Zwischen Firebirth und Bang! – Marc Lynn von Gotthard im Interview

Am 13. März 2020 erscheint mit #13 das neue Album der Schweizer Rocklegenden Gotthard. Die Messlatte könnte auch diesmal kaum höher liegen, nachdem 11 der 12 bisherigen Studioproduktionen in ihrem Heimatland die Chartspitze eroberten und sich der Vorgänger „Silver“ auch in Deutschland wieder Top Ten-Platzierungen sichern konnte. Grund genug für KiM, um sich mit Bassist und Gründungsmitglied Marc Lynn im Rahmen der Promo Anfang Februar zu treffen und ihm die ersten Infos zum neuen Release zu entlocken.

Kultur in München: Hallo Marc! Freut uns, dass ihr mal wieder in München zu Gast seid und vor allem, dass ihr auch im April im Rahmen eurer Tour wieder hier performen werdet. Gibt es eine besondere Beziehung zur Stadt?

Ja, schon. Als wir 1992 angefangen haben, war München noch Sitz unserer ehemaligen Plattenfirma. Das war damals noch die BMG Ariola und ist heute Sony. Wir waren dann dementsprechend oft hier für Promo, verschiedene Events oder einfach, um mit der Plattenfirma zu quatschen. Und wir waren natürlich auch viel abends unterwegs in Schwabing, in den Clubs und Bars. Wir haben viel gefeiert und uns dabei auch eine riesige Fanbase aufgebaut. Dadurch hatten wir hier dann immer extrem gut besuchte Konzerte. Von daher gehört die Stadt zweifellos zu unseren Lieblingsstädten.

Kultur in München: Stichwort: Konzerte. Welche sind Dir denn hier besonders in Erinnerung geblieben?

Wir durften mal im Stadion Bon Jovi supporten. Ein anderes Mal haben wir zusammen mit Europe die kleine Olympiahalle vollgemacht. Auch die Auftritte auf dem Tollwood waren immer super besucht. Das waren oft ganz besondere Erlebnisse.

Du konntest Dich zwar nie ausruhen, sondern musstest schon um die Gunst der Leute kämpfen, aber es gab einfach immer einen bestimmten Sympathielevel; vielleicht auch weil die Schweizer und die Bayern etwas gemeinsam haben – einen besonderen Dialekt, den niemand anderes so richtig versteht (lacht).

Kultur in München: Euer neues Album #13 erscheint am 13. März. Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?

Wir haben mit dem Schreiben im Februar (2019, Anm. der Redaktion) angefangen und im Mai sieben Songs fertig aufgenommen. Danach hatten wir ein paar Festivals und waren dann wieder im Probenraum und haben das Album Ende September fertig aufgenommen. Im November haben wir es dann abgemischt. Im Großen und Ganzen waren es etwa sechs bis sieben Monate. Der Titel hat sich dabei fast automatisch ergeben. Es ist unser 13. Album mit 13 Songs und als mögliches Release-Datum wurde Freitag der 13. vorgeschlagen – also blieb nur noch #13!

Kultur in München: Gibt es nach fast 30 äußerst erfolgreichen Jahren, in denen sich natürlich längst eine gewisse Erwartungshaltung der Fans etabliert hat, Überraschungen oder bleibt ihr eurem Sound und eurem Stil auch mit dem neuen Album treu?

Wir bleiben uns treu und überraschen trotzdem. Wir haben inzwischen einen langen Weg hinter uns. Dabei gab es Alben, die waren extrem frisch, extrem heavy; dann gab es wieder etwas poppigere. Wir haben uns mit Gotthard immer bewegt und wollten uns selbst nie kopieren. Unser Ziel mit #13 war es zwar irgendwo zwischen Firebirth und Bang! zu landen, aber wir haben dennoch dabei großen Wert auf ein sehr unbekümmertes Songwriting gelegt. Nachdem wir fast 2 Jahre akustisch gespielt haben, waren wir wieder richtig heiß, auf Rocksongs überzugehen und Vollgas zu geben. Viele Lieder fangen im Stil von Balladen an und werden dann aber doch richtig hart. Es ist ein sehr, sehr rockiges und positives Album geworden, von dem ich persönlich sehr begeistert bin!

Kultur in München: Wie würdest du es im Vergleich zum letzten erfolgreichen Album „Silver“ beschreiben?

Die größten Unterschiede liegen sicher im Sound und in der Spontanität. #13 ist roher. Die neuen Songs klingen fast ein bisschen wie live gejammt.

Kultur in München: Mit „S.O.S.“ gibt es diesmal sogar ein ABBA-Cover. Wie kam es dazu?

Leo (Leoni, Gitarrist von Gotthard, Anm.) hat sich erinnert, dass wir den Song schon lange covern wollten. Dann wurde in der Zwischenzeit Nic (Maeder, Sänger von Gotthard, Anm.) angefragt, ob er im Rahmen eines speziellen ABBA-Abends in einer Schweizer Fernsehsendung einen Song singen würde. Er hat sich dann für S.O.S. entschieden und dazu gleich eine Demo gemacht. Diese Demo hat er uns auch gezeigt und wir haben gesagt: lass uns den Song mal so versuchen, wie es selbst ABBA nicht geschafft haben. Das haben wir dann umgesetzt. Es ist ja eigentlich ein sehr theatralischer Titel und der Text ist schon heavy. Bei uns beginnt der Song als Ballade, endet dann aber ganz woanders.

Kultur in München: Wie siehst Du eure musikalische Entwicklung insgesamt?

Mit Steves (Steve Lee, ehemaliger Sänger von Gotthard, verstorben 2010, Anm.) Unfall hat ja noch mal eine neue Ära begonnen. Zunächst war das erste Album mit Nic im Grunde noch auf den Stil von Steve ausgerichtet. Dann hat sich Nic nach und nach immer mehr eingebracht, was wir auch wollten. Wir wollten keine Kopie, sondern ein neues Original. Er musste da natürlich eine schwere Bürde übernehmen. Dadurch, dass er sich jetzt immer mehr einbringt, verändert sich dann auch das Songwriting. Über die gesamten knapp dreißig Jahre würde ich sagen, dass wir erwachsener geworden sind. Es gibt viele neue Melodielinien und die Texte sind anspruchsvoller als früher. Man hat mit 50 natürlich auch andere Gedanken als mit 25.

Kultur in München: Ihr habt viele Fans, die Euch schon seit Beginn Eurer Karriere begleiten und von Anfang an unterstützen. Werden die im Rahmen der Weiterentwicklung Eurer Musik berücksichtigt?

Wenn Du versuchst immer alle Arten von Fans zu bedienen, wird es für jeden schnell langweilig. Man muss die Leute auch mal überraschen. Ich denke, in der Kunst sollte es auch immer etwas Neues zu entdecken geben und das geht nur, wenn Du auch den Mut hast, etwas zu ändern. Gerade die Langzeit-Fans erwarten auch mal eine Entwicklung.

Kultur in München: Legt ihr Euch vorher auf ein bestimmtes Albumprofil fest? Sagt ihr z.B. „So, mit dem nächsten Album legen wir mal eine härtere Gangart ein“ oder entwickelt sich die Richtung erst während der Produktion?

Das ergibt sich einfach aus der jeweiligen Stimmung. „Silver“ wollten wir z. B. in einem 70er Jahre-Sound machen, aber beim Abmischen hat es sich dann doch anders entwickelt. Es gibt manchmal Ziele, die sich verschieben. Das ist nun mal der Weg der Kreation. Man kann ein Album nicht vorher schon positionieren, sondern es wächst beim Entstehen. Ein gutes Beispiel ist unser neuer Song Missteria. Die Grundidee kam von Francis Rossi von Status Quo. Das Lied hat einen südamerikanischen Groove, den momentan alle, vom Rap bis zur Volksmusik, benutzen, aber im Rockbereich noch niemand. Der orientalische Einfluss kam dann erst durch eine unserer Backup-Sängerinnen – eine Ägypterin – hinzu. Jetzt feiern die Leute vor allem das Lied als orientalisch, obwohl es eigentlich ein südamerikanischer Beat ist. Das sollte man dann auch einfach laufen lassen. Wichtig ist nur, dass du zu dir selbst ehrlich sagen kannst: „Das Ergebnis passt! Das finde ich cool!“

Kultur in München: Die Musikszene hat sich in den letzten dreißig Jahren massiv verändert. Es ging weg vom klassischen Platten- und CD-Markt und hin zum Streamen und zum schnellen Download. Wie bewertest Du die Entwicklung? Was hat sich dabei für euch verändert?

Als ich aufgewachsen bin, musste ich mir das Geld für eine neue CD noch mit Rasenmähen verdienen. Zu Beginn von Gotthard hatte die Musik durch Vinyl und CD noch etwas Physisches. Dann kam die Digitalisierung und ging Schritt für Schritt weiter – bis heute zu den Online-Plattformen und Streaming-Diensten. Das wird auch nicht mehr besser. Die Technik lädt nun mal dazu ein, dass es auch bequem geht. Musik sollte aber dennoch nicht gratis sein. Die ganze Weltbibliothek für ein paar Euro zur Verfügung zu haben, ist schon ein Riesenangebot. Die einzige Schwierigkeit ist dann noch, etwas Passendes zu finden. Nur das Gefühl, „das ist meine Musik und mein persönliches Exemplar“, ist so nicht mehr da.

Außerdem wird heute die Musik – vor allem dafür, dass sie praktisch gratis angeboten wird – viel zu brutal bewertet. Es gibt nur noch sch… oder gut. Das ist besonders schade, denn hinter allem steckt Arbeit. Nur weil etwas nicht Deinem persönlichen Geschmack entspricht, muss es deswegen nicht unbedingt schlecht sein. Man muss sich nur mal die Reviews und Kommentare anschauen. Ich finde die Kids sollten wieder zu schätzen lernen, dass es um etwas Kulturelles geht und dass man Respekt vor der Arbeit der Künstler haben sollte.

Kultur in München: Wie hat sich das alles finanziell ausgewirkt?

Es gab starke Einbußen! Früher hast du mit Alben Geld verdient, heute musst du investieren. Du brauchst einfach etwas, um dich neu zu platzieren. Auf der anderen Seite haben internationale große Firmen die Schwächen im System genutzt und sind damit reich geworden.

Ich habe mich sehr für die Urheberrechtsrevision eingesetzt. Es kann nicht sein, dass jemand etwas erfindet und ein anderer klaut und kopiert es einfach. Klar, die Welt ist ungerecht, aber für mich gehen so die Werte verloren. Viele Leute zahlen zwar noch für Musik, aber diese Gelder werden dann nicht mehr richtig verteilt. Ich finde es schade, wenn Kultur nicht mehr geschätzt wird. Und wenn man Musik im Internet nur noch gratis konsumiert, dann muss man sich nicht wundern, wenn in der Folge die Preise für Konzerttickets hochgehen. Das wiederum ist gerade für Bands aus der zweiten Reihe ein Problem, denn für Stars wie AC/DC ist man eher bereit auch mal teures Geld auf den Tisch zu legen.

Die Frage ist: Wo führt das Ganze noch hin?! Dabei geht es nicht nur um die Bands, sondern auch um die Veranstalter, Organisatoren usw.. Ähnlich ist es ja auch bei Euch, durch die Konkurrenz zwischen Print- und Online-Medien. Wer kauft heute noch eine Zeitung, wenn man alle Infos gratis am Handy abrufen kann?

© Franz Schepers

Kultur in München: Ihr geht im April auf Tour und spielt am 20. April zusammen mit Magnum in München. Wie groß ist eure Vorfreude?

Extrem! Vor allem auch wegen der Kombination mit Magnum, mit denen wir auch auf unserer allerersten Tour unterwegs waren. Damals waren wir noch im Vorprogramm, heute ist es umgekehrt.

Kultur in München: Wie kam diese Kombination zustande?

Zum einen haben Magnum auch ein tolles neues Album herausgebracht und außerdem geht es bei so einer Tour vor allem um Fragen wie: Stimmt der Stil? Passt das Timing? Welche Band bringt vielleicht auch noch neue Fans zu Dir? Es ist ja eine Kooperation, von der beide Seiten profitieren sollen.

Kultur in München: Was können die Fans von Gotthard auf der Tour erwarten? Überwiegend Songs vom neuen Album?

Wir sind keine Band, die im Rahmen eines neuen Albums auf der Tour dann nur zwei oder drei der neuen Songs spielt. Es werden sicher 4 oder 5 neue Lieder sein und darüber hinaus gibt es eine gewisse „Must“-Liste, eine Art „Best-of“. Bestimmte Songs dürfen einfach nicht fehlen. Es wird also die ganze Bandbreite von Gotthard geben und noch einen Song-Spot, bei dem wir je nach Lust und Laune variieren; nach dem Motto: „heute spielen wir mal diesen Song, dann diesen.“ Außerdem werden wir wieder eine tolle Bühnenpräsenz haben. Wir drücken auch diesmal wieder brutal ins Publikum rein; das macht die Magie unserer Live-Performances aus. Und natürlich sollen auch ein paar Showeinlagen kommen. Wir haben aber, was das anbetrifft, noch nicht angefangen zu proben. Damit starten wir dann Mitte Februar.

Wir wünschen euch viel Erfolg und bedanken uns sehr für das Interview!

Interview (Planung, Durchführung & Nachbearbeitung): Hans Becker

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TICKETS für das Konzert am 20. April mit Magnum in der TonHalle u.a. HIER!