Auf dem Klavierolymp – Evgeny Kissin in der Philharmonie (Kritik)

Ganz verloren steht der Flügel auf der riesigen Bühne der Münchner Philharmonie im Gasteig. Evgeny Kissin, Weltklassepianist, einer der ganz Großen, füllt am 17. März 2019 trotzdem mühelos fast den ganzen Saal, alleine. Pünktlich um 19:30 Uhr steht er auch schon auf der Bühne, die Türen sind noch nicht einmal geschlossen.

Zur Eröffnung des Abends sind drei Chopin-Nocturnes berufen. Wie schmal ist doch der Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Kitsch bei diesen Stücken! Doch bei Kissin besteht keine Gefahr. Sein Chopin ist schlicht und pur. Extrem feine, manchmal beinahe nicht fassbare Nuancierungen in jeder Wiederholung machen dennoch die repetitiven Nocturnes zu einem kurzweiligen Erlebnis voller Schönheit. Besonders die Phrasen in den höheren Lagen ragen durch Kissins brillanten Ton heraus.

Darauf folgt Robert Schumanns Sonate für Klavier Nr. 3 in f-moll, die ursprünglich als „Konzert ohne Orchester“ konzipiert war. Demzufolge sowohl technisch als auch geistig ein extrem anspruchsvolles Werk. Den ersten Satz setzt Evgeny Kissin vergleichsweise sehr langsam an – interessant, da so insbesondere das immer wiederkehrende Eingangsthema der Bassoktaven toll zur Geltung kommt. Das freie, rubato-reiche Tempo sorgt aber auch dafür, dass Schumanns komplexe und polyphone Melodien mitunter an Nachvollziehbarkeit verlieren. Nichtsdestotrotz ist Kissins unverwechselbar kristallener Klang eine Bereicherung für die eigenwillige Sonate. Er spielt keineswegs metallisch oder permanent hart, aber macht jeden Ton dezidiert und transparent hörbar. Das anschließende Scherzo tritt flott und rhythmisch in Erscheinung. Die den punktierten, von Kissin stark akzentuierten Akkorden kontrastiv gegenübergestellten lyrischen Phrasen hält er wieder betont frei und sanglich aus.

Der eindeutige Höhepunkt der ersten Konzerthälfte wird der dritte Satz. Ihm liegt ein Thema von Schumanns damals Verlobter und späterer Ehefrau, der Pianistin Clara Wieck, zugrunde. Vier Variationen basieren auf den trauermarschartigen Eingangsakkorden, die Kissin so würdevoll und gemessen anschlägt. Dann entwickeln sich unter seinen Fingern die bipolaren Charaktere des Komponisten, unter denen doch, wie in der gesamten Sonate, ein düsterer, pessimistischer Tenor oszilliert. Der vierte Satz mit der Tempobezeichnung prestissimo possibile verpflichtet den Solisten abschließend noch einmal dazu, seine Virtuosität zu beweisen. Zwar hält Kissin das Tempo erneut recht frei, doch die rasanten chromatischen und synkopischen Passagen, die ungestümen Sforzati und die vereinzelten Kantilenen fügen sich zu einem trotz der Zerrissen- und Zusammenhangslosigkeit logischen Gesamtbild.

© Felix Broede/EMI Classics

Chronologisch korrekt folgt nach der Pause der Impressionist Claude Debussy mit acht Préludes. Die Titel dieser kurzen Stücke stehen immer an deren Ende, zum Beweis, dass die absolute Musik, ganz im Sinne des Impressionismus, einem ihr zugrunde liegenden Impuls zu verdeutlichen genug ist. Schon die ersten, glockenhell strahlenden Akkorde von Danseuses de Delphes lassen auf Großes hoffen bei La cathédrale engloutie. In dieser Prélude verarbeitet er die Legende einer versunkenen Kathedrale, die bei ruhiger See aus dem Meer auftaucht. Je näher die Kirche der Wasseroberfläche kommt, desto lauter werden bei Debussy die Glocken- und Orgelklänge, die dem Stück unverkennbar einbeschrieben sind. Kissin wird zum Geschichtenerzähler, dem man nicht umhinkommen will, zuzuhören. Als die Kathedrale vollständig über Wasser ist und die majestätischen Forte-Akkorde ihren Höhepunkt erreichen, halbiert er das Tempo und schafft so den eindrucksvollen Effekt eines szenischen Präsens. Die wohl bekannteste Prélude des Abends, La fille aux cheveux de lin, wird zu einem besonders ätherischen Moment. Kissin zelebriert Debussys edle Harmonien und lässt jeden einzelnen Ton schillern.

Beim finalen Feux d’artifice zündet Kissin wortwörtlich ein virtuoses Feuerwerk auf den Tasten. Durch seinen unglaublich farbenreichen, bisweilen pointierten Anschlag und die perlenden Arpeggien wird aber jede einzelne Prélude zu einem kleinen Höhepunkt. Viel zu früh ist mit Alexander Skrjabins vierter Sonate das letzte offizielle Stück des Konzerts erreicht. Dieses 1903 entstandene, zweisätzige Werk machen besonders seine jazzigen Klänge und Rhythmen so reizvoll. Hier spielt Kissin jetzt primär streng im Metrum. Speziell den zweite Satz mit den vielen Zwischenstimmen und darin verborgenen Harmonien macht er transparent und spannt den großen Bogen auf der Reise zum Stern der Sehnsucht, die einem von Skrjabin selbst verfassten programmatischen Gedicht zufolge der Sonate zugrunde liegt.

Die Zugaben des Abends sind eine andächtige Träumerei von Schumann, ein temperamentvoll-rhythmischer Golliwogg’s cakewalk von Debussy und abschließend ein – brillanter Grande Valse brilliante op. 34 Nr. 1 von Frédéric Chopin. Unter stehenden Ovationen wird Evgeny Kissin nach einem überwältigenden Konzert schweren Herzens aus der Philharmonie entlassen.

 

Programm:

Frédéric Chopin:

Nocturne f-Moll op. 55/1

Nocturne G-Dur op. 37/2

Nocturne E-Dur op. 62/2

Robert Schumann:

Sonate für Klavier f-moll op. 14

  1. Allegro
  2. Molto comodo
  3. Quasi Variazioni. Andantino de Clara Wieck
  4. Prestissimo possibile. Passionato

Claude Debussy:

Danseuses de Delphes / Douze préludes, 1. Buch

Les Collines d’Anacapri / Douze préludes, 1. Buch

Ce qu’a vu le vent d’ouest / Douze préludes, 1. Buch

La sérénade interrompue / Douze préludes, 1. Buch

La cathédrale engloutie / Douze préludes, 1. Buch

Général Lavine – excentrique / Douze préludes, 2. Buch

Feux d’artifice / Douze préludes, 1. Buch

Alexander Skrjabin:

Sonate Nr. 4 Fis-Dur op. 30

 

Kritik: Bea Mayer