„Ich verkaufe Wahrheit“ – Für immer schön im Marstall (Bericht)

„Das ist doch alles Plastik“ hat die Münchner Band Killerpilze über die Musikindustrie im Jahr 2010 gesungen, nachdem sie zuvor ihren Major-Label-Vertrag verloren haben. Genauso gut würde diese Aussage auf etliche weitere Branchen zutreffen, ebenso auch auf die Kosmetikbranche. Im Gegensatz zu den Musikern hat die Kosmetikhändlerin Cookie das noch nicht eingesehen und wird es wohl auch nie tun. Die fiktive Figur ist die zentrale Rolle im Stück „Für immer schön“, welches am 17. November 2017 auf der kleinen Bühne des Residenztheaters, dem Marstall, Premiere feierte.

© Julian Baumann

Plastik. Überall knallpinkes Plastik. Einzig und allein das Licht kann noch regulieren, wie stark es schimmert, aber es bleibt Plastik, eine rosa Blase. Es ist die Blase der Kosmetikverkäuferin Cookie, „eine Legende“, die seit eh und je ununterbrochen durch die Straßen zieht und an den Haustüren Kosmetika verkauft, eher weniger als mehr erfolgreich. Freiwillige wie auch unfreiwillige Weggefährten wie die Konkurrentin Heather oder der junge Dan treffen auf Cookie in jeden ihrer Lebensabschnitte und lassen u.a. ein leibliches Kind und einen Beziehungszusammenbruch folgen. Die Protagonistin bleibt unberührt davon. „Keiner wischt dich auf“. Kampfgeist bis an die äußerste Grenze. Und immer wieder steht sie vor der Tür, immer wieder die gleiche Geschichte. „Ich verkaufe keine Kosmetik, ich verkaufe Schönheit“. Am Ende heißt es dann: „Ich verkaufe Wahrheit“. Dabei könnte ihr Leben keine größere Lüge sein.

© Julian Baumann

Die Inszenierung ist einerseits farbenfroh, andererseits genau dadurch unfassbar kalt und eisig, und damit exakt das Gefühl, was Noah Haidles Werk durchgehend hervorruft. Regisseurin Katrin Plötner stellt Cookies Welt schrill dar, aber nicht die Art von verrückter Schrillheit, sondern surrealer. Die Darsteller treten maßlos überzeichnet auf, in manchen Momenten erinnern sie weniger an Figuren dramatischen Inhalts, sondern mehr an schemenhafte Comic-Rollen. Dabei ist der Grat zwischen Komik und Dramatik so gering, dass er manches Mal absolut aus der Bahn wirft und man sich selbst dafür verurteilen möchte, gerade gelacht zu haben. Eine Odyssee mit einem Dauer-Grinsen, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum.

© Julian Baumann

Dabei vergeht einem das Lachen, stellt man sich nur kurzzeitig vor, dass solche überarbeiteten Kämpfergestalten wie Cookie in millionenfacher Ausführung im echten Leben existieren. Juliane Köhler hat als Hauptdarstellerin die Aufgabe, einen alltäglichen Menschen abzubilden, der einem als Zuschauer aber schauerlich fremd sein soll. Es ist gelungen. Köhler blutet, verrenkt sich, gräbt in Erde, kämpft und schreit – die Rolle verlangt ihren vollen Einsatz, den sie sichtlich hineinsteckt und dabei mit Bravour einsetzt. Das letzte Mal am Residenztheater so verausgabt hat sich nur Bibiana Beglau in „Phädras Nacht“, das letzte Mal dabei so realistisch überzeugt lange niemand mehr. Sie hat es fraglos geschafft, keine Sekunde daran denken zu lassen, dass Juliane Köhler auf der Bühne steht – man hat nur Cookie gesehen. Das restliche Ensemble spielt in dieser Blase ebenso gekonnt mit. Pauline Fusban als Heather mag zwar weniger Bühnenzeit haben, mimt die eigentliche Verdopplung der Hauptfigur aber grandios. Nils Strunk als männliche Instanz schafft es als einziger, den absolut geleckten Comic-Look sowohl äußerlich als auch schauspielerisch am besten rüberzubringen. Als gealterter Dan ist man sich (optisch) nicht so recht sicher, ob man es hier mit einer redenden Plastikpuppe oder einem Menschen zu tun hat. Für Cookie sowieso irrelevant – Mitmenschen halten sie nur von ihrem Weg nach oben auf.

© Julian Baumann

Das silberne Kosmetik-Köfferchen glänzt am Ende wahrscheinlich noch am stärksten. Alle Menschen in der Blase, außer die Protagonistin, haben sich entwickelt, neue Wege eingeschlagen, haben schlichtweg gelebt. Und sie hat gearbeitet, ohne Pause, ohne Unterlass und vor allem ohne eine Chance auf Erfolg. Wie stark sie in der Plastikwelt gefangen ist, sieht man immer genau dann, wenn menschliche Interaktion gefordert ist. Auf die Nachricht des verstorbenen Ehemanns reagiert sie mit Kosmetik-Tipps, selbst als die eigene Tochter von Heroinsucht und Depression berichtet, fallen Cookie nur ihre Verkaufsstrategien ein. Und am Ende steht sie wieder da, verdreckt, das Kleid zerrissen, mit blutigen Händen und Füßen. „Showtime“.

 

TICKETS für die Folgevorstellungen gibt es HIER.

Bericht: Ludwig Stadler