Wuchtige Maskenshow – Frühlings Erwachen in der Schauburg

Eine Wucht!
Die meisten jungen Leute haben Frühlings Erwachen von Frank Wedekind in der Schule gelesen. Dass dieser Text bis heute absolute Relevanz hat, zeigt Jan Friedrichs Inszenierung in der Schauburg, die am 19. Januar Premiere feierte. Und wie!

© Judith Buss

Mit Puppenmasken werden zu Beginn die von Struktur geprägten Schüler in ihrem starren Alltag vorgestellt. Stück für Stück fallen aber die Masken, entwachsen die Figuren den Schablonen, in die Lehrer und Eltern sie liebevoll leiten oder pressen. Die Bühne ist in kleine Kästen geteilt, in die man hineinschaut wie in ein Puppenhaus. Die Wohnzimmertapete zeigt junge Vögel, die von sündigen Granatäpfel kosten, oder interpretiere ich zu viel hinein? Dazu lädt diese Inszenierung nämlich geradezu ein. Wer eine Maske trägt, wird regelmäßig von den anderen Schauspielern vom Bühnenrand aus synchronisiert, vielleicht bevormundet? Wenn dann die Mädchen ihre Stimmen den Jungen geben, ist das womöglich der pubertäre Stimmbruch – viele mögliche Ebenen.

© Judith Buss

Doch auch wer nicht auf der Suche nach zu deutenden Zeichen ist, wird von diesem Stück abgeholt, mitgenommen, weggeschwemmt. Denn es gibt wirklich viel zu sehen. Jeder einzelne Schauspieler schafft es sowohl das Starre, das Puppenhafte, wie auch die Verzweiflung unter der Maske zu verkörpern. Musik, Ton und Bewegung wirken wie komponiert, das Timing auf die Bewegungen der Spieler passt perfekt. Die Toilettenkabine, der Heuboden im Bühnenbild schaffen intime Situationen, vielleicht auch etwas schmuddelig, aber nie zu viel, nie so sehr, dass man sich schämen müsste oder
peinlich berührt wäre. Und das muss man erstmal schaffen, in einem Stück, in dem Wohllust, Masturbation, häusliche Gewalt, Sex und Abtreibung namentlich vorkommen.

© Judith Buss

Außerdem schafft Friedrich wie ein Maler Situationen, die man, so wie sie sind, abfotografieren und in Din A2 als Poster drucken möchte. So betrachtet Melchior Gabor, bei der Vorbereitung des Aufklärungsheftes „Der Beischlaf“, unter Bäumen liegend, erotische Bilder; man möchte die Szene überschreiben mit: Adams Aktfotos. Zwei Mädchen sitzen mit Janusköpfen vor einer Weinranke wie ein lebendiges Gemälde. Ein Heranwachsender, der verrückt an seinen aufkommenden Begierden wird. wird witzig, aber nicht rücksichtslos gezeigt. Einen Moment, nachdem sich dessen Sehnsucht hell wie Sprühsahne auf den Bühnenboden ergießt, sieht man wieder die völlige Verzweiflung von Moritz, der die Schule nicht schafft und am liebsten durchbrennen würde, wenn er nur könnte. Ilse dagegen ist trotz ihrer jungen Jahre Muse verschiedener Künstler und damit den anderen so viel voraus. Die Geschichte jedes Jugendlichen wird eindringlich erzählt, ohne dass es langweilig wird und ohne Effekthascherei. Die Videoprojektionen müssen besonders gelobt werden! Ja, das machen gerade alle Theater, nur selten wird der Medienwechsel aber so gut eingesetzt wie hier. Das liegt daran, dass nicht abgefilmtes Theater gezeigt wird, sondern die Videosequenzen sich an die Ästhetik des Filmes halten. Dadurch schaut man sowohl Kino als auch Theaterstück.

Mit fortschreitender Handlung werden die Masken langsam bizarrer. Als Melchior in die Korrektur-Anstalt eingewiesen wird, trifft er dort auf Sauriermasken, auf Krötengesichter. Der Schuldirektor tritt als ein keifender Zwerg auf. Wendla hingegen verliert ihre Maske, ihre Reinheit, scheint aber im Laufe der Handlung aufzutauen, von der Porzellanpuppe zu einem verstörten, trotzigen und auch tragischen Charakter. Zum Schluss trifft sich die Adoleszenz auf dem Friedhof, mehr oder minder lebendig. Doch auch hier: morbide und so schön, dass man nicht wegsehen möchte. Zugleich ist diese Szene doch meilenweit weg von Horrorfilm- und/oder Zombiebildern

Nein, Jan Friedrich weiß, welche Wirkung er wann erzeugen will und er schafft es bei „Frühlings Erwachen“ zu 100%.
Ich glaube nicht, dass meine Kritik diesem Abend gerecht wird, darum zwei Worte: Hin da!