DOK.fest – Kurzkritiken

Um nicht aus der Übung zu kommen, geben wir euch im Zuge des DOK.fests (eine Woche nach den Fantasy Film Fest Nights) doch direkt die nächste „3-in-1“-Review, die allesamt im Deutschen Theater München Premiere feierten. Dieses Mal ausnahmsweise ohne Sternchen-Bewertung, da eine Dokumentation einfach mehr durch ihre unfassbaren, realen Geschichten als durch die künstlerische Eigeninszenierung besticht.

Over the Limit

Der Eröffnungsfilm des 33. DOK.fests trumpft direkt am Anfang auf: Begleitet durch einen heißblütigen Orchesterblizzard wird mit einer großen Aufführung der in Angstschweiß gebadeten Nachwuchssportlerin vorgelegt. Irgendwoher kennen wir das doch? Noch im März berichteten wir über das grandiose Biopic „I, Tonya“ – und der erste Eindruck trügt nicht. Über weite Strecken fühlt sich „Over the Limit“ tatsächlich an wie die Dokumentarversion der Satire. Gezielten Humor gibt es allerdings kaum, die harte Lebensrealität von Spitzensportlern könnte nämlich schockierender kaum sein. Ein Jahr begleiten wir die 20-Jährige rhythmische Sportgymnastin Rita aus Russland bei ihrem Training für die olympischen Spiele. Vor allem aber werden wir Teil der unbegreiflichen Welle an skrupelloser Härte, die der jungen Frau seitens ihrer Trainerin permanent entgegendonnert. Wer dachte, Tonya’s Mutter in oben genanntem Drama sei überzogen dargestellt, der sehe sich doch bitte diese eklatante Klatsche der Realität an: Obwohl Rita unaufhaltsam ihr bestes gibt, ist der Coach scheinbar nie zufrieden. Die Masse an Beleidigungen nimmt kein Ende: Als „Loser“, „Cow“ oder „Bitch“ wird Rita betitelt. Die erdachte Trainingsmethode ist eindeutig: Nur wer kein Lob erfährt, ist dazu fähig sich konstant zu verbessern – deswegen müsse sie nach eigener Aussage auch wie ein Hund abgerichtet werden.

Rita’s jüngere Zweittrainerin hingegen lobt oder umarmt sie auch das eine oder andere Mal – meist jedoch auch nur dann, wenn sie Perfektionismus gezeigt hat. So fungiert sie auf Tour immerhin zu Teilen als Ersatzmutter. Ritas tatsächliche Eltern sind zuhause, unterstützen sie mental, haben aber ihre ganz eigenen Probleme: Der Vater z.B. hat fortgeschrittenen Krebs. Für ihn nimmt Rita diesen steinigen Weg erst auf sich, meint sie – um ihn Stolz zu machen. Die große Distanz zu Familie und Freunden geht an ihr allerdings nicht spurlos vorbei. Selbst ihren Freund sieht sie nur ganz sporadisch, meistens video-chatten die Beiden. Ein Leben außerhalb vom Sport existiert für sie quasi nicht. Vielleicht war es genau dieses Dasein, welches sie weitestgehend zur stummen Marionette machte, in deren Psyche wir zwar kaum durch Monologe/Dialoge, dafür aber durch eine eindringliche und gefühlsbetonte Visualität Einblick erhalten. Leider besitzt Rita kaum so etwas wie Selbstwertgefühl und lässt sich weit mehr herumschubsen, als ihr gut zu tun scheint – ihr Alltag ist von Depression gezeichnet. Doch dann, nach jahrelanger harter und ermüdender Arbeit, kommt das wundervolle Ende (lasst euch überraschen). Ein perfekter Schlusspunkt, der gesetzt ist wie im Bilderbuch. Die Dramaturgie gelingt perfekt – da hat Regisseurin Marta Prus nochmal Schwein gehabt, dass die realen Umstände so mitgespielt haben. So funktioniert „Over the Limit“ nicht nur als beeindruckende Dokumentation über den Preis des Erfolgs – sondern beiläufig auch als partieller Spielfilm mit schöner Botschaft.

Fazit: „There is no such thing as healthy professional athletes“, meint die Trainerin nach Rita’s schmerzerfülltem Klagen. Nicht nur physisch, sondern vor allem psychisch höchst strapazierend, muss eine junge Frau für den Erfolg beinahe ihre Menschenwürde aufgeben. Das fesselnde und zugleich erschreckende Doku-Drama „Over the Limit“ überzeugt inszenatorisch auf ganzer Linie, da es niemals den Fokus verliert und glücklicherweise sogar aus klassisch-dramaturgischer Perspektive voll aufgeht.

 

Silvana

Zunächst mal macht „Silvana“ den Anschein einer gewöhnlichen Underdog-Musiker-Doku. Nun, vielleicht nicht ganz – die Protagonistin ist mit Sicherheit ein besonders extravaganter Paradiesvogel. Als provokante Rapperin steckt sie die ganze Energie in ihre Musik – und einen ebenso unkonventionellen Sound. Mit Goldkette am Hals, einer Skimaske über dem Gesicht und einem Nirvana-identischen Banner-Design schreit die antirassistische Musikerin energisch „Go kiss your fucking swastika“ ins Mikro und springt dabei auf und ab, geht live einfach völlig auf. Vorerst ist das etwas überraschend – äußerlich könnte man die Blondine auch mit dem braven Mädchen von nebenan verwechseln. Aber ganz im Gegenteil: Silvana Imam kennt keine Scheu. Die Schwedin ist selbstbewusst und sieht sich selbst sogar als Revolutionärin („I’m so great“ und „I will be the future“ betont sie), vor allem im Hinblick auf das freie Ausleben von Homosexualität – eine Sache, die sie zwar für über alle Maßen selbstverständlich hält, in ihrem Heimatort beispielsweise aber irgendwie immer noch als Tabu-Thema gilt. Als sie von einer Nachbarin gefragt wird, ob sie gerade einen Freund habe und im Begriff sei, eine Familie zu gründen (natürlich am besten mit drei Jungs), nickt sie nur lächelnd ab. Sie will den Ruf ihrer Mutter nicht schädigen, meint sie schließlich. Doch tatsächlich ist der Feminismus ihr größter Antrieb.

Als Kind mit kurzen Haaren zwar durchwegs gemobbt, trotzdem auf den vielen Originalvideoaufnahmen immer irgendwie fokussiert und glücklich wirkend, zeigte das junge Queer-Mädchen bereits ihre unbändige Lebenskraft und das Faible für die Musik. Eine Passion, die sie später mit Pop-Künstlerin Beatrice Eli teilen sollte. In der Tat nimmt die sich anbahnende Romanze der beiden Solo-Künstlerinnen eine zentrale Komponente der Story ein. Wir verfolgen den Werdegang dieser jungen Liebe interessanterweise von Anfang an: Vom langsamen Anbandeln backstage bis zu den künstlerischen Kollaborationen eines glücklichen Paars. Schnell werden sie als Vorzeigeschild für die homosexuelle Bewegung angehimmelt. Dass Silvana nie an den musikalischen Erfolg ihrer Partnerin anschließen kann und stets eher in ihrem Schatten bleibt, scheint weder Konfliktpotential zu sein noch wird dies überhaupt thematisiert. Silvana selbst möchte ohnehin kein ikonisierter ‚Superheld‘ sein, wie sie betont. Im Endeffekt ging es ihr immer nur um die ideologische Bewegung, welche sie vertritt. Eine Eigenschaft, die sie zum ganz besonders authentischen Sympathieträger ihres persönlichen Films macht. Ihr exklusiver Charakter täuscht das Werk schließlich auch gekonnt über die ansonsten doch etwas langatmigen Passagen hinweg, die sich thematisch bei genauerem Betrachten eigentlich im Kreis drehen. Somit ist der Film zwar etwas zu lang geraten, gibt aber einen beflügelten Einblick in eine autarke Frau, die einen echten Mehrwert zu bieten weiß und wirklich ihresgleichen sucht.

Fazit: Silvana“ wird getragen von einer bewundernswerten und flippigen Protagonistin, die stets weiß, was sie will und sich den musikalischen Weg hart zu erarbeiten bereit ist – und dabei stets sich selbst und der Feminismus-Bewegung treu bleibt. Eine bewundernswerte Musik-Doku, nicht nur für Fans des ‚Hip Hop‘-Genres, auch, weil es im Endeffekt eine Love-Story ist.

 

Früher oder Später

Vier Jahre hat sich dieses Mammut-Projekt von einem Film gezogen, wahrscheinlich deshalb, weil es eigentlich als Serie konzipiert ist. Exklusiv fürs DOK.fest wurde nun jedoch eine Version in Spielfilmlänge zusammengeschustert. Auffallen dürfte es nicht, das erdachte Konzept geht auch als Langfilm auf, für viele könnte sich allerdings durch das Material selbst eine gewisse Unzugänglichkeit breitmachen. Doch erst mal einen Schritt zurück: Regisseurin Pauline Roenneberg wollte mit „Früher oder Später“ scheinbar den liebgewonnenen ganz normalen Wahnsinn belichten – in einem eigentlich unscheinbaren bayrischen Dorf. Gefilmt wird der Alltag, welcher sich für die unterschiedlichsten Alters- und Sozialgruppen nun mal völlig polar definiert. Ein älteres Landwirtschaftspaar kämpft mit dem Nebenverdienst als Bestattungsinstitut ums blanke Überleben, ein junger Ministrant fokussiert sich auf die Verdienstkreuze bei der freiwilligen Feuerwehr und die sowieso auf einem anderen Stern lebende, freidenkende Veganer-Kommune zieht in ein leerstehendes Hotel ein – der ‚Culture-Clash‘ schlechthin.

Es wird geboren, gelebt, gelacht, geweint, gestritten und gestorben. Während das Material vor allem als Liebeserklärung an das einfache Dorfleben zu verstehen ist, begibt sich „Früher oder Später“ zu Teilen auf ungewöhnliche Pfade. Sehr schnell besticht eine Inszenierung, die eher an ein klassisches Spielfilmdrama erinnert. Jede Figur hat ihr eigenes, klar definiertes Ziel vor Augen, welches durch die Hürden des Lebens ins Stolpern zu geraten gefährdet ist, sich jedoch am Ende durch Überwindung erfüllt. Dieser intelligent ausgetüftelte Hybrid ist natürlich volle Intention der Beteiligten, das eine oder andere Mal überwiegt aber trotzdem das ungute Gefühl von „Hier wurde aber so einiges nachgebessert, oder?“ – und da fragt man sich dann schon, wie sowas noch als Dokumentation durchgeht. Einige Szenen (Stichwort: ‚Nature Community‘) gehen mit der karikierten Unglaubwürdigkeit einfach einen Schritt zu weit, bei so manchen hochphilosophischen Sätzen kann man sich den Zuflüsterer hinter der Kamera bildlich vorstellen und ganze Shots (vor allem Nahaufnahmen) wurden scheinbar perfektionistisch nachgedreht. Wie viel ist echt, wie viel gekünstelt? Man kann sich da nie so sicher sein. Durch dieses „In-Muster-Pressen“ und die gezielt zur Story beitragende, für eine Doku überaus lebendige Kameraführung gelingen aber dafür einige gut pointierte Witze – man hat eigentlich immer was zu lachen (dass wir meistens eigentlich unfreiwillig mehr ÜBER die Menschen, als MIT ihnen lachen, sei mal beiseite gestellt). Unterm Strich ist „Früher oder Später“ aber einfach gut gemeinte, leichte Unterhaltung – die Doku-Version von „Dahoam is dahoam“, nur ohne den Kitsch.

Fazit: Gute und seichte Familienunterhaltung für alle Freunde des klassisch bayrischen Dorflebens, die sich mit dem Etikett „Dokumentation“ allerdings etwas zu weit aus dem Fenster lehnt.

Kritiken: Nikolas Masin