Obacht – Die Krupps im Kesselhaus Berlin (Konzertbericht)

Es ist vollbracht – ein neues Album von Die Krupps! Wer befürchtet hatte, dass die Industrial-Pioniere nach mittlerweile 39 Jahren Bandhistorie träge geworden wären, dem sei mit „Vision 2020 Vision“ ein ziemlich brachiales Werk entgegengesetzt. Mit den puren Electro-Klängen der Anfangszeit hat das alles zwar wenig zu tun, aber dafür umso mehr mit der Brachialität, mit der die Band seit Jahren eher vorgeht. Nach ihrer Co-Headliner-Tour mit Front Line Assembly, wovon wir berichteten, kommen sie nun zum neuesten Werk zurück in die deutschen Gefilde. Zwar spielen sie auch im Strom in München, wir waren allerdings am 1. Dezember 2019 im Kesselhaus Berlin.

Das Rahmenprogramm ist dabei schon einmal bestens. Die Kulturbrauerei bietet angenehmerweise einige Möglichkeiten für einen entspannten Konzert-Vorabend, zuzüglich passt der mittelalterliche Weihnachtsmarkt ziemlich gut zu den backsteinroten Gebäuden. Mit Manntra und Viral gibt es natürlich auch musikalisches Vorprogramm – beide Bands wissen zu gefallen, wenngleich die Folk-Metaller von Manntra im Härtegrad, Viral in der Elektronik passender sind, letztendlich aber Beide nicht so recht vor Die Krupps zu passen scheinen. Die Fans im gemütlich gefüllten Kesselhaus sehen das weniger eng, sie bejubeln die Musiker fleißig und zeigen sich höflich. Die Kräfte selbst aber werden aufgehoben für den Headliner des Abends.

Der startet um 21:55 Uhr mit „Welcome To The Blackout“ und wummert sogleich lautstark durch die Halle. Die Krupps sind noch nie als leise oder zimperliche Band bekannt gewesen, hier präsentieren sie sich aber mit der Lautstärke am Anschlag – die Gitarren schneiden scharf, die Industrial-Sounds haben einen irrsinnigen Bass inne und Frontmann Jürgen Engler brüllt sich durch seine Diskografie. Von den ursprünglichen Krupps sind letztendlich auch nur noch Engler und Ralf Dörper an den Samples übrig, wenngleich die beiden Gitarristen Nils Finkeisen und Marcel Zürcher bereits seit einigen Jahren Teil der Gruppe sind und auch den Sound, mit dem sich die Band im Jahr 2019 präsentiert, maßgeblich beeinflussen. Auch wenn die Setlist so einen wilden Mix aus alten und doch relativ frischen Songs wagt – die Gitarren bleiben präsent. Das lässt die Musik automatisch zum Industrial Metal werden; vielleicht ist aber auch genau diese Wandelbarkeit, die die Band zwischen Songs wie „Schmutzfabrik“ und „To The Hilt“ beweisen, der Grund, wieso knapp vier Jahrzehnte nach Gründung immer noch Hunderte zu den Konzerten pilgern.

Die Krupps am 4.9.18 im Backstage

Satte 90 Minuten stehen auf dem Plan – eine ordentliche Spielzeit für eine Band diesen Genres. Dem Publikum gefällt es, das fleißig mittanzt, -klatscht und gegen Ende hin auch -springt. Perlen wie „Scent“ und „Isolation“ finden genauso ihren Platz wie Klassiker, beispielweise „Metal Machine Music“ und „The Vampire Strikes Back“. Jürgen Engler selbst wirkt während des Konzerts nicht unbedingt auf der Höhe seiner Fähigkeiten, liefert aber gewohnt stark ab. Auch einen technischen Totalausfall weiß er charmant zu kompensieren, stimmt kurzerhand einen A Capella-Snippet von „Robo Sapiens“ an und schüttelt die Hände der ersten Reihen. Insgesamt verläuft das Konzert aber glücklicherweise ohne weitere Komplikationen, sondern durchgehend harmonisch. Die Zugaben mit „Crossfire“ und dem Crossover-Metal-Trumpf „To The Hilt“ schließen das Set gekonnt ab und hinterlassen eine glückliche Fan-Menge. Die Krupps im Jahr 2019 – noch lange nicht am Ende!

Setlist: Welcome To The Blackout / Isolation / Nazis auf Speed / Essenbeck / Schmutzfabrik / Destination Doomsday / Trigger Warning / The Vampire Strikes Back / Der Amboss (Visage cover) / Scent / Obacht / Alive / Robo Sapiens / Vision 2020 Vision / Metal Machine Music / FatherlandZugaben: Crossfire / To The Hilt

Bericht: Ludwig Stadler