Get Out – Filmkritik

(4,5 / 5)

 

Regisseur: Jordan Peele

Genre: Thriller, Horror, Comedy

Produktionsland: USA

Kinostart: 4. Mai 2017

Laufzeit: 1 Std. 44 Min.

 

Zahlreiche Male bereits habe ich über banale Floskeln wie „Der eine mit der Brille war total witzig.“, „Dieser Seltsame mit den blonden Haaren sah echt gut aus!“, oder eben auch „Der Schwarze hatte zu wenig Screen Time.“ nach einem Kinobesuch gerätselt. Während jeder weiße Schauspieler immer mit Merkmalen wie Bekleidung oder anderen veränderlichen Attributen beschrieben wird, bleibt der Schauspieler mit afro-amerikanischen Wurzeln immer nur „der Schwarze“, unabhängig von jeglichen weiteren Eigenschaften. Die erste Stufe von Isolation findet ebenso auch im alltäglichen Miteinander statt, sobald man Personen einer Minderheit gegenüber nur ausspricht, kein Problem mit ihnen zu haben und sie somit erneut auf ihre Andersartigkeit aufmerksam macht. Meine Freude war dementsprechend groß, als so explizit auf diese indirekte Art des Rassismus eingegangen wurde. Doch so viel sei gesagt: Das Regiedebüt des, vor allem durch das Comedy Duo „Key & Peele“ bekannten, Multi-Talents Jordan Peele kann mit so viel mehr punkten als nur einem intelligenten Rassismus-Diskurs, denn „Get Out“ schießt in beinahe jeglicher Hinsicht über die ohnehin schon hohen Erwartungen hinaus und entpuppt sich als einer der besten Horror-Thriller der letzten Jahre.

Der afroamerikanische Fotograf Chris Washington (Daniel Kuluuya) wird nach fünfmonatiger Beziehung mit seiner weißen Freundin Rose Armitage (Allison Williams) überzeugt, ihre Eltern in deren abgelegenem Reichenviertel zu besuchen. Die anfängliche Sorge von Chris, dass Rose’s Eltern ein Problem mit seiner Hautfarbe haben könnten, scheint zunächst völlig unbegründet, so herzlich wie er von Missy (Catherine Keener) und Dean Armitage (Bradley Whitford) empfangen wird. Doch diese Erleichterung legt sich relativ schnell wieder, als er außergewöhnlich oft mit dem Thema der Dunkelhäutigkeit konfrontiert wird und die ausschließlich afroamerikanischen Bediensteten des Viertels sich seltsam seelenlos benehmen…

©2017 Universal Pictures

Bereits wenn das Paar zum ersten Mal die Grundstücksauffahrt von Rose’s Eltern befährt, jagt es einem trotz herzlich grinsender Gesichter einen kalten Schauer über den Rücken. Alles, von perfekt gespiegelten Gartenstühlen (Wes Anderson lässt grüßen) bis hin zu geschnittenen Pflanzen, wie aus einer ARD-Gartenkunst-Doku, wirkt derartig koordiniert und steril, dass sich schnell ein gewisses erstes Unbehagen breitmacht. Dieser Requisiten-Leitgedanke wird auch in der gesamten Einrichtung des Hauses weitergeführt. Aber nicht nur das Set-Design fühlt sich trotz uriger Möbel so kalt an wie ein Apple Store, auch Kameramann Toby Oliver setzt hier auf kerzengerade, beinahe klinische Aufnahmen, während die vorausgegangen Szenen des frischen Pärchens noch sehr dynamisch von der Kamera eingefangen wurden. Umso befangener sich Chris jedoch als „fish-out-of-the-water“-Protagonist in dieser ungewissen, kleinen Welt fühlt, desto lebendiger wird auch wieder das bewegte Bild.

©2017 Universal Pictures

Jordan Peele inszeniert natürlich nicht grundlos auf diese Weise. Wenn Chris in einer von Weißen geleiteten Gemeinde mit Sätzen wie „Ich hätte auch ein drittes Mal für Obama gewählt, wenn ich gekonnt hätte.“ zugeschüttet wird, ohne überhaupt gefragt zu haben, erinnert das schon sehr stark an das oftmals scheinheilig liberale Regime Amerikas, dessen amtliche Formulare weiterhin die Frage nach der eigenen „Rasse“ beinhalten (ironischerweise natürlich nur, um afroamerikanischen Bürgern gezieltere Eingliederungsmaßnahmen anbieten zu können). Makaber wird es spätestens dann, wenn eine Schar eingeladener Edel-Spießer im Garten Bingo spielen, das Szenario aber eher an SS-Offiziere auf den hohen Rängen während einer nationalsozialistischen Militärparade erinnert. Allen voran das kühle Fuchteln von Familien-Oberst Dean wie ein Dirigent zur imaginären Marschmusik. Dieses Bild wird hierbei auch kongenial von Michael Abel’s größtenteils nostalgischer Filmmusik erweitert. Vergleiche zu Größen wie Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“, „The Hateful Eight“) oder auch Bernhard Hermanns legendärem Sound diverser Hitchcock-Klassiker sind da gar nicht einmal so weit hergeholt, wenn ähnlich schrille, verstörende Klänge ertönen.

Bei dieser sehr ernsten und bedrückenden Thematik möchte man meinen, ein humoristisches Element würde sämtliche Vorarbeit durchlöchern, doch diese Sorge wird vollauf gekonnt ausradiert. Lil Rel Howery’s Figur „Rod Williams“ funktioniert erstklassig (trotz respektvollem Umgang mit dem Thema) als Comic Relief und wirkt dabei nie fehl am Platz. Eine zwanglose Auflockerung, die dem Film sehr gut bekommt. Nichtsdestoweniger beeindruckend ist die schauspielerische Leistung der restlichen Akteure. Catherine Keener und Bradley Whitford als Hybrid zwischen gutherzigem und gruseligem Ehepaar und Caleb Landry Jones als deren verzogener, sadistischer Sprössling liefern allesamt eine tolle Show ab. Allen voran kommt jedoch Allison Williams mit einer Performance, die ihresgleichen sucht und deren schauspielerische Wandelbarkeit mich doch sehr verblüfft hat. Auch Daniel Kaluuya als ständiger Beobachter des Geschehens (seine Figur Chris hat als Kind ein schweres Trauma erlitten, als er seine Mutter durch seine Unfähigkeit zum Handeln indirekt hat sterben lassen. Später führt diese Charaktereigenschaft auch zu seinem Dasein als Fotografen) gibt die moderne, aber unsichere Zentralfigur als optimales Identifikationsobjekt. Dass dieser talentierte Mime eine Geschichte über eine lange Spielzeit hinweg alleine tragen kann, bewies er bereits in seinem tollen Auftritt in der Serie „Black Mirror“ in der Folge „Fifteen Million Merits“ und wird hier nur erneut mit komplexem Schauspiel bestätigt.

©2017 Universal Pictures

Nach einem sehr interessanten Twist und der finalen stark arrangierten, blutigen Slashing-Sequenz konnte ich dem Film nicht einmal mehr über das doch sehr plötzliche Ende böse sein. Auch Chris‘ vorhandene Charakterentwicklung über den Film hinweg kommt hier zum Höhepunkt, als er auf einmal die aktivste und zielstrebigste Figur des Geschehens ist. Hier fügt sich alles zu einem runden Abschluss zusammen und zeugt von ausgezeichnetem Storytelling.

Fazit: An „Get Out“ gibt es eigentlich kaum etwas auszusetzen. Es ist einer dieser Filme, die einem zeigen, warum das Medium Film so großartig zum Erzählen von Geschichten ist. Jordan Peele hat mit einer frischen, tiefgründigen Mischung aus Thriller, Horror und Comedy den Nagel auf den Kopf getroffen und sich den Grundstein für eine Karriere als vielschichtiger Filmemacher gelegt. Respekt!

(4,5 / 5)