Awaking The Centuries – Haggard im Backstage Bierzelt (Kritik)

Es gibt doch noch einige Überraschungen, selbst in so unruhigen Zeiten wie der aktuellen. Und so lassen sich die durchaus seltenen Gäste von Haggard für gleich zwei Konzerte im Backstage München in deren Bierzelt, auch genannt Arena Süd, blicken. Am 30. September 2020 als auch dem Folgetag, 1. Oktober, gibt es die wilde Mixtur aus mittelalterlichen Klängen, klassischer Musik und Oldschool Death Metal zu hören. Nach ihrem letzten München-Auftritt 2018 fast schon ein recht frühes Vergnügen, betrachtet man die sonstigen Abstände der Heimspiele. Das Bierzelt füllt sich flott, durch die Beschränkungen auf fünf Personen pro Tisch steht alles dementsprechend ein wenig anders der Bühne zugewandt. Aber gut, die Zeichen und das Wetter stehen bestens!

Gegen 20:10 Uhr betreten alle 12 Musiker die Bühne – und ja, mit Abstand ist es da etwas schwierig, aber das soll an diesem Abend nicht die Devise sein. Schon eher geht es darum, präsent zu sein und zu zeigen, dass trotz Krisensituationen Live-Musik auch in größeren Ensembles stattfinden kann. Haggard akustisch oder in abgespeckter Form? Unvorstellbar. Denn ein wesentliches Markenzeichen der Musiker-Gruppe ist vor allem eines: nichts vom Band, alles live. Das erscheint bei Werken wie „Eppur Si Muove“ wie ein perfekt durchdachter und durchgeprobter Meisterakt, alle Instrumente zeitgleich, aber auch pointiert in ihren Einsätzen zu wissen. Die bühnenabstinente Zeit merkt man der Gruppierung in jedem Fall nicht an – als wäre es ein Halt inmitten einer Tour, in der man sich genau aufeinander eingespielt hat.

Seit mittlerweile 31 Jahren ziehen Haggard durch die Lande, relativ bald nach Gründung bereits kam die Idee der Kreuzung einer Death Metal-Band mit klassischen Elementen. Aber nicht nur mit einer Violine, einem Dudelsack oder ähnlichem, sondern wörtlich: mehrere Streicher, eine Flöte, Klavier und gesangliche Verstärkung von Tenor und Sopran. Die Kreuzung dieser beiden doch so unterschiedlichen Arten war damals noch vollkommen neuartig. Auch im Jahr 2020 sind Haggard weiterhin der Vorreiter – weil sie es richtig machen. Dass sich die Damen und Herren allerdings manchmal etwas zu viel Zeit lassen, sieht man wohl am mittlerweile seit neuen Jahren angekündigten „Grimm“-Album. Solange gibt es eben die Klassiker der vergangenen Jahrzehnte.

Besonders hervorstechend sind dabei drei Komponenten: die Flöte, der Sopran und das Klavier. Während erstere vor allem mit solistischen Melodien glänzt, haben Sopran und Klavier vollkommen eigenständige Momente. So weiß Janika Groß besonders bei „Herr Mannelig“ gesanglich zu überzeugen, während Hans Wolf am Piano gleich mehrere Momente hat, die er solistisch mit eingängigen Melodien so zu füllen weiß, dass die Lieder einen deutlichen Mehrwert erfahren. Exemplarisch dafür ist natürlich die Hymne „Awaking The Centuries“, die auch um kurz nach 22 Uhr das Ende des ersten Post-Corona-Auftritts markiert. Am Ende gibt es noch ein gemeinsames Foto – Fan-Fotos müssen bis auf Weiteres aussetzen. Mit Maske und Abstand sind die Musiker allerdings im Anschluss noch für allerlei Gespräche bereit. Chapeau und auf ein Neues!

Bericht: Ludwig Stadler