„Bis zu seinem Blitzgeschlecht“ – „Die Bakchen“ im Cuvilliéstheater (Kritik)

Die griechische Kultur bildet die Basis unserer heutigen Welt. Demokratie, die Grundsätze von Algebra und Geometrie und Theater haben wir den alten Griechen zu verdanken und so scheint es nur gerechtfertigt, dass die Stücke jener ersten Dramatiker auch heute noch Beachtung finden und gespielt werden. Im Cuvilliéstheater, Spielstätte des Residenztheaters, steht seit der Premiere am 15. März 2019 „Die Bakchen – lasst uns tanzen“ nach Euripides von Peter Verhelst auf dem Spielplan. So viel sei verraten: der Titel ist Programm.

© Danny Willems

Der junge Gott Dionysos, Gott des Weins, Gott der Feier, Gott der Ekstase, Sohn des Zeus mit der sterblichen Königstochter Semele, welche beim Anblick ihres Geliebten zu Asche zufiel, kehrt in die Heimatstadt seiner Mutter zurück. Er will sie rächen, denn die Bewohner Thebens haben die einstige Königstochter aus ihren Geschichtsbüchern und Gedächtnissen verbannt. Er kommt mit seinen treuen Begleitern – den Bakchen – immer feiernde und stets tanzende Kreaturen, welche nichts anderes im Sinn zu haben scheinen als die Ehrung ihres Gottes und ihre eigene Ekstase. Der Regent Thebens, Pentheus, ist gänzlich gegen jederlei Rausch oder Delirium und will mit strenger Hand und ohne Einmischungen über seine Stadt herrschen. Als ihm von den Orgien außerhalb der Stadtmauern berichtet wird, will er diese sofort unterbinden lassen und beleidigt und verunglimpft im Laufe dessen Dionysos. Doch die Rache des Gottes ist unendlich und unabwendbar. Plötzlich stürzen sich die zuvor lustvoll, aber friedlichen Feiernden auf das Vieh und zerreißen es mit ihren eigenen Händen. Es kommt soweit, dass Pentheus, von Dionysos aus der Stadt gelockt, von seiner eigenen Mutter zerfleischt wird, welche, als sie schließlich wieder zu sich kommt, wahnsinnig wird.

© Danny Willems

Der Hintergrund auf dem diese Tragödie ihren Lauf nimmt ist mehr als eine Bemerkung wert. Durch Vincent Glowinskis Live-Malerei verändert sich das gesamte Bühnenbild ständig. Es entstehen Umrisse, Figuren und Farbschichten werden wieder übermalt um neue Bilder zustande kommen zu lassen. Diese Kunst in Aktion bildet eine fantastische Basis für die Darsteller und Tänzer und verbindet so die Atmosphäre einer aufregenden Zaubershow mit tiefgründiger Politikphilosophie, die jedoch wider erwartend weder steif noch langweilig wirkt. Hinzu kommen die kontrollierten Bewegungen der Tänzer, welche momentan an der Flexibilität des menschlichen Körper zweifeln lassen, nur um sich im nächsten Augenblick in leidenschaftliche Ausbrüche und gegeneinander rollende und schiebende Körper zu verwandeln.

Insgesamt ist diese Inszenierung von Wim Vandekeybus weit mehr als sehenswert. Vorkenntnisse sind zwar sicher hilfreich, aber nicht zwingend notwendig und der Inhalt ist bei derartig interessanten Bewegungsabläufen eventuell vernachlässigbar.