Beklemmende Phantasmagorien – „Frau F. hat immer noch Angst“ im HochX (Kritik)

Alle haben Angst, noch immer und für immer. Angst vor Veränderung und vor dem Stehenbleiben. Angst vor sozialem Abstieg. Vor dem Verschwinden der Sicherheit und vertrauter Werte. Vor Überfremdung und Identitätsverlust. Angst vor einer Mauer. Und Angst vor dem Tod, sowieso.

© Judith Buss

„Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie“, sagte einst Erich Kästner. Dass der junge Regisseur und Autor Emre Akal Phantasie besitzt, beweist er in seinem neuesten Stück „Frau F. hat immer noch Angst“. Am Abend des 15. Januars 2019 im HochX lässt er zwei Phantasmagorien aufeinandertreffen. Beide dieser Stimmungswelten könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch beide erzählen, zeigen und machen Angst.

In der ersten Szene sitzt die alte Frau F., gespielt von Erkin Akal, dem Vater des Regisseurs, vor einem leeren Goldfischglas und sinniert vor sich hin. Ein trübes Licht fällt auf die triste Wohnung. Das Publikum immersiert in das Stillleben. Sie ist allein. Niemand ist da mit dem sie sprechen könnte. Aus den Lautsprechern der Wohnung tönt eine Roboterstimme, die zunächst von einer schönen, besseren Welt berichtet. Dann wechseln die Erzählungen zum Schrecken und den Gräueltaten der Außenwelt. Die Einsamkeit scheint greifbar.

© Judith Buss

Plötzlich ertönt ein tiefer Ton, ein harter Cut. Vier groteske Figuren stehen da. Eine Kleinfamilie in knalligem Kostüm. Die menschlichen Züge sind von Bettina Kirmair durch aufgemalte Marionettengesichter skurril überschminkt worden. Julia Carina Wachsmann, im Fatsuit, mimt herrlich den untersetzten Vater (dem man ein Nasenspray auf die Bühne werfen mag). Olaf Becker stellt die Mutter im knallgelben Morgenmantel dar. Carina Werthmüller spielt den an Skoliose leidenden Sohn, mit blauen Schnürsenkeln. Robert Naumann die Tochter, mit rosa Schnürsenkeln und rosa Rock. Sie wird die meisten Schikanen erleiden müssen. Die Geschlechter sind auf der Bühne vertauscht. Ansonsten erfüllen die vier jedes Klischee und beherrschen dabei den unheimlichen Gestus der Puppe bis zur Perfektion. Sie putzen synchron die Zähne, spielen Karten und treiben Morgensport. Sie essen, kauen und schmatzen synchron. Immer wieder heben die Vier langsam den Kopf, rollen die Augen und starren in den Zuschauerraum. Ein unheimlicher Blick. Auch die kurze, schnelle Szenenabfolge hinterlässt ein mulmiges Gefühl im Magen. Die Muskeln verkrampfen und der Körper wird in Spannung versetzt.

© Judith Buss

Es sind zwei Welten in denen wenig gesprochen wird. Und doch wird mit wenig Text so viel erzählt. Ab und an wird die Stille durch das Lied „Bald kommt der Hans zu mir!“ aufgebrochen. Zunächst noch in Harmonie, dann immer schiefer und atonaler. Auch verschiedenste Psychoterrorspiele geben Bedrohliches preis. Eine Familie gefangen in einer grotesken Routine, bei der sich manch Zuschauer ertappt fühlen dürfte.

Während ein Feuerball langsam auf die Bühnenfamilie zufliegt, zählen sie, mit Partyhütchen auf den Köpfen, von 100 runter. Der Weltuntergang endet in einem gemeinsamen, routinierten Dicoklogang. Hat sich was verändert? Zumindest schwimmt nun ein Clownfisch im Glas. Frau F. öffnet die Tür und schaut hinein – oder heraus. Das weiß wohl nur Emre Akal.

„Frau F. hat immer noch Angst“ erzählt nicht durchgängig eine Geschichte, oder wenn dann unzählige, die hineininterpretiert werden können. Akal malt beklemmende Stimmungsbilder mit einer spannenden Ästhetik. Kein Sprechtheater, auch kein Tanztheater. Definitiv hat es Choreographie-Elemente. Absolut sehenswert und trotz fehlender Narrative sehr wirkungsvoll. Der volle Zuschauerraum spendet für Darsteller und Team begeisterten Beifall. Nur für Menschen mit Puppenphobie nicht zu empfehlen. Denn dieser Stoff hat definitiv Potential für Alpträume.

Kritik: Carolina Felberbaum