Happy End – Filmkritik

(4,5 / 5)

 

© Wega Film

 

 

Regisseur: Michael Haneke

Genre: Drama

Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Österreich

Kinostart: 05. Oktober 2017

Laufzeit: 1 Std. 50 Min.

 

 

 

Suizid ist mittels der Netflix-Serie „13 Reasons Why“ seit geraumer Zeit „in aller Munde“. Doch während hierbei beinahe ausschließlich auf die verworrene Gefühlswelt des Teenager-Alters eingegangen wird, behandelt Michael Haneke in seiner makaber-trostlosen Satire über die gefühlskalte Bourgeoisie zusätzlich eine ganz andere Bandbreite gesellschaftlicher Abgründe. „Happy End“ ist der augenöffnende Spiegel einer Gesellschaft, die verlernt hat, aufeinander Acht zu geben und selbstlose Rücksichtnahme nur noch als perfide, selbstgefällig verdrehte Version von Ehrerbietung interpretiert. Seinen bisherigen Meisterwerken wie „Das weiße Band“ steht dieses bitter-süße Sägespänen-Gericht damit kaum nach.

Nach einem Selbstmordversuch ihrer Mutter zieht die fast 13-jährige Eve Laurent (Fantine Harduin) zu ihrem Vater Thomas (Mathieu Kassovitz) und dessen wohlhabende Großfamilie. Thomas‘ Schwester Anne (Isabelle Huppert) hat längst das Bauunternehmen vom depressiven Familienurgestein Georges (Jean-Louis Trintignant) übernommen und schleust ihren überforderten Sohn Pierre (Franz Rogowski) immer mehr in dieses ein, mit Hoffnung auf dessen spätere Firmenübernahme. Wirklich nahe steht sich hier niemand und selbst die halbherzigen Versuche des mit Anaïs (Laura Verlinden) verheirateten Thomas, sich seiner Tochter anzunähern, scheitern spätestens durch die Enthüllung seiner Affäre mit Musikerin Claire (Loubna Abidar) auf allen Ebenen.

 

© Wega Film

Von außen betrachtet ist das altersschwache Konzept der Familie im Großstadt-Milieu frisch gestrichen und den Nachbarn strahlend dargeboten. Dass das Innenleben vieler Familien jedoch schon lange zu schimmeln begonnen hat, wird gekonnt ignoriert. Man hat schließlich nicht für alles Zeit. So auch bei den Laurents, die allesamt zwischen der Unfähigkeit zum Fehlereingeständnis und dem damit eng verknüpften Unvermögen zur Liebe pendeln. Sie drehen sich bei ihren am Hauptpol völlig vorbeilaufenden Diskussionen ständig im Floskeln-Karussell der empirisch-herzlosen Eiskönigin. Auf den Gipfel wird das ganze gegen Ende getrieben, als die am Rande behandelten Flüchtlinge plötzlich bretthart als ungebetene Gäste einer Großbürgerfete mit der Wahrheit konfrontiert werden: alles mehr Schein als Sein. Gut dastehen ist alles. Und da wird auch mit lächelnder Miene lieber dem eigenen Sohn der Finger gebrochen, als die aufgebaute Fassade zu trüben.

© Wega Film

Rabenschwarz wird es ebenfalls, wenn das eigentlich unschuldig wirkende Mädchen aus Lust und Laune seinen Hamster vergiften will oder ihren Großvater beim drohenden Selbstmord filmt. Diese Szenen werden, genau wie der ein oder andere perverse Chat von Thomas und seiner Geliebten, in trocken-sachlicher Härte ohne musikalische Verzerrung durch die Ego-Perspektive der Bildschirme gezeigt. Ansonsten hält die Kamera, in typischer Haneke-Manier, schön lange drauf. One-Shots so lange, wie es nötig ist, um sich vollends in eigentlich lachhaften Situationen wiederzuerkennen und sich die Tragweite entschlüsselt. Zwielichte sowie verzweifelte Gesichter werden so lange gefilmt, bis es schmerzt. Möglich ist dies aber nur durch die grandiose Schauspielerriege. Einer authentischer als der andere, ist der eigentliche Star jedoch ganz klar Fantine Harduin. Nach so einer vielschichtigen Performance im Kindesalter, bei der sie es schafft, dem Zuschauer gleichzeitig starke Gefühle sowie eine gewisse verstörende Undurchsichtigkeit zu vermitteln, wird sich der ein oder andere Produzent noch nach ihr umschauen und möglicherweise große Wege eröffnen. Explizites Lob gebührt auch Jean-Louis Trintignant, der den an Alzheimer erkrankten, schusseligen, aber aufgeklärt-lebensmüden Rentner außergewöhnlich einfängt.

© Wega Film

Bei all dieser im Grunde tieftraurigen Selbstzerlegung gibt es kein Laurent-Familienmitglied, welches diesem erdrückenden Gefühl des kargen Lebens nicht zu erliegen droht. Der eine macht es offensichtlich und redet freizügig über Selbstmord, der andere versucht es durch die Selbsthetze im Alltag zu überspielen. Die Gründe sind dabei zwar im Detail verschieden, doch wird schnell klar, dass es Haneke zentral um das verloren gegangene emotionale Miteinander in einigen Familienkonstrukten geht, welches eigentlich mal eine essentielle Komponente der Familie war und durch reine Mechanik abgelöst wurde. Da Menschen emotionale Bindungen benötigen, führt dies unweigerlich zur dargestellten Selbstzerstörung. Interpretationsspielraum wird trotzdem zuhauf gelassen, denn keiner der Handlungsstränge wird nach klassischem Verständnis zu Ende geführt. Im Gegenteil: Sobald der Abspann über die Leinwand flimmert, ist man erst einmal eine ganze Weile starr vor Bestürzung, bevor man anschließend das lang anhaltende Grübeln über das vielleicht doch gar nicht mal so utopische Happy End des Films beginnt.

Fazit: Irgendwo zwischen der gefühlskargen Rohheit von „Funny Games“ und den familiären Dramen von „Das weiße Band“ klatscht uns Meister-Regisseur Michael Haneke mit seinem neuem Werk „Happy End“ dermaßen gegen die Marotten unserer Gesellschaft, dass man nicht wegsehen kann. Ganz großes Kino, konsequent und knallhart erzählt.

(4,5 / 5)