Ort der Wunder – Der Glöckner von Notre Dame im Deutschen Theater (Bericht)

Gibt es einen passenderen Premieren-Tag für ein Stück wie „Der Glöckner von Notre Dame“ als einen Sonntag? Wohl nicht. Auch wenn die Vorstellung abends und nicht zeitgleich mit der Messe morgens stattfand, strömte das Publikum in Scharen zur Premiere des Musicals am 12. November 2017 in den ehrwürdigen Mauern des Deutschen Theaters. Reichlich Prominenz aus München und darüber hinaus ließ sich diese Show ebenfalls nicht entgehen, wie u.a. Janina Hartwig, Joseph HannesschlägerReinhold Hoffmann der Band Haindling und den Halbig-Brüdern der Killerpilze.

Ehrlicherweise müssen wir gestehen, dass wir die ersten 20 Minuten leider verpasst haben. Hierbei ein, natürlich völlig ironiefreies, Dankeschön an den MVV, der zum zweiten Mal in Folge einen Komplettausfall der S-Bahnen geschehen ließ, da die Stammstrecke mal wieder gesperrt war. Bei unserem Einsatz am Freitag haben wir es, trotz genau der gleichen Situation, noch pünktlich geschafft, dieses Mal nicht. Nichtsdestotrotz haben wir natürlich über zwei Stunden zusehen dürfen, wovon wir gerne berichten.

© Johan Persson

Schon das erste, was ins Auge sticht: das wuchtige Bühnenbild, welches einem beim ersten Mal Hinsehen fast erschlägt. Wie eine riesige Holzkirche konzipiert, wobei der Mittelteil als Ort für die Handlung und wechselnden Örtlichkeiten benutzt wurde, wusste die Konstruktion bereits zu Beginn zu gefallen. Mit viel Detailtreue und Liebe zu kleinen Feinheiten hat man den Bau insofern clever geplant, dass das Bühnenbild an sich feststeht und nicht andauernd wechselt, lediglich mit kleineren Elementen wie mehreren Holzgeländern oder einer Bühne werden kurzzeitig diverse Szenarien wie ein Gefängnis, ein Marktplatz oder das Verstecken der Zigeuner dargestellt.

Cast mit Janina Hartwig

Der Cast, so erscheint es zumindest, lebt das Stück. Sie spielen nicht nur, sie sind diese Figuren. Das mag einerseits daran liegen, dass das Musical noch nicht tot gespielt ist (es ist, nach einer Erstaufführungszeit Ende der 90er Jahre, erst die zweite Spielzeit), aber vor allem an der unglaublichen Schauspiel- und Gesangsleistung. David Jakobs als Glöckner mag zwar im ersten Akt lediglich schauspielerisch brillieren, rückte aber im zweiten Akt in den Fokus und begeisterte vollends mit seinem Solo „Wie aus Stein“. Sarah Bowden als Esmeralda wusste Schauspiel, Tanz und Gesang, selbst bei komplexem, gleichzeitigem Anwenden, perfekt zu meistern, wobei sie stimmlich nicht an die Kraft der weiteren Darsteller herankam. Das Ensemble, interessanterweise nicht als Pulk, sondern oft einzeln auftretend, hatte angenehmerweise keine Position eines Sänger-Zusammenwurfs, stattdessen die des Herausstechens von individuellem Gesang.

© Johan Persson

Mit weitem Abstand am stärksten war allerdings Felix Martin als Erzdiakon Claude Frollo. Als unterkühlter und gefühlskalt wirkenden Fiesling, der seine Liebe zu Esmeralda mit Härte abstumpfen will, jagt er dem Zuschauer bereits bei seinen ersten Auftritten einen Schauer über den Rücken. Stimmlich mit einem ausgeprägten Bass-Bariton, sang er problemlos über das recht laute Orchester, sorgte auch bei seinem Solo „Das Feuer der Hölle“ gegen Ende des ersten Aktes für den absoluten Höhepunkt des Abends, das ebenso mit ekstatischen als auch lang anhaltenden Applaus belohnt wurde. Unglaublich.

Das Orchester spielte, wie schon erwähnt, zwar laut, aber angenehm gemischt, sodass die Position des Hintergrunds eingenommen wird, es aber mehr als spürbar wird, wenn die Musik aufhört. Allgemein ist der Sound grandios, man versteht alles bestens, trotzdem bleibt es laut und kräftig.
Ein sehr interessanter Aspekt dürfte die Geschichte und dramaturgische Inszenierung sein. Wahrscheinlich ist „Der Glöckner von Notre Dame“ das allerbeste Beispiel dafür, dass Musical nicht lustig und farbenfroh sein muss, denn – auch wenn es gelegentliche fröhliche Lieder und Tanzeinlagen gibt – dieses Stück ist tatsächlich sehr ernst und dramatisch gehalten, sogar einiges an Kirchen- und Religionskritik hat es ins Libretto geschafft. Das gibt dem „Glöckner“ die Tiefe, die der Stoff verdient, und macht ihn, gemeinsam mit der feinfühlig komponierten Musik, zu einem über alle Maßen gelungenes Showerlebnis.

Und auch wenn es einmal kein Happy End gibt, geht man wahrscheinlich selten so glücklich aus dem Theater heraus. Glücklich darüber, eines der stärksten Musicals aller Zeiten gesehen zu haben. Und das ist wahrlich keine Übertreibung!

TICKETS für die Folge-Vorstellungen HIER.

Bericht: Ludwig Stadler

Vielen herzlichen Dank an Petra Schönberger von Events For You für die Bereitstellung einiger Fotos!