Amen – Halestorm im Backstage Werk (Konzertbericht)

Dienstag, 16. Oktober 2018 – die Zeichen stehen auf Sturm. Auf Halestorm! Abgesehen von diesem grauenhaften Wortspiel ist die Anspannung tatsächlich riesig, denn die amerikanische Rock-Band war seit ganzen 3,5 Jahren nicht mehr in der bayerischen Landeshauptstadt. Zeit für eine Rückkehr wurde es also allemal. So sehen das wohl auch die Fans, denn das Konzert im Backstage Werk ist bereits im Vorfeld restlos ausverkauft. Ein wohl recht heißer, aber garantiert hochwertiger Konzertabend steht vor der Tür.

Punkt 20 Uhr verdunkelt sich die Halle und Devilskin entern die Bühne. Die Alternative Metal-Combo aus Neuseeland ist das erste Mal in München, aber dennoch nicht weniger professionell und stark in ihrem Auftreten. Satte 60 Minuten Spielzeit haben sie bekommen – und diese werden bis zur letzten Sekunde voll ausgenutzt. Da vergisst man kurzzeitig fast einmal, dass hier gar nicht die Headliner auf der Bühne stehen, so energisch ist der Auftritt der Band, so kraftvoll und laut der Jubel der Fans. Wie auch nicht, denn die Musik könnte kaum besser zum Abend passen: wuchtige Gitarren, eine übermäßig starke Stimme von Sängerin Jennie Skulander und Songs, die sich bereits beim ersten Hören ins Ohr bohren. Nur ein wenig härter als Halestorm sind sie, der eine oder andere Breakdown findet genauso seinen Weg wie ein gutturales Growl-Gewitter. Dass dieser Eröffnungsakt überhaupt noch zu toppen ist, scheint schwer, als die Musiker mit „Violation“ die Bühne verlassen. Selten wird eine Vorband so gut angenommen – selten ist sie aber auch so unfassbar stark wie an diesem Abend!

Setlist: Pray / Elvis Presley Circle Pit / All Fall Down / Mountains / Start A Revolution / Animal / Holy Diver (Dio cover) / Never See The Light / Vessel / Until You Bleed / Endo / Voices / Little Pills / Violation

Dennoch schießt die Stimmung auf ein anderes Level, als Frontfrau Elizabeth Hale, oder kurz: Lzzy, um 21:30 Uhr auf die Bühne schreitet und – zum Klavier geht. Tatsächlich bringen Halestorm ihre wilden Setlist-Spielerein auf ein neues Level und fangen kurzerhand mit einem Piano-Snippet von „Dear Daughter“ an, gefolgt von „Familiar Taste Of Poison“. Was für ein spannender Auftakt, sicherlich, aber als sie direkt „Love Bites (So Do I)“ folgen lassen, zieht nicht nur die Geschwindigkeit ordentlich an, sondern auch die schiere Begeisterung. Es lässt sich kaum sagen, was stärker ist: die unbändige Spielfreude, der perfekt-drückende Sound oder die schlichtweg tadellose Darbietung eines jeden Songs.

Maßgeblich dazu trägt selbstredend die Frau bei, die absolut im Fokus steht: Lzzy. Mit High Heels von sicherlich 15cm-Absatz und einem hautengen Lederoutfit inszeniert sie sich von Anfang an als Rock-Queen – und wird dem mehr als gerecht. Sie spielt sich durch die schnellsten und schwierigsten Riffs, während sie Töne aus ihrer Kehle hervorleckt, die etliche Oktaven umfassen. Und das jedes Mal gnadenlos richtig, ohne den geringsten Fehler. Übrigens ist es ebenso sehr faszinierend, wenn die Musikerin mit ihren Absätzen am Gitarren-Pedal ihre Effekte umschaltet – ein Bild, das viel zu selten in der Rock-Landschaft herrscht. Ihr Bruder Arejay Hale kommt da ganz nach seiner Schwester – im sommerlichen Anzug sprintet er zu seinem Schlagzeug und performt so, als ginge es um sein Leben. Besonders deutlich wird das im starken Drum Solo, das ausnahmsweise nicht als nerviger Lückenfüller fungiert, sondern mit netten Gimmicks wie XXL-Sticks von sicherlich knapp 1,5m Länge. Selbst solchen Standards gelingt es der Band, eine überraschende, eigene Note zu verpassen.

Wenn sie, wie gefühlt jede Band aus Übersee, das deutsche Bier als „delicious“ betiteln und das als clevere Überleitung zu „Vicious“, dem Titelsong des neuesten Albums, nutzen, dann gelingen sogar die Ansagen. Wie sie sich als kleines Mädchen immer gewünscht hat, in weit entfernten Städten wie München zu spielen, erzählt Lzzy, bevor Gitarrist Joe Hottinger zur Akustik-Gitarre greift und gemeinsam mit der Sängerin die fantastische Ballade „The Silence“ anstimmt. Und wie jedes einzelne Lied wird auch dieses von dem jubelnden Werk bestens aufgenommen. Allgemein glänzt die Setlist mit Perlen wie „It’s Not You“ und „Apocalyptic“, genauso wie einer gelungenen Auswahl des neuesten Longplayers, von „Black Vultures“ bis „Skulls“. Und letztendlich ist jedes Wort dieses Konzertberichts verschwendet, denn ein einziges beschreibt diesen Abend eigentlich vollständig: perfekt.

Setlist: Dear Daughter / Familiar Tast Of Poison / Love Bites (So Do I) / Black Vultures / Apocalyptic / White Dress / I Get Off / Do Not Disturb / Amen / Skulls / Vicious / Freak Like Me / Mz. Hyde / It’s Not YouZugaben: The Silence / I Miss The Misery / Here’s To Us

Bericht: Ludwig Stadler