Filmtipp – San Junipero

Filmtipp“ ist ein neues Format, das in unregelmäßigen Abständen erscheinen wird. Immer wenn mir danach ist, plaudere ich ein wenig aus dem Nähkästchen über einen meiner absoluten Lieblingsfilme. Dieser kann uralt oder von letzter Woche sein – eine Chronologie gibt es nicht. Schließlich geht es um Werke, die mir wirklich am Herzen liegen und dafür benötigt es nun mal den richtigen Moment. Eine Sterne-Bewertung wird es daher auch nicht geben, denn – ihr könnt es euch denken – ich würde wahrscheinlich sowieso jeden mit 5 oder mindestens 4,5 Sternen bewerten. Außerdem wird sich das ganze weitaus subjektiver und knapper halten. Behandelt es also einfach als… Filmtipp. 😉 Aber genug gelabert: Viel Spaß!

San Junipero

© Netflix

Regisseur: Owen Harris

Genre: Drama, Sci-Fi

Produktionsland: UK

Erscheinungsjahr: 2016

Laufzeit: 1 Std. 01 Min.

Beginnen werde ich mit einem Film, der strenggenommen eigentlich gar keiner ist. „San Junipero“ ist die vierte Episode der dritten Staffel der Netflix-Anthologie-Serie „Black Mirror“. Jede Episode erzählt eine komplett unabhängige Geschichte mit anderen Figuren. Alles steht jedoch unter dem Thema „Auswirkungen der Technik auf die Gesellschaft“ und spielt in unterschiedlichen Zeitperioden der Zukunft. Jede Episode fühlt sich daher an wie ein etwas kürzerer Spielfilm. Kurz zur Handlung: Die junge Frau Yorkie (Mackenzie Davis) besucht den Stranderholungsort San Junipero. In einem Club trifft sie dort auf das extrovertierte Party-Girl Kelly (Gugu Mbatha-Raw) – und schnell entwickelt sich eine ungewöhnliche Romanze.

Viel mehr möchte ich gar nicht verraten, denn der Film zieht seine ungeheure Kraft auch aus seiner ganz speziellen Handlungsstruktur. Vordergründig: Eine normale Liebesgeschichte – klar, eine homosexuelle. Aber darum geht es eigentlich auch gar nicht, sondern vielmehr um die ehrliche, zu tiefst berührende Liebe zweier Menschen zueinander. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit wird eine Verbindung geschaffen, die viel tiefer zu sein scheint als das äußerliche Bestreben nach emotionaler Nähe und viel mehr die Suche nach einer tatsächlichen, vollkommenen Glücksfindung darstellt. Ich weiß, es hört sich verschroben und undefiniert an. Tatsächlich ist es auch schwer zu beschreiben. Am ehesten würde ich diese Magie aber der unglaublich realistischen Chemie der beiden Hauptdarsteller zuschreiben. Selten war ich so sehr zu Tränen gerührt – nein, ich bin ehrlich – zum Flennen gerührt. Und jedes Mal, wenn ich daran denke, dass diese Geschichte lediglich frei erfunden und nicht real ist, zerreißt es etwas tief in mir.

© Netflix

Hinzu kommen aber eben auch Themen wie die Auswirkungen des Alterns auf die Liebe oder was wahre Opferbereitschaft bedeutet. Und darum, ob die Liebe über das physische Leben hinausgehen kann. Umso näher man dem Ende kommt, umso klarer wird einem außerdem: Der Film ist ein Mindfuck vom feinsten. Und zwar eben nicht durch Twists, – die gibt es auch – sondern durch die existenziellen Fragen zur menschlichen Verbundenheit. Das erinnerte mich nicht von ungefähr an das Meisterwerk „Her“, zudem ich ganz sicher auch noch irgendwann einen Beitrag verfassen werde. Eigentlich mag ich keine Schnulzen – was vielleicht auch daran liegt, dass die meisten einfach nur unerträglich oberflächlich sind – aber Werke wie „San Junipero“ gehen weit darüber hinaus. Man fühlt sich danach bereichert.

© Netflix

Die Musik ist unfassbar feinfühlig gewählt. Von diversen zeitgenössischen Hits bis zum minimalistischen Synthie-Hauptthema, dass einem vom ersten Ton an eine Gänsehaut sondergleichen verpasst. Man wird es einfach nicht mehr los. Die Dramatik der Story fließt über das Thema durch den Zuschauer hindurch und versetzt ihn in eine Schockstarre. Eine, die ich auch hatte, als der Abspann nach lediglich 61 Minuten Spielzeit über den Bildschirm rollte. Wenn man sich nach dem Ende wirklich 20 Minuten lang nicht von der Stelle bewegen kann, ist das meiner Meinung nach ein Zeichen für einen ganz besonderen Film.

Fazit: Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: „San Junipero“ ist neben „Her“ die beste Romanze, die ich je gesehen habe – weil es eben nicht bloß eine Romanze ist, sondern in seiner Thematik viel existenzieller ist und weit über das oberflächliche Thema an sich hinausgeht. Ich bin verliebt.