Herrliche Zeiten – Filmkritik

(4 / 5)

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH

 

 

Regisseur/in: Oskar Roehler

Genre: Drama, Komödie

Produktionsland: Deutschland

Kinostart: 03. Mai 2018

Laufzeit: 1 Std. 50 Min.

 

 

 

Man muss sich nicht lange durch die Entstehungsgeschichte dieses abstrusen Filmwerks wühlen, um auf den AfD-Sympathisanten Thor Kunkel als Autor der frei adaptierten Buchvorlage „Subs“ zu stoßen. Natürlich werden derart unangenehme Kehrseiten oft wegzuschweigen versucht – Kunkel selbst monierte nun den offensichtlichen Ausgrenzungsversuch ihm gegenüber, obwohl er selbst an der Drehbuchadaption beteiligt war (explizit als Autor genannt wird nur Jan Berger). Weitestgehend wurde versucht, eine für sich selbst stehende Geschichte zu erzählen, frei nach Betrachtungsweise des Zuschauers interpretierbar. Anecken wird „Herrliche Zeiten“ allerdings so oder so, die provozierend entlarvende Gesellschaftssatire vom schaurigen Gedankenspiel einer Wiederkehr der Sklaverei und den damit einhergehenden niederen Trieben des Menschen (wie Machtsucht und Befriedigung durch Demütigung anderer) zeichnet eine zugleich komische wie auch schaurige Vision – und das inmitten des idyllischen Berliner Grunewald. Der bekanntlich furchtlos-exzentrische Regisseur Oskar Roehler („Quellen des Lebens“) scheint indes wie gemacht für derartige Stoffe.

Schönheitschirurg Claus (Oliver Masucci) und Ehefrau Evi (Katja Riemann) führen ein eigentlich entspanntes, pompöses Leben in einer Grunewalder Villa. Eines Nachts, Claus hat etwas zu viel gebechert, gibt er scherzhaft eine Online-Anzeige für einen Haussklaven auf. Als dann kurzerhand das Paar Bartos (Samuel Finzi) und Lana (Lize Feryn) auftaucht und das unbezahlte „Stellenangebot“ mit Freuden annehmen möchte, gehen Claus und Evi schließlich tatsächlich darauf ein. Während das Ehepaar von Kopf bis Fuß verwöhnt wird, scheint ihr Verhältnis zur Menschlichkeit immer weiter zu kippen. Die beiden Bediensteten betteln förmlich unterwürfig um eine sklavenähnliche Behandlung und lehren ihren Gebietern sogar, wie diese funktioniert. Schließlich werden auch noch illegal eingeschleuste Arbeitskräfte bei einem Stundenverdienst von 2,50€ für den Bau des neuen Swimming Pools mehr oder weniger problemlos abgenickt. Die Situation scheint außer Kontrolle zu geraten…

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Der Eröffnungs-Shot erinnert nicht von ungefähr an eine Tag-Version des legendären Hauptplakats von Willian Friedkins Meisterwerk „Der Exorzist“. Roehler erzählt natürlich nicht vom sprichwörtlichen Teufel-Besessenen, dafür allerdings von einer anderen Form des inneren Dämonen: Der Drang nach gemütlicher Vormachtstellung und Dominanz. Knecht Bartos drückt das interne Dilemma wohlgeformt aus – der Mensch ist zu klein, um zu herrschen, und zu groß, um beherrscht zu werden. Oliver Masucci spielt dabei den Protagonisten Claus kongenial als möchtegern-lockeren Oberschichtsbürger, der sich seiner eigenen Weltfremdheit nicht bewusst ist und durchwegs selbst belügt, die gute Seele der Story zu sein. Oft fühlt er sich jedoch bereits in seiner kleinen Welt zwischen Praxis und Glück mit der Ehefrau überfordert (oder unterfordert?) sowie unterdrückt und der nächste, unkontrollierte Wutausbruch im Pavian-Modus gegenüber seinen Mitmenschen ist immer nur eine Frage der Zeit. Während Claus sich sämtliche moralische Konflikte schön redet und sich damit langsam vom zurückhaltenden Waschlappen zum aktiven Herrscher mit verschrobener Moralinstanz mausert und damit auf makabere Weise irgendwie einfach nur seine rudimentäre Persönlichkeit entblößt, bleibt Katja Riemann’s Figur Evi der einzig verbleibende Sympathieträger mit dem geringsten psychischen Knacks. Als kränkelnde Gartenarchitektin mit Tablettensucht symbolisiert sie schließlich auch das zerstörte Gleichgewicht der vom destruktiven Menschen überforderten Mutter Natur.

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Samuel Finzi und Lize Feryn spielen die (frei-)willigen Knechte mit äußerster Scharfkantigkeit als wie vom Herrn (oder doch vom Teufel?) persönlich entsandte Undercover-Moralapostel. Ihr Endziel wird leider allzu schnell offensichtlich, wirklich negativ fällt dies allerdings nicht in die Waagschale. Sie sind diejenige Instanz, welche dem reichen Ehepaar stets zynisch den Spiegel vor die Augen hält. Die Devise lautet „Wenn schon, denn schon“ und so entlockt der eloquent charmante Bartos vor allem Claus seine düstersten Seiten, indem er unaufhaltsam zum entmenschlichten Butler ohne Rechte degradiert werden möchte – doch wird man das Gefühl nicht los, er ist der wahre Drahtzieher hier. So ist die Eskalation auf die eine oder andere Weise unausweichlich – der genaue Ausgang bleibt jedoch immer erfrischend offen. Für eine bitterbös-bissige Macht-Satire darf natürlich auch nicht der arabische Partyhengst mit terroristischem Hintergrund fehlen. Mohammed Al Thani (Yasin El Harrouk) ist, so schräg und unmoralisch dies klingen mag, der für den Exzess lebende Vermittler für Claus zu seiner wahren Introversion. Der launig-aggressive Nachbar hält an Hemmungslosigkeit kaum zu überbietende Partys (eine der zentralen Szenen stellt sich als eskalierendes Römer-Gelage mit blutigen, Gladiator-ähnlichen Prügeleien heraus), hat Stalin-Bilder vor seiner persönlichen Folter-Kammer hängen und missbraucht seine Angestellten (oder auch Sklaven?) in gebückter Haltung als Tischbeine – und trotzdem könnte man nach dem äußerst brutalen Ende beinahe mehr mit ihm als unserem Protagonisten sympathisieren, schließlich besitzt er als Einziger noch so etwas wie Prinzipien.

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Nach alledem ist es schwer zu glauben, dass „Herrliche Zeiten“ als lockere Komödie startet. Wenn Bartos Tätigkeit für die Beiden beginnt, ergeben sich skurrile Situationen am Laufband, da Claus und Evi offensichtlich nicht mit ihrer neuen königlichen Umsorgung umzugehen wissen. Leider kristallisieren sich einige Sketche als zu erzwungen komisch oder enttäuschend flach heraus. So wird der „Gegen-Scheiben-Laufen“-Joke selbstredend nicht ausgelassen oder eine Möchtegern-bedeutungsschwangere Verständigungsschwierigkeit über die richtige Aussprache vom Namen Mohammed wirkt leider mehr als Panne. Selbst der tote Rabe vor dem Fenster als unheilbringender Vorbote darf im Klischee-Stau nicht fehlen. Und trotzdem macht der Film eine ganze Menge richtig. Langsam aber sicher macht sich im Magen ein mulmiges Gefühl breit, bevor schließlich der Drift hin zum Psycho-Thriller finalisiert wird und der Film ordentlich an Fahrt aufnimmt. Es wird düster, viel geschrien und das Grande Finale ist überaus geschickt eingefädelt. Das lässt einen dann eine ganze Weile nicht mehr los und man fragt sich: Wer ist hier eigentlich noch Opfer, wer Täter? Wer gut und wer böse? Die Grenzen verschwimmen, doch im Endeffekt ist jeder alles.

Fazit: „Herrliche Zeiten“ ist eine bissige und in der ersten Hälfte sehr witzige Satire über den macht- und exzessbessenen Menschen, der stets mehr will als er eigentlich sollte. Eine Geschichte über einen Haufen Personen mit falscher Selbstwahrnehmung und der Freilegung ihrer wahren Natur, welche sich gen Ende zur Abstraktion eines verstörenden Russisch Roulette entwickelt. Allerdings wird man das Gefühl auch nicht los, es handelt sich um einen dieser seltenen Fälle, bei dem erst ein US-Remake den Kern des Stoffes zu wahrer Größe verhelfen könnte. Aber wer würde nicht gerne mal Oliver Masucci in einem waschechten Tarantino sehen?

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