Der Kampf um die Braut – „Die verkaufte Braut“ in der Staatsoper (Kritik)

Die wahre Liebe oder doch das große Geld? Bedřich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ stellt die Charaktere mit diesen beiden Positionen sich gegenüber und lässt sie agieren – und wie es für eine Oper üblich ist, gibt es Lug, Betrug und eine List. Klingt erst einmal wie der übliche Stoff, ist aber alleine deshalb schon interessant, weil sich Smetana nicht für hochdramatische Gefühle, sondern für die Freude entschieden hat. Seine komische Oper feierte am 22. Dezember im Nationaltheater der Bayerischen Staatsoper Premiere.

© Wilfried Hösl

Recht viel Skepsis wurde der Inszenierung entgegengebracht, nachdem die ersten Probenbilder auftauchten und die Reaktionen der Schulklassen in der Generalprobe äußerst positiv waren. Die ersten Schreie über den Untergang der Kultur eilten alsbald, die Empörung, wie man so eine schöne Oper nur so verhunzen könnte – gesehen haben die Kritiker dabei noch keine einzige Sekunde. David Bösch, der bereits u.a. Wagners Meistersinger an der Staatsoper inszenierte, weiß aber sehr wohl, was er tut, wenn er sich dafür entscheidet, das komplette Setting im Libretto beim Wort zu nehmen und es dorthin zu versetzen, wo man so eine Geschichte klischeehaft sehen würde: auf dem tiefsten Land. Klischees sind es auch, die Bösch überall auskostet – spätestens beim Auftreten der drei Metal-Fans, die sich fröhlich durch die Eröffnungsszene headbangen, dürfte klar sein, dass man die folgenden drei Stunden nicht allzu ernst nehmen sollte. Hat man das verinnerlicht, überkommt einen der vielleicht größten Spaß, den man in der Staatsoper bis dato hatte.

© Wilfried Hösl

Modern und erfrischend kommt die gesamte Inszenierung daher, angefangen beim detailreichen Bühnenbild, das als Grundstruktur einen dampfenden Misthaufen bildet, aber durchgehend mit kleinen (und großen) Requisiten aufgewertet wird. Egal, ob eine Zuckerwatten-Maschine oder gar ein ganzer Traktor – Bösch lässt keine Ermüdung oder gar Langeweile aufkommen, die Ideen sprudeln nur so aus ihm heraus und gefühlt hat jede Einzelne ihren Platz im Stück gefunden. In erster Linie ist es nämlich nicht nur wirklich kreativ, wenn sich der Kannibale des Wanderzirkus auf den Arm, den er gerade verzehrt, Zuckerwatte wickelt, sondern auch, wenn als Verfremdungseffekt in den ernsteren Momenten die geldgeleiteten Eltern Partyhütchen tragen, während sie die verzweifelte Marie im dritten Akt zu ihrem Unglück und deren Glück überzeugen wollen. Die Musik an sich – und hier liegt vielleicht auf die größte Kunst – muss allerdings unter all den Details nicht leiden. Sie ist der wichtigste Part und so halten sich Bösch und sein Team vollends bei den großen Arien zurück.

© Wilfried Hösl

Selene Zanetti und Pavol Breslik brillieren als Marie und Hans, die sich als unsterbliches Liebespaar gegen die Vermählungspläne von Maries Eltern behaupten müssen. Vor allem Zanetti begeistert als Bauerntochter, die für ihre Liebe kämpft und in der Arie „Wie fremd und tot ist alles umher“ stimmliche Höchstleistungen darbietet. Auch Günther Groissböck als schmieriger Heiratsvermittler Kezal überzeugt auf ganzer Linie – zwar trägt er (daueroffenes) Hemd und Anzug, ist aber im Benehmen nicht zu unterscheiden von den unzähligen Klischee-Dorftrotteln. Der prollige Kapitalist sorgt für die wohl meisten Lacher, neben Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Wenzel – als mutterhöriger und etwas unterbemittelter Auserwählter für Marie tappt er in einige Fettnäpfchen. Witz und Spielfreude steht sichtlich bei der gesamten Besetzung im Vordergrund – und wenn die Sängerinnen und Sänger Spaß daran haben, geht das unmittelbar auf das Publikum über.

Die gesamte Neuproduktion bietet in jedem Fall ordentlich Diskussionsstoff, denn natürlich stellt sich die Frage, ob es nun etliche Männer braucht, die simulierend auf der Bühne pinkeln, ob die gesamte, maßlos überzeichnete Wanderzirkus-Szene wirklich so ausgereizt hätte werden müssen und ob der geliebte rote Vorhang nicht hätte bleiben können anstatt für nette, aber recht unnötige Projektionen durch einen spröden, schwarzen Standard-Vorhang ersetzt zu werden. Im Kontext der Inszenierung stören diese Kleinigkeiten allesamt nur minimal – so ist eine erfrischende Neuauflage einer weiterhin mehr als ansehbaren Oper gelungen. Und was am Ende gewinnt? Die Liebe natürlich.

Kritik: Ludwig Stadler
Besuchte Vorstellung: 6. Januar 2019