Das volle Programm – Helene Fischer in der Olympiahalle (Bericht)

Auch wenn sie damit jeden Abend die 2. Person Singular besingt, könnte sie sich damit genauso gut selbst meinen, denn ein „Phänomen“ ist Helene Fischer in den letzten Jahren wahrlich geworden. Unbekannt ist die „Schlager-Queen“ schon lange nicht mehr, aber seit dem Album „Farbenspiel“ (2013) mit seinem Hit „Atemlos durch die Nacht“ ist die Erfolgskurve so steil nach oben geschossen, dass einem fast schon ein wenig schwindlig wurde. Nach einem verdienten Jahr Auszeit kehrt sie nun mit ihrem selbstbetitelten, neuesten Werk im letzten Jahr zurück – damit einhergehend eine riesengroße Tour-Produktion, die in den größten Hallen im deutschsprachigen Raum jeweils fünf Tage gastiert. Sieht man einmal über die aus Krankheitsgründen in den September verschobenen Berlin-Termine hinweg, fiel der Startschuss für das letzte Gastspiel in der Olympiahalle München am 27. Februar 2018. Ein Spektakel der Superlative, welches wir uns auf keinen Fall entgehen lassen konnten.

© Kristian Schuller

Anfangs dürfte das wichtigste sein, einfach vollkommen unvoreingenommen an das Konzert heranzugehen. Fischer ist fraglos die erfolgreichste Sängerin Deutschlands und wird von Millionen Menschen angehimmelt, aber auch von mindestens genauso vielen gemieden. Vieles mag der Musik geschuldet sein, die mit starker Schlager-Ausrichtung natürlich auch ein gewisses Genre-Publikum bedient, vieles aber auch der medialen Überpräsenz der letzten Jahre; das musste sie erst letztes Jahr beim DFB-Pokalfinale in der Halbzeit-Pause spüren, als die Fußballfans sie gnadenlos ausbuhten.
So ein Debakel kann und wird natürlich dieses Mal nicht passieren, denn hier sind Jung und Alt zusammengekommen, um ihr insgeheimes Idol zu feiern – für manche auch ihr offensichtliches, denn bereits zum Einlass kommt eine Schar von Fans mit großen „I <3 HF“-T-Shirts um die Ecke, damit sie sich die besten Plätze im vorderen Stehbereich sichern können. Der Großteil, nämlich Sitzplatzler, sehen das alles weniger eng und lassen sich Zeit, auch, als um 20 Uhr das Licht ausgeht und ein riesiges Lichtpendel anfängt, sich für die kommenden 15 Minuten von links nach rechts zu bewegen.

Um etwa 20:15 Uhr, pünktlich zur Primetime, erlischt auch noch die letzte Lampe und ein Intro mit Bebilderung auf riesiger LED-Leinwand startet, bis die Leinwand auseinanderfährt und Helene Fischer mit ordentlich Karacho und Sprungradius auf die Bühne schießt. „Nur mit dir“ und „Phänomen“ sind auch gleich zwei riesige Stimmungsnummern zu Beginn, allerdings scheint das Publikum noch ein wenig eingefroren zu sein und spart an Applaus. Das ändert sich im Laufe der Show selbstredend, vor allem im zweiten Teil der Show (ja, es wird eine 30-minütige Pause gemacht) geben die rund 11.000 Menschen ordentlich Vollgas und jubeln streckenweise lauter als die Musik. Und das zurecht, denn das Erlebnis, das einem im Programm von einer knapp dreistündigen (!) Reinlaufzeit geboten wird, ist immens – Artistik, Lichtshow, Bühneneffekte und natürlich: die Live-Musik.

© Kristian Schuller

Das musikalische Repertoire ist ebenso wie die gesamte, konzipierte Show eine reine „Achterbahn“, wie sie im vorletzten Song des Abends singt. Ganze siebenmal zieht sich Fischer im Laufe der Show um, belässt es aber lange nicht dabei. Neben dem Tanzen und, logischerweise, Singen macht sie auch einen Teil der akrobatischen Einlagen mit, wie beispielsweise direkt nach „Herzbeben“ mit einer wirklich tollen Seil-Nummer, ebenso wie recht am Anfang, als sie am Seil hängt und fleißig von den männlichen Tänzern hin und her geworfen wird. Das artet gegen Ende hin fast ein wenig aus, sodass die Sängerin kurz einmal mehr lachen als singen muss. Auch sonst wird mit einer großen Konstruktion in Form eines H’s oder auch einer Art von oben herab hängender Untertasse gearbeitet, nicht zu vergessen der lange Steg, mitten ins Publikum, der aber auch sowohl flexibel nach oben steigen als sich auch konstant drehen kann. Ein sehr imposanter Anblick und sicher ein tolles Bild für die Gäste auf den Sitzplätzen außerhalb der Arena. Über die fantastisch choreografierte, vom Cirque du Soleil mitgestaltete und konzipierte Show muss sonst kaum ein Wort mehr verloren werden, denn die Qualität der gesamten Produktion befindet sich auf einem so hohen Level, das maximal noch Rammstein mit hochwertiger Pyrotechnik erreicht, ansonsten, wie es auch angekündigt wird, in Deutschland die derzeit größte Tour-Produktion einer deutschsprachigen Sängerin jemals.

Den Vorwurf der immer gleichen und konstanten Schlagermusik, dem kann Helene Fischer ziemlich gut entgegenhalten, indem man auf die gesamte musikalische Bandbreite eingeht. Da durfte ihre überraschend wenig ohrwurmlastige Country-Nummer „Dein Blick“ genauso wenig fehlen wie wirklich große und auch großartige Balladen, beispielsweise „Lieb mich dann“ und am Ende des ersten Blocks mit „Wenn du lachst“, bei dem Helene sich in einem Kleid präsentiert , das den Rock aus kleinen Wasserfällen bildet – kann man schlecht erklären, sieht aber fantastisch aus!
Selbst das Intro von „Killing In The Name Of“ in originaler, instrumentaler Härte schafft es in die Liederliste, auch wenn es direkt in „Herzbeben“ mündet, der vielleicht größte Kontrast des Abends. Dabei funktionieren natürlich die großen Hits wie „Fehlerfrei“ und „Und morgen früh küss ich Dich wach“ genauso wunderbar, aber Lückenfüller wie „Ich wollte mich nie mehr verlieben“ sind dann eben genau das: Momente, die man aufgrund der Anzahl größerer Momente schnell wieder vergisst. Am stärksten ist Fischer immer dann, wenn sie musikalisch ausbricht, wie in der Pop-Rock-Nummer „Wir brechen das Schweigen“. Das größte Highlight des Abends, mit weitem Abstand: die Remix-Version von „Achterbahn“, welche Sängerin, Band und Künstler alles abverlangt und die Bühne ebenso alles herausfeuern lässt, was möglich ist. Da vergisst man auch gerne den Kitsch und Pathos, der in den Liedern immer mitschwingt.

© Kristian Schuller

Besucht man ein Konzert von Helene Fischer, bekommt man die perfekte Show. Ohne Ecken und Kanten. Über weite Teile wirkt sie fast unnahbar, einfach so in der choreografierten Show versunken. Man bekommt für sein Geld eben eine riesige Produktion, ein knapp dreistündiges Erlebnis und eine kometenhaft bekannt gewordene Sängerin, aber mehr das Produkt „Helene Fischer“. Der Mensch kommt immer dann durch, wenn sie sich außerhalb der Planung bewegt; das mag u.a. im „inszenierten Ausbrechen“ sein, als sie auf der fliegenden Untertasse ein wenig mit dem Publikum spielt und sogar kurzerhand Popcorn auf die schwebende Bühne geworfen bekommt, das sie auch aufgehoben und dankend gegessen hat. Solche Momente sind davor nicht geplant und fordern eine persönliche Spontanität, was die Künstlerin wesentlich sympathischer macht. Aber auch den einzigen kleinen Versinger des Abends, bei „Weil Liebe nie zerbricht“, kontert sie sofort mit einem kleinen „Entschuldigung“ – das entschuldigen wir sogar sehr gerne, bei so einer langen und konstant starken Gesangsleistung während des kompletten Abends.

Oft kommt auf die Kritik durch, dass Helene Fischer zu unpolitisch sei, wie es auch beispielsweise Campino von Die Toten Hosen sagte, der auf mehr Aussage hierzu bestand. Dabei ist es doch angenehm, zu wissen, dass es eben auch Musik und Orte gibt, die sich raus dem Brennpunkt-Thema Politik halten und auch ohne Statements funktionieren, wie es u.a. auch AnnenMayKantereit praktizieren, um ein anderes Genre als Schlager aufzulisten.
So überrascht es fast, dass Fischer bei „Wir brechen das Schweigen“ ein kurzes Plädoyer für Toleranz und kulturelle Vielfalt ausspricht, was sie aber sofort in „Alle Aufstehen und Mittanzen“ überleitete. Ein weniger (und auch nicht nötiges) politisches Zeichen, sondern ein Zeichen der Menschlichkeit. Oder wie Helene selbst, etwas zusammenhanglos, in den Song hineinspricht: „Ein Zeichen der Liebe“.

Natürlich durfte „Atemlos durch die Nacht“ zum Schluss nicht fehlen. Und natürlich hat die ganze Halle euphorisch mitgesungen. Und irgendwie ist dieser, inzwischen zum Volksfest-Hit gewordene, Song doch ganz schön, wenn ihn 11.000 Menschen mitsingen.  Und letztendlich auch ein tolles Ende und eine Bestätigung, dass es sich gelohnt hat, den Vorurteilen zu trotzen und diese überwältigende Show angesehen zu haben. Und das ist gut so, denn das, was Helene Fischer geboten hat, wenn sie um kurz nach 23:30 Uhr den letzten Ton singt, ist tatsächlich: „Das volle Programm“.

Setlist: Nur mit Dir / Phänomen / Das volle Programm / Schmetterling / Weil Liebe nie zerbricht / Mit keinem Andern / Ich will immer wieder… dieses Fieber spür’n / Sowieso / Und morgen früh küss ich Dich wach / Die schönste Reise / Ich wollte mich nie mehr verlieben / Wenn du lachst – Block 2: Hundert Prozent / Du fängst mich auf und lässt mich fliegen / Von hier bis unendlich / Die Hölle morgen früh / Lieb mich dann / Du hast mich stark gemacht / Mit jedem Herzschlag / Herzbeben / Dein Blick / Mit dem Wind / Wir zwei / Fehlerfrei / Wir brechen das Schweigen / Achterbahn / FliegerZugaben: Unser Tag / Atemlos durch die Nacht

Bericht: Ludwig Stadler