Fantasy Filmfest – The Cured, Downrange, Hagazussa (Filmkritik)

@ fantasy filmfest

Im Rahmen der ‚Fantasy Filmfest Nights‘ habe ich das Vergnügen mit ein paar blutrünstigen Indiefilmen gehabt. Was diese so können? Das könnt ihr in meinen Kurzkritiken erfahren:

The Cured [ (3 / 5)]

In seinem Erstlingswerk macht sich David Freyne geschickt eine Art Marktlücke zu eigen: Das Konzept einer Post-Zombie-Apokalypse ist in der filmischen Welt noch weitestgehend unergründet – so stellt sich die Frage, was eigentlich nach der Entdeckung des sakralen Heilmittels am Ende jedes Zombie-Streifens passiert. Die Welt wird einfach wieder rehabilitiert und alle leben glücklich bis ans Ende? So einfach ist es wahrscheinlich nicht. „The Cured“ zeichnet eine von Zerstörung und Angst in Stücke gerissene Gesellschaft, in der dem Individuum nicht mehr viel Platz eingeräumt werden kann und stattdessen paranoide Sicherheit überwiegt. Der zentrale Konflikt: Geheilte Ex-„Zombies“ werden von der Allgemeinheit nicht gerade freundlich empfangen – für viele sind sie weiterhin die unmenschlichen Geschöpfe, denen nicht zu vertrauen ist. Hinzu kommt, dass einige der Infizierten nicht so recht auf das Heilmittel anspringen wollen und weggesperrt, teils einfach vom Militär eliminiert werden. Schnell bildet sich damit eine Gegeninitiative, eine (terroristische) Untergrund-Organisation, welche der ungerechten Behandlung (ehemaliger) Infizierter mit ähnlich skrupelloser Gewalt begegnet.

@ splendid film

In diesem Gebilde gibt es keine Helden oder tatsächliche Antagonisten. Das Leitmotiv der unfairen Unterdrückung, als Parallele zur „Black Lifes Matter“-Bewegung oder auch der Flüchtlings-Debatte, ist vielversprechend und überzeugt gerade zu Anfang mit einer einnehmend dichten Atmosphäre zwischen Mockumentary und Sozialdrama. Die Gesellschaftskritik ist offensichtlich, allerdings auch gewiss nicht konsequent genug verfolgt. Figuren handeln im Detail aus saftlosen Motiven, Pläne wirken nicht besonders durchdacht und umso näher wir dem Ende kommen, desto eher werden auch mal ihre eigenen Grundsätze gebrochen – ohne Begründung. Phasenhaft wird außerdem nach deutlich tabellarischer Dramaturgie operiert. Jede Minute muss ein kryptischer, aber im Endeffekt bedeutungsblasser Satz fallen, der die Spannung am Laufen hält – wenn diesen Job nicht gerade ein Jump Scare übernimmt. Das Implementieren von Flashbacks passt sich dafür weitestgehend homogen ins Gefüge ein – auch wenn Sam Keeley und Tom Vaughan-Lawlor als blutrünstige Zombies schon leicht affig daherkommen. Ansonsten ist das Schauspiel durchaus gelungen, vor allem Inception-Star Ellen Page zeigt in den emotionalen Momenten, dass sie auch einer vergleichsweise blassen Figur etwas abgewinnen kann. „The Cured“ kann man dabei kaum als „Horrorfilm“ bezeichnen. Im Zentrum stehen die dramatischen Beziehungen zwischen den Figuren, der Splatter findet weitestgehend im Kopf statt und die unauffällig zurückhaltende Musik erinnert eher an Jóhann Jóhannsson als einen offensiven Benjamin Wallfisch.

Fazit: Teils inkonsequente, aber feine Unterhaltung für einen Sonntagabend – mit einem fiktiven, politisch angehauchten Sozialdrama à la „District 9“ kann er jedoch sicher nicht mithalten.

 

Downrange [ (1 / 5)]

Selten kommen Filme so unverfroren direkt wie dieser daher. Praktisch in der ersten Minute wird klar gemacht, warum wir hier sind: 90 Minuten purer Gore ohne Schnickschnack. Sechs Teenager werden bei einem Ausflug auf einer verlassenen Landstraße von einem psychopathischen Scharfschützen aufgehalten und abgeknallt. Eigentlich ist das auf groteske Art sympathisch, schließlich wird nicht so getan, als gäbe es eine tatsächlich relevante Handlung, die das brutale Abenteuer zur Bereicherung und Rechtfertigung umrahmt. Wenn wir ganz ehrlich sind, wartet doch sowieso jeder nur auf den nächsten Liter Blut. Downrange geht allerdings noch einen Schritt weiter und präsentiert die moderne Horror-Schablone vom Feinsten: Social Media der übermütigen, teils dümmlichen Teenager scheint zunächst ungeheuer wichtig, ein einsames Grab in der Einöde dient als böser Vorbote und der natürlich fehlende Handyempfang sorgt für kein Entkommen aus dem Grauen – ironischerweise wird der Selfie-Stick in diesem Zusammenhang beinahe zum größten Helden des Streifens. Auch ethisch präsentiert sich der Film als berechnend lupenrein: Die Verteilung der Opfer zwischen Weiblein und Männlein ist perfekt ausgeglichen und eigentlich alle ethnischen Gruppen sind vertreten. Beschweren kann sich in dieser Hinsicht also niemand, alle werden gleichermaßen gnadenlos zu ihrem Ende gebracht.

@ splendid film

Downrange“ bietet von durchbohrten Köpfen über gespaltene Hände bis zu den qualvoll Verblutenden alles, was das Gore-Herz begehrt. Die authentischen Teenager (anfangs natürlich noch einer cooler als der andere) tragen mit ihrem Dauer-Gewinsel dementsprechend gekonnt zur Brachialität bei – leider lernt man eigentlich (mit ein paar oberflächlichen Ausnahmen) kaum etwas über diese nichtssagenden Figuren. Und das, obwohl wir uns praktisch den gesamten Film nur mit diesen, hinter einem Auto verschanzten Charakteren beschäftigen. Immerhin scheinen diese im Verlauf des Films aus ihren Fehlern zu lernen und so etwas wie Strategien zu entwickeln. Das kann man von anderen, später hinzukommenden Charakteren, wie etwaigen Polizisten, nicht gerade behaupten. Die laufen auch einfach mal wutentbrannt mitten ins Zielkreuz des Psychopathen (über diesen man ‚by the way‘ auch absolut nichts erfährt). Zugute halten muss man dem Film allerdings eine durchaus tolle und kreative Kameraarbeit von Matthias Schubert. Retten kann er dieses Debakel allerdings nicht.

Fazit: 90 Minuten hitzig inszeniertes Guilty Pleasure-Gemetzel ohne jegliche Substanz – wem’s taugt, hohe Filmkunst (wie bspw. Genrevertreter „Saw“) ist das aber gewiss nicht.

Hagazussa [ (4 / 5)]

Hagzussa“ ist eines dieser Werke, nach denen man bei Verlassen des Kinos erst mal einfach glücklich ist, in einer doch recht farbenfrohen und positiven Welt zu leben. Gewiss nicht, weil der Film schlecht war, sondern weil hier die düstersten Abgründe menschlicher Fantasie auf eine diabolische Spitze getrieben werden. Zu lachen gibt es bestimmt nichts, alles andere würde aber auch kaum Sinn machen – schließlich handelt es sich bei Lukas Feigelfelds verstörendem Anti-Märchen um eine von ihrem christlichen Umfeld verhasste, zur Hexe degradierte Teufel-Besessene in einer österreichischen, abgelegenen Berghütte des 15. Jahrhunderts. Das psychotisch, aber doch recht realistisch inszenierte Drama um die vereinsamte Albrun (Celina Peter) und ihrem vaterlosen Kind (handelt es sich bei Papa etwa um Satan und ist das unschuldig dreinblickende Baby der sprichwörtliche Antichrist?) ist visuell beinahe unerträglich einnehmend. Der Grundton wird gleich zu Beginn gesetzt, wenn wir aus der Vogelschau und brachial dröhnenden Klängen in die karge Schneelandschaft eingeführt werden. Gesprochen wird sehr wenig, dafür übernehmen Bild und Klangfarben völlig atemberaubend die Hälfte der Arbeit. Die Handlung ist kryptisch und regt ständig zum Nachdenken an. Dabei wird viel impliziert, aber wenig explizit offengelegt und damit die Fantasie des Betrachters angeregt – meist auf verstörende Weise.

@ Indeed Film

Trotz einer klaren 4-Kapitel-Struktur ist „Hagzussa“ eine stufenlos fortschreitende Steigerung in den exzessiven Wahnsinn gelungen. Zwar gibt es so einige Längen, trotzdem dekuvriert sich der teuflische Werdegang und die innere Psyche der Protagonistin in gekonntem Tempo nach und nach ins Extremum. Dabei wird sehr viel mit ihrer perfiden Sexualität gearbeitet (das eigene Schaf sowie Pilze und Gewürm des Waldes machen Albrun mehr an, als es ein Mensch je könnte) und zunehmend trancehafte Bebilderungen ihrer diabolischen Schübe sichtbar gemacht. Genau diese Passagen, wenn ausschließlich mit düsterer Bildsprache gearbeitet wird, manifestieren sich nämlich dementsprechend als die stärksten des Films. Die wenigen Wortfetzen, so selten sie auch vorkommen mögen, sind weit weniger subtil und des Öfteren leider etwas unauthentisch bis unförmig gehalten (v.a. die Beschimpfungen der Nachbars-Bauernkinder ihr gegenüber wirken sehr gestelzt). Nichtsdestotrotz ist „Hagazussa“ schlicht und einfach beeindruckende Genre-Kunst. Wer Horror-Filme mag, die eher dem modernen, aber klassisch inspiriertem Psycho- und Gruselfilm zuzuordnen sind (wie bspw. „Der Babadook“), wird dieses Stück deutsche Kunst mit Sicherheit zelebrieren.

Fazit: Ein erdrückender und depressiver, aber in hohem Maße kunstvoller Film reiht sich in die „Getting Crazy“-Horrorrubrik ein. Mit Gewissheit wird man in eine andere Welt voller faszinierend düsterer Schönheit eintauchen, sollte dabei aber unbedingt eine dicke Haut mitbringen.