Lesung mit Schaum!? – „Hochdeutschland“ in den Kammerspielen (Kritik)

Nach Das Leben des Vernon Subutex bringen die Münchner Kammerspiele am 24. Mai 2019 das nächste gesellschaftspolitische Stück auf Basis eines Romans auf die Bühne, dieses Mal in der Kammer 2. Es sollte wohl vorweg genommen werden: diese Inszenierung ist eher eine szenische Lesung, denn hauptsächlich wird der Text des Romans gesprochen. Die vier SchauspielerInnen teilen sich den Text des Erzählers und den des Protagonisten. Lediglich Nebenfiguren haften je einem Spieler an.

© Gabriela Neeb

Bei „Hochdeutschland“, von Alexander Schimmelbusch lässt bereits der Titel den Inhalt vermuten. Der Autor? Ein externer Experte, in Deutschland geboren und in den USA aufgewachsen, war Schimmelbusch selbst in der Bankenszene tätig, aus der sein Protagonist Victor stammt. Dieser Victor ist einer der Gewinner in Deutschland, verdient zehn Millionen im Jahr, wenn es durchschnittlich läuft. Er hat die Fähigkeit, Menschen zu analysieren und ihnen jene Version seiner selbst zu präsentieren, die perfekt auf sie abgestimmt ist. Dies wird im Zwiegespräch mit dem Finanzminister (Zeynep Bozbay) deutlich, der unter seinen Worten wie Butter ist. Irgendwann wird ihm klar, wie absurd es ist, dass acht Menschen auf der Welt mehr Geld haben als die komplette restliche Bevölkerung zusammen, und er schriebt ein politisches Manifest. Als ein alter Freund (Jannik Mioducki), der mittlerweile Politiker ist, diese für seine neue Partei, die Deutschland AG nutzen will, macht Victor doch einen Rückzieher. Am Ende geht alles den Bach runter. Eine Handlung, wie es sie tatsächlich geben könnte, dabei spitz und analytisch – ein bisschen erinnert der Stil des Romans tatsächlich an den von Subutex-Autorin Despense. Der erfolgreiche Politiker der Deutschland AG mit seinen schneeweißen Fahnen, wie bei der Mondlandung lässt Assoziationen an Houellebecqs Ben Abbes in Unterwerfung aufkommen.

© Gabriela Neeb

Wie inszeniert Erfolgstalent Kevin Barz diesen Roman? Er verfolgt ein konsequentes ästhetische Konzept! Das Bühnenbild ist eine riesige Masse von Schaum, einer Wolke gleichend, die Schauspieler alle in weiß (!), teilweise tragen sie Regencapes, während sie mit dem Schaum das Gesprochene kommentieren und illustrieren. So wird die Seifenmasse wie Glitzerstaub aus der Hand gepustet, wenn von den Illusionen in Bewerbungsgesprächen die Rede ist. Barz hat auch ein Auge für einprägsame Bilder: das Schaumpodest wird von leuchtenden Flächen aus Neonröhren nach hinten begrenzt, dahinter wiederum steht ehrwürdig ein Flügel. Alle vier Schauspieler installieren sich immer wieder zu ansprechenden Posen mit starker Wirkung. Besonders auffällig ist Zeynep Bozbay in ihrer Wandelbarkeit, als sie den Finanzminister gibt. Überzeugend, etwas karikiert und auch witzig bringt sie herüber, was der Roman ausdrücken will. Abdoil Kader Traoré hingegen ist weniger Schauspieler und mehr Performer. Ähnlich wie Damian Rebgetz, der in dieser Produktion nicht beteiligt ist, kann man ihm keine klare Rolle, keine Spielweise zuordnen. Trotzdem überzeugt er durch Präsenz und Ausstrahlung. Julia Windischbauer, erst in der kommenden Spielzeit fest an den Kammerspielen, ist eine hervorragende Schauspielerin fürs Sprechtheater, sie verwirklicht den analytischen, ernsten Teil des Protagonisten. Jannik Moiduckis starke Leistung fällt hinter der seiner Kollgenen etwas zurück, was aber auch daran liegen kann, dass er an diesem Abend körperlich nicht auf der Höhe war. Fast konnte man glauben, er habe schwer allergisch reagiert auf den Seifenschaum, was seinem Spiel natürlich anzusehen war, er hat ziemlich gekämpft.

Zu resümieren ist also: Handwerklich war alles wunderbar! Ein konsequentes Inszenierungskonzept, tolle Momente! Eine Lichtgestaltung (Christian Schweg) und Musik (Martin Sraier-Krügermann), die die Wirkung der Schaumwolke noch verstärkt haben! Insgesamt hat das gesamtes Team Hand in Hand gearbeitet und alles richtig gemacht.

Es gibt dennoch ein Aber: Nicht nur die Erzählstruktur ist die des Subutex sehr ähnlich, das Verhältnis von Text und Musik ebenso. Kostüme und Licht erinnert an Trommeln in der Nacht“. Dementsprechend machen die Kammerspiele, was sie gut können. Dazu gehört auch das Format des Abends, hier wird nicht die Handlung des Romans nachgespielt, sondern der Text wiedergegeben. Das ist toll umgesetzt und ein intellektuelles Stück, aber nichts für Theatereinsteiger und auch nichts, um einfach einen unkompliziert Theaterabend zu verbringen, denn es ist eine anspruchsvolle künstlerische Arbeit.

Kritik: Jana Taendler