„Theater wird von vielen zu sehr als Unterhaltung begriffen“ – Franz Pätzold im Interview

Nicht zuletzt mit seinem Doppel-Einsatz bei „Don Karlos“ und „Don Juan“, die im Mai und Juni 2018 Premiere feierten, zeigte sich, wieso er garantiert zu den spannendsten Ensemble-Mitgliedern des Residenztheaters zählt: Franz Pätzold. Für den gebürtigen Dresdner läuft es derzeit äußerst gut – Besetzung in einigen TV- und Kinoproduktionen, interessante Rollen bei den verschiedensten Produktionen im Resi und dazu auch noch die Auszeichnung mit dem Kurt-Meisel-Preis. Ein guter Zeitpunkt also, sich bei triefendem Regen unter einem Sonnenschirm im Außenbereich der Kantine hinzusetzen und über das Publikum im Theater, PEGIDA, den Bezug zu München und die Zukunft zu reden.

 

Kultur in München: Guten Morgen! Schön, dass es heute geklappt hat. In den letzten Monaten ist ja einiges bei dir los gewesen. Am beeindruckendsten fand ich ja „Don Karlos“ von Kušej und einen Monat später „Don Juan“ von Castorf, die beide nicht dafür bekannt sind, nur eine Stunde zu dauern. Mit zwei Hauptrollen war das doch recht ordentlich.

Das war ein ordentlicher Ritt! Ich wusste aber schon vorher, dass es anstrengend wird. Mit Frank Castorf habe ich schon regelmäßig zusammengearbeitet. Dann hat mir Martin (Kušej, Anm.) gesagt, dass ich auch bei „Don Karlos“ dabei sein werde. Zwei so große Rollen hintereinander, das geht schon mal. Man weiß ja, was einen erwartet. Es ist natürlich eine ordentliche Kraftanstrengung, das kann man nicht anders sagen. Aber wenn man das weiß und drum herum etwas Ruhe findet, dann geht das schon.

Kultur in München: Zudem das bei Castorf ja nicht nur Text ist, da kommt ja noch einiges an Performance dazu. Allein die Szene mit dem Coca Cola-Kasten gleich am Anfang

Ja, das ist nicht unanstrengend. Ich merke danach schon, dass es mich angreift. Man hat in den Proben einfach keine Zeit, eine Technik zu entwickeln, um sich nicht wehzutun. Aber das gehört dazu. Ganz so schlimm ist es auch nicht. Der Cola-Automat ist aus Plaste, der gibt nach. Wenn man dagegen läuft und abprallt, hat das fast schon etwas Lustiges, wie in einem Comic. Aber gleich danach „Lola“ von den Kinks zu singen, ist nicht so einfach, weil man völlig außer Atem ist.

© Judith Buss

Kultur in München: Fast die Hälfte der Berichterstattungen über dich im Internet sind ja aus den letzten Monaten, auch das schöne Portrait aus der SZ. Wenn man jetzt auf YouTube guckt, stolpert man über ein Video der ZAV-Künstlervermittlung Leipzig aus dem Jahr 2011, was nach dem Ende deiner Schauspielschule entstanden ist.

Das Video ist sogar noch während des Studiums als Abschlussarbeit entstanden. Jörg Lichtenstein, der auch hier am Resi spielt, war damals mein Mentor und hat das mit uns für die ZAV gemacht. Wenn man sich für eine Rolle in einem Film bewirbt, können die Caster sehen, wie man privat vor der Kamera ist. Aber dass das Video noch zu finden ist!

Kultur in München: Da kam auch die Frage, ob du lieber Karl oder Franz Moor wärst.

Was habe ich gesagt?

Kultur in München: Franz Moor.

Na klar. Jeder will Franz spielen.

Kultur in München: Der Karl Moor ist es dann in München geworden. Hat sich ja nicht zum Negativen entwickelt.

Nein, ich bin sehr glücklich darüber! Beide Rollen haben etwas. Das Verhältnis der beiden ist ein bisschen so wie das von Karl und Posa in „Don Karlos“. Posa bei „Karlos“ und Franz bei den „Räubern“, das sind einfach die Abräumer-Rollen, bei denen der Zuschauer einen besseren Zugang hat. Die beiden sind anders gestrickt. Beim einen handelt es sich um den Bösewicht, beim anderen um einen kleinen Intriganten. Da schaut man als Zuschauer einfach gern hin.

Kultur in München: Du wurdest ja direkt nach dem Ende der Schauspielschule von Kušej am Residenztheater engagiert. In dem damaligen Video sagst du auf die Frage, warum dich ein Intendant engagieren sollte, dass er dann, wenn du bei ihm spielen möchtest, alles von dir erwarten kann. Ist dir das hier aus deiner Sicht gelungen?

Ich kann nicht behaupten, dass ich mich in der Zeit geschont hätte. Das hab ich damals auch mit der Haltung eines Studenten gesagt, der richtig loslegen will. Die Realität sieht anders aus, vor allem, wenn man an ein so großes Haus kommt. Natürlich bekommt man nicht gleich die Hauptrollen, sondern kleine Sachen. Es dauert auch, bis man bemerkt, dass man noch gar nicht stabil genug ist, um die großen Rollen zu spielen. Es gibt vielleicht Leute, die das können. Ich war damals aber noch nicht in der Lage, so große Sachen zu stemmen. Ein Ritt wie bei „Don Karlos“ und „Don Juan“ wäre damals gar nicht gegangen. Insofern ist es ganz gut, dass ich das durchgezogen habe, nicht müde zu werden und zu sagen: „Wenn ich arbeite, arbeite ich auch mit allem, was ich habe, und werfe mich rein“. Deshalb glaube ich, dass sich Herr Kušej da nicht beschweren kann.

© Joerg Reichardt

Kultur in München: Was war die erste Hauptrolle eigentlich? „Balkan macht frei?“

Nein, das war Anton in „Pünktchen und Anton“.

Kultur in München: Ach stimmt, das habe ich ja damals auch gesehen. Hättest du Lust, so etwas mal wieder als Kontrast zu machen?

Naturgemäß hätte ich da keine Lust drauf, weil es bedeutet, früh um 10 Uhr Theater zu spielen. Das muss nicht unbedingt sein. Aber es war schon eine tolle Arbeit, die mir damals große Freude bereitet hat. Die Uhrzeit würde mich dabei aber schon arg stören.

Kultur in München: Im März habe ich „Mauser“ gesehen. Eigentlich traurig, dass das Publikum nur bei solchen Extremsituationen reagiert und sonst nur brav applaudiert.

Klar, das ist schon traurig. Das ist eben die Verabredung, man geht ins Theater und am Ende gibt es Applaus. Natürlich wünsche ich mir manchmal, dass das Publikum mit mehr Fantasie kommt und stärker auf unser Spiel reagiert. Dafür ist Theater aber doch zu sehr Unterhaltung oder wird von zu vielen Zuschauern als solche begriffen.

Kultur in München: Um mal einen Bruch zu machen: du kommst aus Dresden. Innerhalb der letzten Jahre ist die Stadt regelrecht beschmutzt worden mit einem schlechten Ruf wegen Pegida. Hast du noch bzw. hattest du je eine Bindung zu Dresden, dass dich das irgendwie mitnimmt?

Es ist schade. Um den Ruf Dresdens hab ich mir aber weniger Sorge gemacht. Ich bin Dresdner und liebe meine Heimatstadt. Ich komme auch aus einem sehr linksliberalen Viertel, der Dresdner Neustadt. Das ist ein wahnsinnig schönes Viertel mit coolen Leuten. Dort gibt es viele Künstler, Familien, Punks – da haben Nazis gar keine Chance auf der Straße. Weil ich dort aufgewachsen bin, musste ich mich nie akut damit auseinandersetzen. Auch zu Hochzeiten von Pegida bin ich trotzdem heimgefahren und da sind in der Neustadt keine Faschos rumgelaufen. Als das losging mit Pegida und immer größer wurde, wusste ich, dass die, die was im Kopf haben, das richtig einschätzen. Dass das kein Phänomen ist, das sich auf Dresden beschränkt, sondern sich wie ein Krebsgeschwür in ganz Europa, sogar weltweit, ausbreitet. Ich bin jetzt nicht mehr so oft in Dresden gewesen, aber meine Familie lebt dort. Natürlich verfolgt man das. Dresden hat auch ein bisschen Pech gehabt, dort war einfach die erste Zelle, aus der es entwuchs. Mein Vater hat erzählt, dass Leute aus Polen, aus den Niederlanden, Dänemark, Österreich und von überall herkommen und sich in Dresden treffen. Ich hatte mir da nur erhofft, dass mehr Menschen dagegen den Weg auf die Straße finden, um dem auch eine Masse entgegenzusetzen. Dass das nicht gelungen ist, hat mich gewundert und auch ein wenig verstört.

© Thomas Aurin

Kultur in München: Du lebst jetzt seit 7 Jahren in München, hast quasi fast deine kompletten 20er hier verbracht. Die Frage stellen wir in jedem Interview, allein schon magazinbedingt, so natürlich auch dir: Wie gefällt dir München? Als Stadt, als Wohnort und natürlich als Arbeitsplatz

Ich glaube, München ist eine Stadt wie viele deutsche Städte, die im Krieg stark zerstört wurden. Die ursprüngliche Schönheit, die ich empfinde, wenn ich nach Italien oder Frankreich fahre, dieser Wow-Effekt setzt bei mir in München nicht ein. Aber auch nicht in Dresden. Man kann es sich hier schön machen, wenn man Geld hat und bereit ist, es auszugeben. Ansonsten ist München natürlich die beschissenste Stadt, in der man sein kann. Wenn man nicht gerade im Sommer den ganzen Tag im Englischen Garten rumhängt, dann ist das Leben so, wie das Wetter gerade ist (Anm.: es regnet durchgehend), also echt ernüchternd. Ich wohne hier sehr gut und sehr schön, auch, weil ich es mir leisten kann. Obwohl ich auch Glück habe und in einer günstigen Wohnung lebe, einen guten Arbeitsplatz und einen guten Arbeitgeber habe – dadurch gefällt mir die Stadt natürlich auch besser. Vom Wesen erinnert mich die Stadt tatsächlich etwas an Dresden: die Leute sind gemütlich, trinken gern ihr Bierchen oder einen Kaffee und gehen raus, wenn die Sonne scheint. Es hat so eine Café-Mentalität, und diese Gemütlichkeit gefällt mir ganz gut.

Kultur in München: Es ist die ultimative Standard-Frage, aber die kommt natürlich aus persönlichem Interesse: Liest du dir die Kritiken durch oder ist es dir faktisch egal?

Ich lese schon ziemlich viele Kritiken, weil es mich doch irgendwie interessiert. Anfangs habe ich teilweise auch richtig was abbekommen von der Presse. In den letzten Jahren hab ich da nie wirklich einstecken müssen. Deswegen ist es mir in der letzten Zeit auch recht leicht gefallen, Kritiken zu lesen. Manchmal finde ich es ganz interessant, weil Sachen beschrieben werden, an die ich selber gar nicht gedacht hätte und die nur in der Wirkung so zutage kommen. So versuche ich auch zu arbeiten: etwas anzubieten, aber eine Lücke zu lassen und nicht nur das Festgelegte zu zeigen, das ich zu 100% ausdrücken will. Aber die Kritiken ändern nichts an meinem eigenen Urteil, ob mir etwas gelungen ist oder nicht.

Kultur in München: Wie geht’s für dich weiter? Die nächste Spielzeit ist klar – aber danach?

Ist noch nicht entschieden.

Kultur in München: Hättest du Interesse, an die Burg zu gehen?

Der Ruf ist natürlich noch einmal ein anderer als der des Residenztheaters, weil die Burg eine noch internationalere Strahlkraft hat. Aber ich hab mich noch nicht entschieden, da stehen noch Gespräche aus, die ich führen will. Hier am Residenztheater ist es wunderbar, vor allem auch die Leute – viel besser geht es echt nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Interview (Planung, Durchführung und Nachbearbeitung): Ludwig Stadler