„Das Leben tut ihm nicht gut“ – „Die Möwe“ im Cuvilliéstheater (Kritik)

Zehn Menschen zusammengewürfelt auf einem Landsitz. Es ist warm, alle philosophieren und dann erschießt einer von ihnen eine Möwe. Anton Tschechows „Die Möwe“ feierte am 19. Januar 2019 seine Premiere im Cuvilliéstheater – die dreistündige Aufführung gleicht in ihrer Wirkung auf das Publikum ihrem Inhalt: ernüchternd.

© Federico Pedrotti

Die Schauspielerin Irina ist gemeinsam mit ihrem Freund, dem Autor Trigorin, zu Besuch auf dem Landsitz ihres kranken Bruders Pjotr. Eigentlich wollen weder sie, noch ihr Bruder den Sommer auf dem Land verbringen, denn es ist furchtbar langweilig. Zur Unterhaltung schreibt Irinas Sohn Konstantin ein Stück und führt es mithilfe seiner Geliebten Nina, ein Mädchen aus dem Dorf, in einem eigens dafür gebauten kleinen Theater im Garten auf. Das Stück floppt. Nina verliebt sich in Trigorin. Es folgen Streit und Anschuldigungen zwischen Mutter und Sohn, ebenso zwischen Konstantin und Trigorin. Konstantin erschießt in einer Psychose aus Versehen eine Möwe. Als Irina und Trigorin schließlich eine Woche später abreisen, ist Nina von Trigorin so fasziniert und eingenommen, dass sie ihnen nach Moskau folgt und Schauspielerin wird. Jedoch bleibt sie erfolglos, ihr gemeinsames Kind mit Trigorin stirbt und er verlässt sie. Als sie einige Jahre später wieder Konstantin aufsucht, der inzwischen selbst ein erfolgreicher Schriftsteller geworden ist, ist sie von ihrem Leben erschöpft und verzweifelt, will Konstantins Hilfe und Liebe aber dennoch nicht annehmen. Pjotr stirbt am gleichen Abend, Konstantin begeht Suizid, während seine Mutter, Trigorin und die anderen Gäste im Nebenzimmer Lotto spielen.

© Federico Pedrotti

Die unterschiedlichen Sichtweisen auf ein sogenanntes glückliches Leben stehen im Mittelpunkt der Inszenierung von Alvis Hermanis. Die bürgerliche Nina (Mathilde Bundschuh) gerät in eine Welt, von welcher sie ausgeht, dass alle darin glücklich sein müssten, weil sie erfolgreich sind, zu ihnen aufgesehen wird und es keine Restriktionen gibt. Jedoch muss sie schnell einsehen, dass diese Welt mit dem sogenannten glücklichen Leben nicht existiert. Der Autor Trigorin (Michele Cuciuffo) hat zwar Erfolg, Ansehen und die schöne Irina an seiner Seite, aber sein Leben erscheint ihm ruhelos und er setzt sich selbst einem stetigen Produktionsdrang und Selbsthass aus. Nina wird seine neue Muse, die sich seinem Talent opfert. Trigorin selbst sagt im Stück, dass in einer seiner Erzählungen ein Mann das Leben eines Mädchens zugrunde richtet, nur als Zeitvertreib. Genau so tritt es auch in seiner Realität ein. Zwar beflügelt ihn Ninas Liebe zunächst, noch vor der Abreise aber sieht er seine Abhängigkeit von Irina (Sophie von Kessel) ein und versucht danach nur noch krampfhaft die Verbindung zu Nina zu erhalten. Hinzu kommen Konstantins (Marcel Heuperman) obsessive Minderheitskomplexe, aufgrund welcher er konstant nach der Aufmerksamkeit und Anerkennung durch seine Mutter strebt und weshalb er bereits im Stück erfolglos versucht, sich zu erschießen. Er ist hoffnungslos in Nina verliebt, die Trigorin bevorzugt, und vergräbt sich nach ihrer Abreise in seiner Arbeit und der Pflege seines Onkels.

© Federico Pedrotti

Insgesamt kann die Produktion die Zuschauer erschlagen. Es wird deutlich gezeigt, wie Egoismus, unerwiderte Liebe und projizierte Selbstdarstellung das Leben eines Menschen zerstören. Die Abhängigkeit des eigenen Selbstwertgefühls von der Meinung und Anerkennung anderer, ist hochgradig toxisch und dennoch weit verbreitet. In der Inszenierung gelingt diese Darstellung Sophie von Kessel und Marcel Heuperman außergewöhnlich gut. Auch Anna Graenzer und Tim Werths können durch ihr hervorragendes Spiel der Folgen einer unerwiderten Liebe herausstechen. Nur Michele Cuciuffo kann durch seine langwierigen Monologe und ständiges Philosophieren seine gewohnte Stärke leider nicht erreichen.

Mit knapp drei Stunden ist diese Inszenierung sicherlich keine leichte Abendveranstaltung. Während die erste Hälfte noch unterhaltsam und mit genügend Handlung gestaltet ist, zieht sich die Zeit nach der Pause ins scheinbar Unendliche. Begeisterte Tschechow-Leser können hieran bestimmt große Freude finden, für alle anderen empfiehlt sich Schokolade als Aufmunterung in der Pause und die wunderschönen Kostüme von Kritíne Jurjáne als Augenweide.

Kritik: Anna Matthiesen