„Bayern ist mein liebster Ort in Europa“ – Halestorm im Interview

Ein wenig ungewöhnlich ist es schon, außerhalb der free&easy-Zeit im Areal des Backyard des Backstage in München zu sitzen. Wo im Sommer sonst Liegestühle stehen und Akustik-Musik erklingt, ist nun im Herbst eiliger Auf- und Abbaubetrieb für das kommende Konzert im Werk. Exakt aus diesem Grund sitzen wir auch dort, denn am Abend entern Halestorm, die amerikanische Hardrock-Band rund um Frontfrau Lzzy Hale, die Bühne, um ihr neuestes Album „Vicious“ zu präsentieren. Zuvor treffen wir uns mit Gitarrist Joe Hottinger, um über das neueste Album, Setlist-Psychologie und München allgemein zu sprechen. Aus Gründen der Einfachheit haben wir das Interview natürlich ins Deutsche übersetzt.

Den Konzertbericht dazu findet ihr HIER!

 

Kultur in München: Hallo Joe! Schön, dass du dir heute etwas Zeit genommen hast.

Gerne! Wir sind gerade fleißig am Interviews geben. Aber wir haben ja gutes Bier!

Kultur in München: Das stimmt. Bier ist immerhin die eine Sache, die wir können.

Und wie! Aber auch Würste. Aber vor allem Bier!

Kultur in München: Wobei das Bier ja nicht in ganz Deutschland so gut ist.

Ohja… da gibt es dann ja sowas wie Kölsch. Aber wenn wir dort sind, dann trinken wir das auch (lacht).

Kultur in München: Hier gibt es ja mit Hunderten von kleinen Brauereien auch eine riesige Vielfalt.

Das ist ja allgemein im Süden von Europa so. In der Schweiz habe ich einen Ort und eine Brauerei mit meinem Namen entdeckt. Da dachte ich mir gleich: hier liegen meine Wurzeln (lacht). Das Essen und Trinken aus Deutschland gehört schon zu meinen Favoriten. Aber wir kommen etwas vom Thema ab!

Kultur in München: Alles gut, wir haben ja Zeit! Euer neuestes Album „Vicious“ erschien im Juli. Was sind für dich die größten oder relevantesten Unterschiede zum Vorgänger?

Das war eine komplett andere Herangehensweise. Wir haben mit einem neuen Produzenten gearbeitet, Nick Raskulinecz, der auch einige meiner absoluten Lieblingsalben gemacht hat, weshalb das natürlich besonders Spaß bereitet hat. Wir hatten dann ein paar Songs geschrieben, wie auch bei den Alben davor, und die waren ganz gut, aber noch unausgereift. Also haben wir ihm die Songs gezeigt und er meinte es so, wie wir es auch sahen: das ist noch nicht das Album, das wir wollten. Aber wir wussten auch nicht so recht, wie wir was ändern sollten. Also schickte er uns in einen Raum und fragte gleich einmal: „Wer hat einen Riff?“, den haben wir dann gespielt und dann, voneinander angestachelt, immer mehr aufgebaut. Also haben wir uns zwei Wochen eingeschlossen und 15 Ideen ausgearbeitet, sind für eine Zeit nach Hause gegangen und haben das anschließend wiederholt. Es kam dann alles ganz natürlich zusammen.

Kultur in München: Ihr habt in Amerika ja gerade eine Tour mit In This Moment gespielt, die zweite bereits. Da habt ihr auch bereits neue Songs gespielt, teilweise sogar den Großteil des neuen Albums. Wie hat das Publikum die Lieder aufgenommen und hat sich da schon ein Live-Favorit herauskristallisiert?

Das war ganz lustig. Am Tag, als das Album rausgekommen ist, haben wir viele neue Songs in die Setlist gepackt, obwohl wir genau wussten, dass die Fans das Album noch nicht so ganz erkunden konnten. Das war dann mehr so ein Zuhören. Am Ende der Woche haben die Fans dann aber schon mitgesungen, das fand ich ziemlich cool, ein gutes Zeichen. Es kommen immer gute Reaktionen bei „Killing Ourselves To Live“ und „Do Not Disturb“. Wir haben ja noch nicht alles vom Album gespielt, aber das werden wir vielleicht.

Kultur in München: Ihr habt ja auch noch genug Zeit dazu.

Genau. Wir sind eh schon bis Ende nächstes Jahr ausgebucht.

Kultur in München: Unser Favorit ist ja der Titelsong, also „Vicious“. Etwas poppiger, aber immer noch verdammt rockig.

Sehr gut, da spiele ich ja mit dieser Manson-Gitarre, die der Bassist von Led Zeppelin herstellt. Es gibt nur einen Shop in Amerika, der die verkauft, also bin ich da hin. Und von dem Sound war ich total überwältigt, da hab ich dann gleich ein paar Lieder darauf geschrieben, unter anderem „White Dress“ und „Vicious“. Irgendwie beide im selben Stil (lacht).

Kultur in München: Eure Setlist-Politik ist ja sehr spannend. Ich hab mal eure Setlisten der bisherigen Europa-Tour verglichen und das ist ja ein neues Level: fast jeden Tag ein neuer Opener, andauernd andere Lieder und eine neue Reihenfolge. Eine Frage stellt sich mir da schon: warum?

Weil es Spaß macht! Wir ändern immer ein wenig. Im Sommer haben wir uns auf eine bestimmte Setlist eingespielt, weil wir das Album bestmöglich präsentieren wollten, weshalb wir dann bestimmt drei Wochen immer die gleiche Set gespielt haben. Das endete dann damit, dass wir einfach nur dermaßen gelangweilt davon waren. Das lag nicht am Publikum, sondern einfach am Programm, wir wollen es einfach immer interessant halten. Wir improvisieren sowieso recht viel, aber immer exakt zu wissen, was anschließend folgt, ist langweilig.

Kultur in München: Dürfen wir uns eigentlich dann Lieder wünschen?

Natürlich.

Kultur in München: Dann würden wir gern „You Call Me A Bitch Like It’s A Bad Thing“ hören.

Ohgott, ich weiß gar nicht mehr, wie man das spielt.

Kultur in München: „It’s Not You“ wäre auch schon.

Vielleicht nehmen wir ja eines von beiden auf.

(Am Abend selbst wurde übrigens wirklich „It’s Not You“ als letzter Song vor der Zugabe gespielt – ob es wohl an uns lag?)

Kultur in München: Wann macht ihr die Setlist immer?

Es kommt drauf an. Mal am Nachmittag, mal am Abend. Heute wird es eh spannend, wir fangen mit einem Song („Familiar Taste Of Poison“, Anm.) an, den wir noch nie als Erstes gespielt haben.

Kultur in München: Ihr habt da zurzeit sowieso lustige Wechsel drin. Letztens habt ihr ja „The Hand“ gespielt, das erste Mal seit 8 Jahren.

Stimmt, das haben wir gespielt. Wir haben „Takes My Life“ auch vor kurzem wieder ausgegraben. Das macht einfach Spaß, ein wenig lerne ich den Song neu. Aber wir spielen sowas dann ja auch nicht Wochen oder Monate.

Kultur in München: Das ist auch ziemlich interessant für uns, weil wir keine Ahnung haben, was ihr heute spielt. Ihr habt ein paar feste Songs und viele alternierende. Das macht es spannend für euch, aber auch für die Fans, die viele Shows besuchen.

Ich mag wechselnde Programme auch einfach. Wir haben viele Fans, die viele Shows von uns hintereinander besuchen, für die ändern wir das natürlich auch. Aber mir gefällt die Idee einer Erfahrung, die nur wenige machen. Sowas wie „Takes My Life“ haben wir jetzt ein paarmal gespielt, das war nett, aber es reicht auch wieder. Wir haben noch ein paar ausstehen. Arejay (Hale, Drummer von Halestorm und Bruder von Sängerin Lzzy, Anm.) will noch einige Lieder von den ersten Alben spielen, aber ich habe sie noch nicht mal gelernt. Ich hab auch wirklich keine Ahnung mehr, wie die Lieder funktionieren (lacht). Aber irgendwann wird der Tag kommen.

Kultur in München: Heute spielt ihr im Backstage, das schon mehrfach als bester Club Deutschlands ausgezeichnet wurde. Habt ihr hier schon mal gespielt?

Wir haben hier schon in einem anderen Raum gespielt, es sind ja drei Clubs. An Lzzys Geburstags waren wir einmal hier, da war es etwas kleiner. Das Publikum war aber spitze, sie haben ihr „Happy Birthday“ gesungen. Leider war sie an dem Tag krank, ein Arzt kam und hat ihr eine Spritze verabreicht. Danach meinte er, sie solle ein Bier trinken. Best doctor ever!

Kultur in München: Welche Bindung habt ihr zu München? Bis 2015 habt ihr hier quasi jedes Jahr gespielt, teilweise sogar zweimal. Jetzt seid ihr 3,5 Jahre weg gewesen – habt ihr uns vermisst?

Natürlich! Ich mein, wir wählen die Orte, an denen wir spielen, nicht aus, das machen die Erwachsenen über uns (lacht). Aber Bayern ist definitiv mein liebster Ort in Europa, nicht nur wegen des Bieres! Leider haben wir dieses Mal keinen Off-Day hier.

Kultur in München: Beim nächsten Mal wieder.

Hoffentlich! Aber wir hatten schon ein paar Tage frei hier und sie waren immer sehr bierlastig.

Kultur in München: Was habt ihr hier für ein Bier? König Ludwig?

Auch, aber auch viele andere. Wir haben das im Catering Rider stehen, dass wir immer gern ein paar lokale Biere hätten. Also haben wir immer was Besonderes da.

Kultur in München: Leider rennt die Zeit etwas weg, darum meine letzte Frage, so stereotypisch sie auch ist. Was sind eure Zukunftspläne? Kommt ihr wieder nach Europa, beispielsweise für die Festival-Zeit?

Ja! Ich weiß leider nicht jedes Festival, aber wir sind im Juni hier. Also bei den beiden Rock am Ring-Festivals sind wir auf jeden Fall. Und Ende nächsten Jahres kommen wir wieder und machen eine Headliner-Tour. Ob wir zwischendrin noch einmal kommen, weiß ich grad nicht. Aber im Frühjahr erst einmal Neuseeland, Australien, Japan. Dann im Sommer die USA und irgendwann auch noch Südamerika.

Kultur in München: Es wäre ja auch sinnlos, für 1-2 Auftritte hierherzukommen.

Ach, wir haben das im Juni gemacht (lacht). Lzzy und ich sind für eine Woche auf Promo-Reise gegangen. 12 Stunden Interviews in einer Großstadt geben, dann in das Flugzeug, etwas schlafen, wieder 12 Stunden Interviews geben, dann wieder ins Flugzeug – das hat danach mein ganzes soziales Umfeld ruiniert, ich musste dauernd von mir erzählen (lacht). Dann sind wir nach Hause geflogen und direkt danach wieder hierher – für zwei Konzerte.

Kultur in München: Dann wollen wir nicht länger deine Zeit stehlen. Danke für das Interview!

Ach, für euch gerne! Ebenfalls danke!

 

Den Konzertbericht findet ihr HIER!

Interview (Planung, Durchführung und Nachbearbeitung): Ludwig Stadler