Zeig mir deine Likes und ich sag dir, wer du bist – „Homevideo“ im Marstall

Stücke von Erwachsenen über Jugendliche und deren Ängste und Träume sind immer so eine Sache. Denn nur in den seltensten Fällen wirken sie nicht wie Stücke von Erwachsenen, sondern sprechen die Sprache von Jugendlichen. Dem Theaterstück „Homevideo“, das am 17.03. Premiere im Marstall des Residenztheaters in München hatte, gelingt das fast immer.

© Marco Gierschewski

Jakob ist 15, dreht hobbymäßig kurze Filme mit seiner Videokamera, hört gerne Musik und spielt auch selbst Gitarre. Die Trennung seiner Eltern und den damit verbundenen Auszug seiner Mutter machen ihm zu schaffen, genauso wie das erste Mal verliebt zu sein, in Hannah. Als ein Video, in dem er masturbiert und Hannahs Namen sagt, ins Netz gerät, weil ein Mitschüler es auf seiner Kamera entdeckt hat und öffentlich stellt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Wie Jakobs Umfeld und er selbst damit umgehen, davon handelt das Stück.
„Homevideo“ basiert auf dem Drehbuch von Jan Braren zum gleichnamigen Fernsehfilm. 2011 erschien er, die aufgegriffenen Themen Cyber-Mobbing, soziale Netzwerke und persönliche Daten im Internet sorgten für eine Debatte, wie man mit diesen neuen Medien denn umgehen sollte.

© Marco Gierschewski

Sieben Jahre später – und noch immer erscheint die Internetwelt als eine Art rechtsfreie Zone, in der man nur machtlos dabei zuschauen kann, wie Persönlichkeits- und Urheberrechte verletzt werden. Unter der Regie von Anja Scilinski schafft es die „Intergroup“ des Residenztheaters, die für das Stück öffentlich gecastet wurde, die Geschichte von Jakob aufrüttelnd, aber trotzdem mit der erforderlichen Sensibilität zu erzählen. Vor allem die authentische Darstellung der Jungschauspieler wie Paul Braitinger als Jakob und Katharina Stark als Hannah in Kombination mit den erfahrenen SchauspielerInnen Dascha von Waberer und Wolfram Rupperti in den Rollen der Eltern und Bibiana Beglau, in Videosequenzen als Freundin der Mutter zu sehen, machen „Homevideo“ zu einem ehrlichen Stück, das die Probleme des digitalen Zeitalters angenehmerweise ohne erhobenen Zeigefinger darstellt.

© Marco Gierschewski

Musik spielt in Jakobs Leben eine große Rolle und somit auch im Stück. Am Anfang und Ende wiederholen sich die einprägsamen Songzeilen: „I feel like I can touch the sky. I feel so fucking high”. Auch „Intro“ von The xx und Technobeats zur Partyszene machen Tempo und somit das Stück auch auf das Jahr 2018 zugeschnitten weiterhin zeitgemäß.
Das Bühnenbild ist auf einzelne Requisiten reduziert, denn der Fokus liegt auf der großen Leinwand am Ende der Bühne und den vier Bildschirmen, die jeweils links und rechts an der der Decke befestigt sind und die Bühne optisch einrahmen. Sie bilden die Online-Welt ab. Man bekommt zum Beispiel die Videos von Jakob und seinen Freunden aus dem Schulalltag mit, wenn er sich diese auf dem Laptop ansieht, oder ist beim Videoanruf der Mutter mit ihrer Freundin dabei. Wie ein Eindringling. Auch die Chats zwischen Jakob, Hannah und den Freunden werden hier visualisiert und mit Voice-Over verstärkt – das Netz als Kommunikationsmittel wird greifbar und lebendig. Das Schauspiel mit dem technischen Zusammenspiel bringt Dynamik in das Stück und macht es unheimlich kurzweilig. Jeder Videoclip, jede Message auf den Bildschirmen ist an das Schauspiel angepasst, da fällt ein zu früh aufgelegter Anruf kaum auf.

Auch die Reaktionen auf sein Video, die sich Jakob nur ausmalen kann, werden auf den Bildschirmen real. Das Internet als ein unkontrollierbares Spielfeld.
Aber wenn die Erwachsenen in „Homevideo“ mit diesem Spielfeld nicht umgehen können, wie soll das dann ein fünfzehnjähriger Junge? Stark sind vor allem die Momente zwischen Vater beziehungsweise Mutter und Sohn. Hier wird die Machtlosigkeit der Eltern klar: die Maßnahmen des Vaters, die die Situation verschlimmern und die hilflose Mutter, die ihrem leidenden Sohn nicht zu helfen weiß. Nur in paar Momenten wirken Sätze gekünstelt, wenn Jakob etwa davon redet, dass er ganz „wirr im Kopf“ ist. Zu jedem Zeitpunkt aber kann man sich aber in die Charaktere hinein versetzen; die Frage „Was würde ich selbst tun?“ ist im ganzen Raum spürbar. Zum Ende hätte sich „Homevideo“ trotzdem etwas mehr Zeit nehmen können, damit es weniger gehetzt wirkt, aber das tut dem Stück nur wenig Abbruch.

Kritik: Katharina Holzinger
Besuch der Vorstellung am 19. März 2018