ES – Filmkritik

(4,5 / 5)

© Warner Bros. Pictures

Regisseur: Andrés Muschietti

Genre: Horror, Drama

Produktionsland: USA

Kinostart: 28. September 2017

Laufzeit: 2 Std. 15 Min.

 

Spätestens seit „Stranger Things“ ist auch das Interesse an Horror-Filmen mit jüngeren Darstellern im Oldschool-Feeling wieder größer geworden. Und so hat auch die neue, und ENDLICH hochwertige, Verfilmung von Stephen Kings Kult-Roman „Es“ nicht lange auf sich warten lassen. Andrés Muschietti heißt der mutige Regisseur, der sich dem besonderen Stoff angenommen hat. Bisher war er nur durch sein Spielfilm-Debut „Mama“ bekannt, wo er bereits das richtige Gespür für das Horror-Genre auf eindrucksvolle Weise unter Beweis stellte. Umso glücklicher darf man sein, dass gerade ihm dieses Mammut-Projekt zugetraut wurde, denn „Es“ entpuppt sich nicht nur als der beste Horror-Film seit „Get Out“, sondern auch als eine der besten Stephen King-Adaptionen aller Zeiten.

Die sieben befreundeten Kinder Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), Richie Tozier (Finn Wolfhard), Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer), Beverly Marsh (Sophia Lillis), Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Stanley Uris (Wyatt Oleff) und Mike Hanlon (Chosen Jacobs) leben in der sogenannten Stadt „Derry“, in der immer wieder Menschen – und vor allem Kinder – auf mysteriöse Weise verschwinden. Als auch noch Bills kleiner Bruder Georgie nicht gefunden wird, gehen die jungen Abenteurer selbstverantwortlich auf die Suche. Schnell erfahren sie von einer Clownsgestalt namens „Pennywise“, die alle 27 Jahre Jagd auf Minderjährige macht…

© Warner Bros. Pictures

„It’s summer! We’re supposed to be having fun! This isn’t fun, it’s scary and disgusting.“ – Stanley Uris

Auch wenn bei „ES“ Kinderdarsteller die Protagonisten sind, hat dieser Film eine ganz andere Zielgruppe. Das wird auch schnell dem Zuschauer klar, wenn gleich zu Beginn einem Kleinkind in einer blutigen Sequenz der Arm abgerissen wird und sich später sprichwörtliche Blutbäder entfalten. Aber keine Angst, mit Splatter hat diese Buchverfilmung wenig am Hut und zum reinen Selbstzweck verkommt die Gewaltdarstellung auch zu keinem Zeitpunkt. Schließlich ist die ganze Thematik dieses Horror-Films auch nur eine einzige Metapher. Das fängt schon beim Namen an: ES, bzw. dessen Inkarnation Pennywise, ist kein Serienkiller in einem Clownskostüm. Vielmehr ist ES die bildhafte Darstellung des eigenen Dämons, der eigenen größten Angst. Kinder müssen auf knallharte Weise lernen, ihre individuellen Ängste zu besiegen. ES ist die Transition ins rohe Erwachsenenleben, aber ES ist auch das Erlernen von Zusammenhalt, um in dieser Welt zu überleben – eine Coming-Of-Age-Geschichte eben.

So wirkt der Film wie eine Mischung aus „Stand by Me“ und „Poltergeist“. Zum einen strahlt er dieses Buddy-Movie-Flair aus, aber gleichzeitig ist er auch ein Horrorfilm der ganz alten Schule. Das fängt schon bei Referenzen zur früheren Stop-Motion-Technik an: Eine kopflose Gestalt bewegt sich absichtlich abgehakt und wirkt dadurch nur noch verstörender. Aber auch die gesamte Gestaltung und cineografische Darstellung hat diesen ganz speziellen Touch, den man sonst vorrangig in frühen Horror-Filmen auffindet. Des Öfteren wird die Kamera seitlich gedreht und das Bild wabernd verzerrt, um den Zuschauer zu desorientieren oder ihn mit zielgerichteten Zooms ungestüm direkt in die Aura des Grauens zu werfen. Es ist unter anderem dieser Oldschool-Look, der so stark fesselt. Chung-Hoon Chung, der bereits für das Meisterwerk „Oldboy“ (Original!) die visuelle Arbeit verrichtete, hat hier Großartiges geleistet. Aber auch die Filmmusik von Benjamin Wallfisch weiß mit ähnlich altbekannten Mitteln des Horrors auf eine nostalgische, mächtig-orchestrale Weise zu überzeugen. So ergibt sich von vorne bis hinten ein stimmiges und eigentlich auch unglaublich frisches Gesamtbild – es ist das Wiederaufleben der alten Schule.

© Warner Bros. Pictures

Der Film selbst spielt in den 80ern (die Roman-Vorlage sogar in den 50ern). Diese Zeit wurde auch sehr authentisch aufgezogen, was das ein oder andere Klischee unvermeidbar macht und eigentlich sogar zur genannten Atmosphäre beiträgt. An so mancher Stelle wurde dann aber vielleicht doch etwas zu dick aufgetragen. So sind die Bullys in „ES“ komplett gestörte Hobby-Sadisten und sämtliche Erwachsene pädophil. Außerdem, und wie soll es bei einer Roman-Vorlage von Stephen King auch anders sein, sind alle Kinder die moralischen Muster-Heiligen. Das alles macht zwar innerhalb der Geschichte schon irgendwie Sinn, wirkt aber trotzdem leicht befremdlich und überzeichnet.

Schauspielerisch gibt es aber nichts zu meckern. Kinder als Protagonisten für einen ernsthaften Film? Schon lange kein Problem mehr. Diese Nachwuchsdarsteller sind allesamt sehr talentiert. Besonders stechen dabei heraus Jaeden Lieberher als emotional geschädigter und kränklicher Bill Denbrough und Finn Wolfhard als Comic-Relief Richie Tozier. Und – wer hätte es gedacht – dieser Mix funktioniert unglaublich gut. „ES“ ist immer an den richtigen Stellen mal gruselig, mal ernsthaft emotional und dann wieder wirklich witzig. Ein grandioser Balance-Akt. Für die gruseligen Stellen sorgt vor allem Bill Skarsgård als Pennywise. Und seine Performance ist nicht weniger als Schauspiel der obersten Liga. Er brilliert komplett in dieser Rolle. Vom jetzt schon ikonischen, verstörenden Grinsen mit laufender Sabber bis hin zu den unmenschlich verrenkenden Bewegungen. Sobald Skarsgård im Bild ist, bricht und biegt er die Atmosphäre komplett im Alleingang, so scheint es. Nur für ihn lohnt es sich schon, ein Ticket zu lösen – unglaublich creepy.

Fazit: „ES“ ist DAS Horror-Spektakel des Jahres und dasjenige, welches die Buchvorlage verdient hat: Gruselig, brutal, emotional und versprüht dabei auch noch seinen ganz eigenen Flair. Ein neuer Klassiker ist geboren.

(4,5 / 5)