50 Jahre Stimmgewalt – Edita Gruberova in der Staatsoper (Kritik)

50-jähriges Bühnenjubiläum – ein halbes Jahrhundert singend auf der Bühne. Eine irrsinnige Zahl, der man sich erst dann bewusst wird, wenn man sich umsieht, wer eine ähnliche Länge der Leistung vollbracht hat, nämlich kaum eine Person. Edita Gruberova, die slowakische Sopranisten, welche vor allem für ihre Koloraturen und Belcanto-Gesänge bekannt geworden ist, hat diese Bühnenzahl nun im Jahr 2018 erreicht. Um diese Ära gebührend zu feiern, ruft die Bayerische Staatsoper im Rahmen der Münchner Opernfestspiele zu einem Gala-Konzert – und dem Ruf wird gefolgt, denn am 3. Juli sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, alle Plätze belegt.

© Wilfried Hösl

Marco Amiliato, zuletzt bei „Andrea Chenier“ an der Staatsoper, übernimmt die musikalische Leitung und dirigiert das Bayerische Staatsorchester durch das bunte Programm. Überraschend laut und kräftig ist sein Stil, vor allem in den Ouvertüren zwischen den Arien lässt Amiliato das Orchester einfach atmen und dementsprechend ein weiteres Mal seine Stärke zu beweisen – ohne dabei Gruberova bei den vokalen Stücke nicht entgegen zu kommen. Nur in der letzten Zugabe ist er einmal etwas zu übereilig, ansonsten laufen Stimme und Musik in schön proportionaler Parallelität.

Bekannt geworden ist Edita Gruberova vor einigen Jahrzehnten mit ihrer Fähigkeit, selbst die höchsten Töne mit scheinbarer Leichtigkeit zu erreichen. Die Königin der Nacht in „Die Zauberflöte“ war dabei sicherlich die erste bedeutsam große Rolle und schließt direkt an die innig geliebte Edda Moser an, denn stimmlich stehen sich die beiden wohl absolut in nichts nach. Gruberova ging aber noch einen Schritt weiter: sie entwickelte die Partie der Lucia in „Lucia di Lammermoor“ insofern weiter, das nachhaltig kaum eine Sopranistin auch nur irgendwie an ihren legendären Schlusston der „Mad Scene“ rankommt – der Stand eine der größten Koloratur-Sopranistinnen der Welt war ihr sicher, vielleicht sogar der der Besten. Das beweist sie an diesem Abend nur noch ein weiteres Mal.

© Wilfried Hösl

Was wurde schon alles geschimpft in letzter Zeit über die Leistungen: nicht mehr auf der Höhe, sie solle lieber aufhören, eine Qual. Aber auch ein YouTube-Kommentar, der behauptet, im Konzert sei sie immer noch so stark wie eh und je. Genau diese These können und wollen wir bestätigen. Natürlich umgeht sie die ganz schwierigen Partien, wie die Königin oder eben die Lucia, aber das ist wohl mit 71 Jahren mehr als gestattet. Für das gehobene Alter entscheidet sie sich dennoch für komplexere und schwierigere Arien, um ihr Talent auch immer noch unter Beweis zu stellen. Der erste euphorische Applaus folgt sogleich bei „Non mi dir“ aus Mozarts „Don Giovanni“ – und sollte sich bei jedem Werk noch einmal um ein Vielfaches steigern. Besonders nach der Pause geht Gruberova einen ordentlichen Schritt nach oben mit Szenen aus dem finalen „La Traviata“-Akt, gemeinsam mit einigen Gastsängerinnen und -Sängern, bevor das bisherige und reflektierend auch große Highlight folgt: „Ah! non credea mirarti“ aus „La sonnambula“ von dem von ihr sehr geschätzten Vincenzo Bellini.

© Wilfried Hösl

Mit Wagners „Dich, teure Halle“ frönt sie auch noch einmal der deutschsprachigen Oper, bevor sie das jubelnde Publikum mit „Mein Herr Marquis“ aus Strauss‘ „Die Fledermaus“ locker und lustig nach Hause schickt. Gespräche mit Armiliato nach nicht enden wollenden Applaus lassen aber durchblicken, dass eine dritte Zugabe konditional nicht mehr möglich gewesen wäre – nach knapp zwei Stunden Hochleistung mehr als gerechtfertigt. Das beweisen auch die gefühlt tausend Blumensträuße, die ihr beim tosenden Applaus überreicht werden – und sogar Banner und Schilder mit „Wir lieben dich, Edita“. Könnte es schönere Dankesbekundungen geben?

Gefühlt noch nie ist das Publikum in der Staatsoper in lauteren Applaus ausgebrochen wie nach„Ah! non credea mirarti“, noch nie so schnell aufgestanden, um dieser Ausnahmekünstlerin zu huldigen. Als sich das Klatschen beruhigt, ruft ein Herr vom Balkon lauthals: „Mille grazie“. Edita Gruberova lächelt verlegen. Und wie recht er doch hat.

Programm:

  • Ouvertüre zu Die Entführung aus dem Serail (Mozart)
  • „Welcher Wechsel herrscht in meiner Seele“ – „Traurigkeit ward mit zum Lose“
    Rezitativ und Arie der Konstanze aus dem 2. Akt von Die Entführung aus dem Serail
  • Ouvertüre zu Don Giovanni (Mozart)
  • „Crudele? Ah no, giammai mio ben“ – „Non mi dir“
    Rezitativ und Arie der Donna Anna aus dem 2. Akt von Don Giovanni
  • Ouvertüre zu Idomeneo, Rè di Creta (Mozart)
  • „Oh smania! oh furie!“ – „D’Oreste d’Ajace“
    Rezitativ und Arie der Elettra aus dem 3. Akt von Idomeneo

— Pause —

  • Vorspiel zum 3. Akt von La traviata (Verdi)
  • „Teneste la promessa“ – „Addio del passato“ –„Parigi, o cara, noi lasceremo“ – „Gran Dio! Morir sì giovine“ – „Se una pudica vergine“ – „È strano“
    Szenen aus dem 3. Akt von La traviata
  • Ouvertüre zu Norma (Bellini)
  • „Ah! non credea mirarti“
    Arie der Amina aus dem 2. Akt von La sonnambula (Bellini)

— Zugabe —

  • „Dich, teure Halle“
    Arie aus Tannhäuser, Ricard Wagner
  • „Mein Herr Marquis“
    aus dem 2. Akt von Die Fledermaus, Johann Strauß