Shake It Out – Florence + The Machine in der Olympiahalle (Konzertbericht)

Die achtköpfige Band sitzt bereits an ihren Instrumenten, als sie die Bühne betritt. Die Sängerin Florence Welch, mit lang-wallenden Kleid, offenen leuchtend roten Haaren – und barfuß. Sie stimmt den Song „June“ an. Ein energiegeladener Konzertabend beginnt.

Es ist Samstag, der 2. März 2019. Die Indie-Pop Band Florence + The Machine spielt in der ausverkauften Olympiahalle in München. Vorband ist die schottische Band Young Fathers, die ein solides Anheizer-Set spielen, in dem viel getrommelt wird. „The Machine“ im Namen steht für die MusikerInnen, mit denen Florence zusammen Musik macht und die mit ihr auf Tour gehen. Harfe ist dabei, Geige, Klavier. Sie bleiben im Hintergrund, wirken fast wie ein kleines klassisches Orchester, das sich zurücknimmt, denn die Sängerin Florence Welch ist die Person, um die es sich den gesamten Abend lang dreht. München ist der erste Stopp ihrer High as Hope-Tour in Europa.

Die Bühne wirkt gemütlich. Querbalken aus Holz bilden die Rückwand, optisch erinnert das an Sauna. Durch ihre Schlitze hindurch scheinen Lichter. Alles in Holzoptik, selbst der Boden, der vor dem Auftritt extra verlegt und geschrubbt wird. Als Tanzfläche, auf der man nicht ausrutscht, soll das dienen – das wird klar, als Florence ab dem ersten Song beginnt sich wie wild zu bewegen. Sie hüpft die Bühne auf und ab, dreht sich und dreht sich, streckt die Arme nach oben, der dünne Stoff ihres Kleides wirbelt um sie herum. Sie tanzt so befreit und unbeschwert, wie man es sonst nur bei Werbung für Tampons sieht. Und dabei singt sie mit ihrer unverkennbaren Stimme, so klar, so stark, live noch viel eindringlicher als auf der Platte. Und man fragt sich, wie sie das alles auf einmal schafft.

Nach dem dritten Song „Between Two Lungs“ vom Debütalbum macht sie die erste Ansprache. Überraschend schüchtern klingt sie beim Sprechen. Ganz langsam sagt sie: „Danke Munich. Möchtest tanzen mit mir?“ Jetzt erheben sich auch die Zuschauer von den Rängen.

Ihre Sprungshow geht weiter, fast schon waghalsig. Es ist wie modernes Ballett, in dem ganz viel Ausdruck liegt. Als sie den Song „South London Forever“ über ihren Heimatort ankündigt, sagt sie, dass sie sich „European“ fühle. Ein riesiger Applaus folgt, der länger und lauter ist als ein durchschnittlicher Szenenapplaus. Nicht nur die Sängerin, sondern auch das Publikum selbst wirkt gerührt.

Etwas esoterisch wird es vor dem Song „Patricia“, der eine Hommage an die Musikerin Patti Smith ist. Mit den Worten „Patti Smith, we welcome you“, beschwört sie ihr Idol herauf. Auch die verstorbene deutsche Tänzerin Pina Bausch sei eine große Inspiration gewesen, beteuert Florence.

Der Moment, an dem sich das Publikum vollends verliebt, findet bei dem Hit „Dog Days Are Over“ statt. Sie befiehlt auf charmant-britische Art, die Handys runter zu nehmen – und tatsächlich sieht man keinen Bildschirm mehr leuchten. Sie fordert auf, dass sich alle im Publikum doch mal umarmen und sich gegenseitig sagen sollen, dass sie sich gern haben. Das mag bei irgendeiner anderen Künstlerin lächerlich klingen, bei Florence springt der Funke aber über. Und als dann alle den mitreißenden Ohrwurm-Refrain „The Doooog Days are oooover“ mitschreien und dabei springen und klatschen oder sich in den Armen liegen, fühlt sich das sehr richtig an.

Während der letzten zwei Songs ihres Sets sprintet sie – begleitet von Securitys – mitten in die Zuschauermenge. Sie hält Hände, springt und feiert mit den Menschen um sie herum. Sie legt ihren Kopf an andere Köpfe – als ob sie keine Berührungsängste hätte. Ihre Energie überträgt sich an diesem Abend auf ihr Publikum. Ihre Inszenierung aus Tanz, Gesang und Ausdruck kommt an.

Zum Schluss kommt noch das altbewährte Konfetti. „Shake It Out“ ist der letzte Song, zu dem nochmal alle lautstark mitsingen. Sie verschwindet nicht sofort, sondern geht die erste Reihe einmal ab. Verabschiedet sich persönlich und nimmt geschenkte Flaggen entgegen. Sie lässt sich dabei Zeit – bis sie irgendwann doch noch hinter die Bühne huscht.

Setlist: June / Hunger / Between Two Lungs / Only If for a Night / Queen of Peace / South London Forever / Patricia / Dog Days Are Over / 100 Years / Ship to Wreck / Sky Full of Song / Cosmic Love / Delilah / What Kind of Man – Zugaben: Moderation / Big God / Shake It Out

Bericht: Katharina Holzinger