Extremely Wicked, shockingly evil and vile – Filmkritik

(3,5 / 5)

© 2019 VOLTAGE PICTURES

 

 

Regisseur: Joe Berlinger

Genre: Thriller, Drama, Biopic

Produktionsland: USA

Netflix-Start: 3. Mai 2019

Laufzeit: 1 Std. 48 Min.

 

 

Dokumentar-Experte Joe Berlinger bringt dieses Jahr mit einem interessanten Doppelprojekt gleich zwei neue Filmwerke auf den Markt: Nach der vierteiligen Dokumentationsreihe „The Ted Bundy Tapes“ auf Netflix folgt nun das entsprechende Spielfilm-Pendant zum berüchtigten Serienmörder Ted Bundy: „Extremely Wicked, shockingly evil and vile“. Die vermeintliche Hauptrolle wurde besetzt von Zac Efron, dem einstigen „Highschool Musical“-Kinderstar höchstpersönlich. Im Gegensatz zu den „The Ted Bundy Tapes“, welche durch originale Gefängnis-Tonbänder die Psychologie des Killers genauer durchleuchten sollten, wird der Fokus diesmal jedoch auf jemand anderen gelenkt: Bundys Ex-Freundin Elizabeth Kloepfer (Lily Collins). Sich vom Zentrum des Mord und Totschlags fernzuhalten, ist eine beinahe riskante Entscheidung – die Schaulustigkeit eines modernen Kino-Publikums erwartet schließlich irgendwie die üblichen Liter Kunstblut bei solch einer Thematik. Der Vorteil: Wenn es jemals einen Film gab, welcher nicht auf ‚Shockvalue‘ hin geschmirgelt wurde, dann ist es dieser.

Der Werdegang des Ted Bundy (Zac Efron)-Prozesses wird aus Sicht von dessen Langzeit-Freundin Elizabeth Kloepfer (Lily Collins) aufgearbeitet, welche über lange Zeit etwaige Anschuldigungen nicht wahrhaben wollte..

© 2019 VOLTAGE PICTURES

Würde man es nicht besser wissen, so könnte man meinen, wir hätten es mit einer gewöhnlichen, tragischen Romanze zu tun, a la: „Eine falsche Anklage zerstört das perfekte Liebesleben eines jungen Paares.“ Der Film lässt zunächst die Schmetterlinge im Bauch fliegen. Und die Passion fühlt sich echt an, wenn Bundy zugleich den perfekten Schwiegersohn und den Ersatz-Daddy für Kloepfer’s kleine Tochter gibt. Doch über Amateur-Videoaufnahmen der frischen Klein-Familie werden so langsam Radio- und Fernsehberichte zu den grausamen Mordtaten eingestreut. Schnell wird einem mulmig zumute. Doch genau wie Elizabeth kann man diesem charmanten jungen Mann kaum eine Grausamkeit zutrauen. Wir sind gefangen in einer romantisierten Beziehung, rätseln ob Bundy’s Gefühle echt waren – ob sie das überhaupt sein dürfen? Wir hinterfragen unsere eigene Fähigkeit, tatsächliche Menschlichkeit und Gutherzigkeit zu erkennen. Kurzum: Berlinger spielt mit unserem Selbstverständnis, ohne jemals tatsächlich Stellung zu beziehen. Wenn Bundy, aufgrund des Funds verdächtiger Utensilien im Auto, gefangen genommen wird, sind zahlreiche Wertvorstellungen auf einen Schlag im Keller. Und Elizabeth (eindringlich und sehr persönlich portraitiert von Lily Collins) rutscht langsam in Selbstzweifel, ja Selbsthass ab, wenn sie über den Bildschirm mit den schockierenden Taten ihres Ex-Freundes konfrontiert wird.

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Bis kurz vor Ende bekommen wir keinen einzigen Mord zu Gesicht – nicht einmal eine Andeutung dessen. Stattdessen sehen wir den selbstbewussten Bundy, der sich als sein eigener Verteidiger im Gerichtssaal aus der Misere ziehen will. Die ständig kecken Wortgefechte zwischen ihm und Richter Edward Cowart (John Malkovich) sind nicht nur überaus unterhaltsam – sie orientieren sich stark an den tatsächlichen Geschehnissen. Wer die angesprochene Geschwister-Doku gesehen hat, weiß um die intelligenten Ausreden Bundys gegenüber eindeutigem Beweismaterial sowie um die Ironie des ihm stets folgenden Frauenschwarms. An der Front derjenigen, die von seiner Unschuld überzeugt sind, steht Bundy’s Flamme aus Teenie-Zeiten Carole Ann Boone (Kaya Scodelario). Gerade in den Szenen mit ihr wird auch dem Zuschauer bewusst, welche manipulativen Netze der Killer spinnen konnte: Carole plappert bei Pressekonferenzen einfach die von ihm vorgekauten Sätze nach, hat Hals über Kopf verliebt Gefängnis-Sex mit ihm – sie gibt ihr Leben und ihre Ehre für einen Mann mit sexy Grinsen auf. Doch vorhalten kann man es ihr kaum – Efron kombiniert seinen bekannt unschuldigen Teenie-Charme mit leicht undurchsichtiger, egoistischer Autorität so gut, man könnte sich keinen authentischeren Ted Bundy vorstellen.

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So viel gruseligen Spaß Efrons Performance auch mit sich bringt, so sehr bleibt man im Dunkeln, was Psychologie und Motivik dieser unikaten Person betrifft – der größte Nachteil der gewählten Erzählperspektivik durch Elizabeths Augen. Wir rätseln auch nach dem Abspann noch darüber, ob Bundys einzig echter Moment von menschlicher Traurigkeit derjenige seiner eigenen Verurteilung zum Tode war – dort kullern zum einzigen Mal echte Tränen bei ihm. Während also atypisch wenig Augenmerk auf dem egoistischen Täter liegt, so werden die Opfer und deren Schicksale gleich völlig außen vor gelassen. Als ständen wir einem Streifen nur für Bundy-Experten gegenüber, setzt Berlinger genau genommen seine eigene vierstündige Netflix-Doku als Grundwissen voraus. Und so geschieht es leider streckenweise, dass „Extremely Wicked, shockingly evil and vile“ gar seine Verantwortung für Informationsvermittlung verpeilt und stattdessen gewisse ‚Plot Points‘ (wie z.B. die zwei Fluchtversuche) einfach aggressiv abhetzt. Es wird gekürzt, wo es nur geht – der verlorene Kinogänger darf sich die Lücken selbst schließen. Bundys Geschichte wird möglichst kurz gehalten, während Elizabeths Leidensweg ausgedehnt wird. Es ist weniger ein Film über einen Serienmörder, als über eine Frau, welche damit zu kämpfen hat, sich psychisch von einer parasitären Fake-Liebe loszusagen. Dementsprechend sehen wir auch weder die eigentliche Hinrichtung Bundys, noch die vorangegangenen Henkers-Interviews, in welchen er seine unzähligen Morde und deren Gründe endlich gesteht. Vielmehr wird der persönliche Befreiungskampf von Elizabeth überzeugend abgeschlossen, wenn es ein finales Gänsehaut-Aufeinandertreffen zwischen ihr und Bundy gibt, bei welchem endlich rein Tisch gemacht wird. Und warum auch nicht mal anders.

Fazit: Joe Berlinger gibt dem Serienkiller-Genre einen netten Twist, indem der Mörder den fragwürdigen Star-Posten für eines seiner Opfer abgeben muss: der psychisch geschädigten Ex-Freundin. Nur dumm, dass Zac Efron als Ted Bundy dennoch allen die Show stiehlt.

(3,5 / 5)