Enfilade – At The Drive In in der TonHalle (Konzertbericht)

Ganze 16 (!) Jahre ist ihr letzter Auftritt in der bayerischen Landeshauptstadt her, nun kehren sie zurück: At The Drive In füllen das Sommerloch und geben eine exklusive Deutschland-Show in der TonHalle München. Dementsprechend fortgeschrittenen Alters ist nicht nur die Band, sondern auch die Fan-Schar: unzählige Junggebliebene um die 40 Jahre stürmten den Einlass und direkt in die Konzerthalle. Wir schreiben Mittwoch, den 23. August 2017. Die einen kommen direkt von der Arbeit, die anderen haben Urlaub und freuen sich im konzertärmsten Monat des Jahres doch noch ein paar Highlights zu finden. Die sich anfänglich noch etwas zögerliche füllende Halle strahlte jedenfalls wie eh und je, wenngleich auch die Bühne komplett dunkel, sogar anfänglich bannerlos bleibt.

© Leigh Righton

Um 20 Uhr gingen dann die Lichter aus und die Kanadier von Japandroids betraten die Bühne. Als Zwei-Mann-Formation mit Schlagzeug und Gitarre/Gesang könnte man anfänglich meinen, dass da doch der Bass fehlt, um einen wirklich fetten Rocksound zu erzeugen – dem ist allerdings nicht so. Auch komplett ohne „Royal Blood Attitüde“ kracht und wummst die Musik und erfüllt vollends den Zweck, den sie erfüllen soll: laut und eingängig. Letztendlich konnte der Auftritt aber nicht überzeugen und kam teilweise sogar störend rüber, was nicht am etwas schrägen Gesang von Frontmann Brian King lag, auch nicht an der Eintönigkeit der Songs oder gar an den Jungs selbst, denn diese waren zwar etwas ansagenfaul, aber insgesamt sehr dankbar für die Möglichkeit, spielen zu können. Problematisch war die Lichtshow. Zwar wurde sich zum Ziel gesetzt, jedes Lied mit nur einer einzigen Farbe zu beleuchten, was teilweise auch seinen Stil hatte, aber andauernd mit andauernden Lichtblitzen unterbrochen wurde und mit absolut nichts anderem. Das hat auf Dauer zur Folge, dass man schlussendlich seinen Blick nach kurzer Zeit abwendete und hoffte, dass die schier endlosen Anfälle des Strobo-Lichts doch endlich sein Ende fände. Das hatte die Performance im Nachhinein so massiv beeinträchtigt, dass man streckenweise absolut nicht mehr folgen konnte. Mit ihrem bekanntesten Song „The House That Heaven Built“ verließen sie nach rund 40 Minuten unter Applaus die Bühne.

Setlist: Near To The Wild Heart Of Life / Fire’s Highway / Heart Sweats / North East South West / The Night Of Wine And Roses / True Love And A Free Life Of Free Will / Wet Hair / The House That Heaven Built

Über 30 Minuten mussten die Besucher warten, bis sich das Licht erneut und ein letztes Mal dimmen sollte. Das Intro wummerte aus den Boxen und der Lärmpegel steigerte sich ordentlich – At The Drive In sind endlich wieder zurück. Mit „Arcarsenal“ hat man sich auch einen energiegeladenen und impulsiven Klassiker als Opener ausgesucht, bei dem sich Band und Publikum zu gleichen Teilen austoben können. Zu gleichen Teilen? Ja, denn ungelogen: die Jungs haben nichts von früher verlernt. Ja, Sänger Cedric Bixler hat ordentlich zugenommen und ja, er ist, wie alle anderen in der Band, inzwischen wesentlich älter geworden, doch das hält ihn nicht davon ab, auf den Gitarrenverstärker zu klettern und von dort runterzuspringen, geschweige denn die obligatorischen Jumps von der Schlagzeug-Base; auch wenn sich die Eskalation vor allem gegen Ende hin etwas gelegt hat, sie ist immer noch da. Der Antrieb bleibt bestehen, bei Sänger und Instrumental-Front.

Nach ganzen 16 Jahren, das letzte Mal 2001 übrigens im Backstage, hat die Band ordentlich was nachzuholen. Die Kurz-Reunion 2012 sorgte nur für Verwirrung, aber als man 2016 endgültig wieder zusammenfand und beschloss, neues Material zu schreiben, war es ein glücklicher Moment für die Fans von ATDI. Das besagte neue Material ist auch vor kurzem erschiene, in Form des Album „in•ter a•li•a“. Der Stil: überraschender der gleiche wie vor 16 Jahren. Genauso mitreißend, genauso schnell, aber allen voran genauso wertig. In all den Jahren ist zwar im Genre Post-Hardcore vieles geschehen, aber insgesamt hat sich sowohl die Musik als auch die Szene zu plumpen Stereotypen entwickelt, Musik mit den immergleichen Aussagen und ohne Wiedererkennungswert. At The Drive In haben all das behalten: die Seele in der Musik, die Aussagekraft, das Alleinstellungsmerkmal und den außergewöhnlichen Gesang von Frontmann Cedric. Man merkt zu jeder Sekunde, dass man es hier mit der alten Schule des Genres zu tun hat, ohne dass diese jemals eingerostet ist. Dass diese Musik live weiterhin so unglaublich viel hergibt, wurde eindrucksvoll bewiesen.

Der Sound war großartig abgemischt, das Licht dezent und richtig eingesetzt – die Rahmenbedingungen haben also bestens gepasst. Und tatsächlich, die Band hat das Beste daraus gemacht und den wahrscheinlich längsten Auftritt ihrer gesamten Bandkarriere dargeboten. Satte 80 Minuten, für das Genre und im speziellen für die Band eine brutale Leistung, wurden die Lieder der letzten Jahre und Jahrzehnte herausgehauen, durchgehend grandios gespielt und gesungen, aber vor allem durchgehend mit einer einzigartigen Bühnenenergie. Mit ganzen sieben Liedern aus dem neuen Album zeigt man auch klar den Fokus: die neuen Lieder wurden mit Hingabe geschrieben, nun wollen sie mit Hingabe gespielt werden, was sie auch werden. Egal, ob das eher ruhige „Ghost-Tape No. 9“ oder die Kracher-Nummer „Hostage Stamps“ – die Fans nehmen die neuen Lieder gut an und erweisen sich bereits als überraschend textsicher.

Der oftmals kritisierte Punkt, die Band wäre nur für das Geld wiedergekommen und hat live weder Esprit noch irgendeinen Spaß – dem muss ganz klar widersprochen werden. Das, was in München dargeboten wurde, entsprach einer mehr als überragenden Hardcore-Show mit glücklichen Gesichtern im Publikum und zufriedenen Gesichtern auf der Bühne. Wenn man bereits bemerkt, dass 50-Jährige ihrer Jugend noch einmal richtig Tribut zollen wollen und einen Sprung in den Moshpit wagen, weiß man, dass hier irgendwas ordentlich richtig gemacht wurde.
Nach dem Überhit „One Armed Scissor“ ging ein großartiges Konzert um 22:35 Uhr leider schon zu Ende, doch die Band hat bereits in Aussicht gestellt, bald wieder zu kommen.

Setlist: Arcasenal / No Wolf Like The Present / Pattern Against User / Hostage Stamps / Cosmonaut / Call Broken Arrow / Ghost-Tape No. 9 / Sleepwalk Capsules / Pendulum In A Peasant Dress / 198d / Invalid Litter Dept. / Enfilade / Napoleon Solo / Governed By ContagionsZugabe: One Armed Scissor

Fazit: Die perfekte Füllung des Sommerlochs! Während Japandroids noch einige Schwächen in den Grundlagen hatten, überzeugten At The Drive In auf voller Linie und machen ihre lange Abwesenheit mehr als wieder wett. Die neuen Songs überzeugen, die alten Songs gehen immer noch ordentlich nach vorne und die Musiker haben nichts von damals verlernt. Ein großartiges Erlebnis und eine herzliche Weiterempfehlung – sollten ATDI wieder kommen, wir tun es auch!

Bericht: Ludwig Stadler