„Das ist auch unsere, auch meine Geschichte“ – „Die lächerliche Finsternis“ im Volkstheater (Kritik)

Die kleine Bühne des Volkstheater München ist ein intimer Raum. Mit nur 100 Sitzplätzen, aufgeteilt auf vier Stuhlreihen, ist die Atmosphäre dieser Spielstätte eher mit einer Improvisationsbühne eines Schultheaters zu vergleichen als mit einem der großen Säle der Münchner Theater. Die seit dem 14.03.2019 dort spielende Produktion „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz in der Regie von Lukian Guttenbrunner beweist aber einmal mehr das man dem ersten Eindruck nicht immer vertrauen sollte. Der Inhalt zählt, nicht das Äußere und bei dieser Inszenierung ist der Inhalt ein kontroverses Feuerwerk.

© Gabriela Neeb

Eine abenteuerliche Reise steht bevor: mit einem Boot den Hindukusch hinauffahren und in den wilden Regenwäldern Afghanistans einen wahnsinnigen Bundeswehroffizier aufspüren, um seine Position anschließend für einen Luftschlag weiterzugeben. Klingt abstrus? Ist es auch. Aber die altbekannten Regeln der Realität sind bei dieser Produktion schlichtweg nicht anwendbar und genau darin liegt der Reiz, denn in manchen Fällen verzweifelt man an unserer Realität und braucht eine andere. In dieser Realität ist ein Diplomstudium der Piraterie an der Hochschule der somalischen Hauptstadt im gleichen Maße möglich wie die Tatsache, dass die Meere vor Somalias Küsten von internationalen Schiffen leergefischt werden und die Lebensgrundlage der Bevölkerung damit inexistent ist. In dieser Realität jagt die unberührte Natur des Regenwaldes die Menschen in den Wahnsinn und lässt existenzielle Menschlichkeit verschwinden, sobald sie mit ihrem Ursprung und ihrer Vergänglichkeit konfrontiert wird. Hier kämpft ein Missionar gegen das direkte Vorschreiben einer Lebensweise durch einer Religion, während er seine Gemeinde selbst dazu zwingt seinen Vorstellungen der exotischen „Wilden“ zu entsprechen und die Taufe seinerseits dem gewaltsamen Waterboarding gleicht. Das Bild dieser Realität scheint absurd, aber es ist ehrlicher, als wir es uns eingestehen wollen. Wenn ein Krieg damit begründet wird, möglichst viele Menschenleben zu retten, sollte man dann als Konsequenz nicht einfach die Kriegstreibenden umbringen?

© Gabriela Neeb

Die vier Darsteller Pola Jane O`Mara, Agnes Decker, Jakob Immervoll und Pascal Fligg liefern im Laufe des Abends Höchstleistungen. Zwischen absurder Handlung und zunächst kargem Bühnenbild gelingt es ihnen die Zuschauer abzuholen, zu überraschen und zu schockieren. Die Produktion behandelt auf höchst untypische Art und indirekte Weise Themen wie die Folgen der Kolonialisierung, Globalisierung und die zynisch scheinheilige Weltsicht der westlichen Gesellschaft und schafft es gleichzeitig den innermenschlichen Abgrund unserer Psyche treffend darzustellen. Hierfür müssen die Schauspieler eindeutig Grenzen überschreiten, weshalb die Leistung aller Beteiligten noch beeindruckender ist, als sich ein Zuschauer das vorstellen kann. Besonders Jakob Immervoll ist definitiv nicht zu beneiden und kann für seine Leistung nur gelobt werden.

© Gabriela Neeb

Absurdes Theater mag nicht jedermanns Sache sein und auch bei „Die lächerliche Finsternis“ gibt es genügend Verwirrung, Ekel und Erstaunen um zunächst einmal eher weniger begeistert zu sein. Für Menschen mit offener Einstellung und Lust auf Denkanstöße entgegen der eigenen Position ist diese Inszenierung jedoch eine wahre Goldgrube. Es bleibt zu sagen, dass es am Ende zwar kein Happy End gibt, dafür aber ein gänzlich zerstörtes Bühnenbild und eimerweise Konfetti.