„Selbstporträt mit Ahnen“ – „Herkunft“ im Volkstheater (Kritik)

Woher kommst du? Eine Frage, so unkompliziert wie auch aufwendig zu beantworten. Für unsereins mag die Antwort aus einem einzigen Wort bestehen und damit auch genügen, doch müssen wir uns bewusst machen, dass dies ein Privileg unserer Gesellschaft ist. Der Autor Saša Stanišić zum Beispiel wurde in Jugoslawien geboren, einem Land, das heute so nicht mehr existiert. In seinem Roman Herkunft beschäftigt sich der mittlerweile 42-jährige mit Erinnerungen aus seiner Jugend so wie der jüngsten Vergangenheit und versucht so, der Frage nach seiner eigenen Herkunft auf den Grund zu gehen. Das gleichnamige Theaterstück unter der Regie von Felix Hafner feierte am 22. Oktober 2020 Premiere im Münchner Volkstheater.

© Gabriela Neeb

Stanišić stammt aus Višegrad an der Drina, einer Stadt, die im heutigen Bosnien Herzegowina liegt. Bevor Jugoslawien 1991 zerfiel, lebten dort Muslime, Kroaten und Serben auf engstem Raum zusammen. Als sich der Zerfall des Landes stärker andeutete, fingen auch die verschiedenen ethnischen Gruppen an, sich voneinander zu distanzieren. Der Nationalismus der einzelnen Gruppierungen verstärkte sich immer weiter und es kam zum Krieg. Als schließlich auch Višegrad während des Bosnien-Kriegs besetzt wurde, floh Stanišić mit seiner Familie und kam 1992, im Alter von 14 Jahren, nach Heidelberg.

Saša Stanišićs Roman verläuft nicht geradlinig, nicht chronologisch. Vielmehr sammelt er Erinnerungen unterschiedlicher Lebensabschnitte und schreibt diese nieder, so wie sie ihm in den Sinn kommen. Er schlägt hier zudem eine spannende Brücke zu seiner Großmutter, die an Demenz litt und 2018 verstarb. Während ihre Erinnerungen nach und nach verblassen, hält er seine für die Ewigkeit fest. Die Inszenierung knüpft an dieses Hin- und Herspringen von Gedankensträngen an und bringt den Roman somit passend auf die Bühne. Einzelne kurze Pausen mit Choreographien und Umbauten helfen dabei, dass das Stück seine Form nicht verliert und der Zuschauer dem Geschehen durchgehend folgen kann.

© Gabriela Neeb

Die sechs Schauspieler verkörpern an diesem Abend nicht nur jeweils einen Charakter aus Stanišićs Roman, sondern schlüpfen in verschiedenste Rollen und wechseln diese zudem auch in hoher Frequenz hin und her. So sprechen sie alle mal für Stanišić selbst, werden neben vielen anderen Figuren zum Teil zu seiner Großmutter, zu seinen Eltern oder zur Lehrerin an der Schule in Heidelberg. Doch auch hier schafft es die Inszenierung den roten Faden beizubehalten und die Charaktere trotz stetigem Personenwechsel klar und verständlich erscheinen zu lassen.

Die Lichttechnik spielt mit mehreren Overhead-Projektoren, welche der Inszenierung verschiedenste Möglichkeiten zur Beleuchtung der Bühne bieten. Sie dienen nicht nur als Spotlight für den Darsteller, der gerade im Fokus steht, sondern erschaffen zudem geheimnisvolle Schattenbilder so wie ästhetisch großartige Hintergrundkulissen, welche die Stimmung der jeweiligen Textpassage gekonnt transportieren.

© Gabriela Neeb

Neben aller Ernsthaftigkeit der Thematik weiß die Inszenierung jedoch, wie auch Stanišić selbst in seinem Roman, nicht den Spaß an der Sache zu verlieren. So erscheinen einige der humorvollsten Passagen, wie z.B. ein Fußballspiel zwischen Roter Stern Belgrad und FC Bayern München, auf der Bühne, in denen Stanišićs gekonntes Spiel mit Sprache sowie auch seine Freude und die Lust daran, die eigene Geschichte zu teilen, deutlich spürbar werden.

Saša Stanišić lebt heute mit seiner Familie in Hamburg-Altona und ist seit 2013 deutscher Staatsbürger. Wenn man ihn nach seiner Herkunft fragt, hat er keine eindeutige Antwort, sondern sieht sie vielmehr als Konstrukt. Länder können zerfallen, Kriege Städte zerstören. Geht es bei dem Gedanken an Herkunft nicht um so viel mehr als nur einen einfachen Ort? Ist Stanišićs Geschichte nicht der beste Beweis dafür, dass wir uns weniger Gedanken darüber machen sollten, wo eine Person geboren wurde, wo sie aufgewachsen ist, und den Fokus vielmehr auf das Leben als Ganzes, auf die Stationen, die Teil unserer Geschichte sind, die Menschen, die uns auf unserem Weg begleiten, legen? Es könnte spannend sein herauszufinden, wo diese veränderte Einstellung unsere heutige Gesellschaft hinführen könnte. Mit Stanišić als Preisträger des Deutschen Buchpreises 2019 wurde ein Grundstein gelegt für ein offeneres und aufgeschlosseneres Deutschland und so liegt es nun an uns, diese Gedanken aufzugreifen und den begonnenen Weg gemeinsam weiter zu ebnen.

Kritik: Rebecca Raitz