsteller gegenüber den „historischen“ Originalen.

Kaum jemand wird behaupten, der rasant inszenierte „I, Tonya“ sei eintönig. Derartig viele kreative Gimmicks lassen die Aufmerksamkeit durch den gesamten Film flutschen wie nichts. Tonya Harding hört gerne Metal – natürlich wird dies in die Filmmusik integriert. Widersprüchliche Aussagen? Dann wird die Perspektive eben stets gewechselt. Abgerundet wird das Ganze mit Originalaufnahmen der Zeit und einer beseelten Kameraführung, welche vor allem beim Eiskunstlauf richtig was hermacht. Der Film wird dabei größtenteils getragen von einer saloppen, satirischen Atmosphäre – immer verlässlich einen neuen Joke in der Tasche, der zum Nachdenken anregt. Als es dann allerdings zu den Nachwirkungen des „Vorfalls“ für Harding kommt, weiß der Film mit einer emotionalen Festigkeit zu überzeugen, bei der man regelrecht mitfiebern muss. Irgendwie aber auch kein Wunder, wenn einem die völlige Lebensinhalt-Lädierung einer so talentierten, gerade einmal 23-jährigen Person erst richtig bewusst wird.

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So wie sich aus einer Komödie gen Ende eine bittere Tragödie entwickelt, wirkt ihr letzter Tanz dementsprechend beinahe wie eine Metapher auf die finale Endschlacht eines waschechten Peter Jackson-Epos – umspannt mit einem unbändigen Orchester-Gewitter. Nur, wie wir es vom Real Life eben so kennen, wird dieser „ultimative“ Kampf auch oft verloren. So ergibt sich eine äußerst ungewöhnliche Dramaturgie, wie sie das Leben nun mal schreibt, gerade deshalb dabei aber unsagbar ennehmend und nah daherkommt. Ein klares Zeichen für die Einzigartigkeit der Geschichte und dem Feingefühl bei deren Visualisierung, welche „I, Tonya“ zum wohl besten Biopic seit geraumer Zeit machen.

Fazit: Eine der ersten Fragen, welche Frau Mama ihrer 15-jährigen Tochter Tonya beim Kennenlern-Kaffee mit Frisch-Freund unbeschwert stellt, ist: „Und, schon gefickt?“. Statt eines Schmunzlers ist Tonya’s Reaktion jedoch nicht nur ein Gefühl der Demütigung, es ist die sichtbar wiederholte, finstere Realisierung, dass ihr Leben ein schlechter Witz sei. Besser könnte man „I, Tonya“ wohl kaum zusammenfassen. Ein harscher und direkter Film bis zur Schmerzgrenze, der das Herz aber am richtigen Fleck hat. Eine ohnehin schon abnormal verschrobene Story wird mithilfe einer erfinderischen, schlagfertigen Interpretation und noch viel umwerfenderen Darstellern vergoldet. Dieses Prachtstück der unvergleichlichen Satire-Kuriosität mit Seele darf man auf keinen Fall verpassen!

(4,5 / 5)