Jedermann für Wenige – „Fester Samstag I“ in der Staatsoper (Kritik)

Mit dem Großveranstaltungsverbot bis zum 31. August 2020 im Zuge der Eindämmung von Covid-19 war die Bayerische Staatsoper das erste Theater Münchens, das die Spielzeit vorzeitig beendete – Kompromisslösungen gäbe es bei der Oper nicht, vielleicht noch im Publikumssaal, aber niemals auf der Bühne. Wie soll ein 70-köpfiges Orchester auf Abstand in den Graben? Und Produktionen wie „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit hunderten Akteuren auf der Bühne funktionieren? Letztendlich: nicht realisierbar. Dennoch ist es eben auch die BSO, die mit dem Museums- und Gottesdienstkonzept als erste Kulturinstitution den Veranstaltungsbetrieb wieder aufnimmt. „Streifzüge am Mittwoch“ heißt das erste Format, Kammermusik für 20 Zuschauer an besonderen Orten. Nach dem erfolgreichen Start am 27. Mai geht es nun erstmals mit „Fester Samstag I“ am 6. Juni 2020 wieder auf die Bühne – und nicht nur für die Akteure.

© Wilfried Hösl

40 Minuten dauert die Vorstellung letztendlich, zweimal wird sie gespielt – 19 Uhr und 21 Uhr. Der Einlass für die jeweils 50 Personen erfolgt an der Hauptpforte und über die Maximilianstraße. Überdurchschnittlich viel Personal kümmert sich genau darum, dass tatsächlich niemand in Kontakt mit anderen Besucher*innen kommt. Die Garderobe hängt man selbst auf, der Einlass erfolgt langsam und bedächtig. Auf der großen Bühne selbst sind die Stühle auf Abstand angebracht, der Blick gen Saal – anfangs im Dunkeln und, natürlich, später voll beleuchtet. Die Belüftung ist weit überdurchschnittlich stark, sodass die kurzfristig ununterbrochen eingeführte und nicht während der Vorstellung ausgesetzte Maskenpflicht auch auf die Dauer nicht allzu störend wirkt.

Zu Beginn betritt Intendant Nikolaus Bachler die Bühne und liest aus Philip Roths „Jedermann“ vor. Roth beschreibt dabei einen Senioren, der mit Reue auf sein Leben zurückblickt und gerne vieles anders gemacht hätte, seien es die unglücklichen Ehen oder einfach die falschen Entscheidungen. Eine Jedermann-Interpretation aus dem Jahr 2006, die im direkten Kontrast mit den folgenden „Sechs Monologen aus Jedermann“ von Frank Martin stehen, die sich an Hugo von Hofmannsthals Theaterstück lehnen. Was beide verbindet: Reue. Roths Jedermann erfleht sie noch, Martins Jedermann bekommt sie schlussendlich, wenngleich der Weg ein steiniger ist. Michael Nagy legt sich mächtig ins Zeug und interpretiert mit Stimmgewalt und Genauigkeit die von Verdruss und Leid geplanten Monologe, eingebunden in eine szenische Einrichtung von Andreas Weirich, die sich zwar auf Schaufensterpuppen und einem Sarg voll Erde beschränkt, aber dennoch alles aussagt und unterstützt, was zu unterstützen ist. Nagy selbst, der mit Pianistin Sophie Raynaud wunderbar harmoniert, sieht man an, dass er froh ist, wieder seinen Job ausüben zu dürfen, wenngleich unter ungewöhnlichen Bedingungen.

© Wilfried Hösl

Abgelenkt wird man wohl vor allem zu Beginn, als der gesamte Zuschauerraum in vollem Glanz erstrahlt. Dort, wo fast täglich rund 2100 Gäste Platz finden und einnehmen und den unzähligen Künstlern, egal ob am Beginn ihrer Karriere, auf dem Zenit als Weltstar oder altgediente Legende, zujubeln und sich verzaubern lassen, dort ist nun gähnende Leere. Einzig Nagy gräbt sich durch die Ränge auf die Bühne – er „erkämpft“ sich die Bühne zurück und die Zuschauenden und -hörenden danken es ihm mit fleißigem Applaus. In der Applausordnung ist man doch etwas unsicher, um sich nicht in die Quere zu kommen, aber das sollte das kleinste Problem sein – der Startschuss ist wieder gesetzt. Und selbst, wenn diese kleinen Formate nur Proben für die Rückkehr sind, sind sie dennoch eine Aussicht auf einen hoffentlich stattfindenden Regelbetrieb im Herbst.

Monodramen mit Ensemble-Mitglieder aus Gesang und Orchester finden immer samstags unter dem Motto „Fester Samstag“ statt, sonntags unter dem Motto „Freier Sonntag“ dagegen Ballettkünstler*innen aus der Freien Szene.

Kritik: Ludwig Stadler