Hätte der Berg mal nicht gerufen – „Der Watzmann ruft“ im Deutschen Theater (Kritik)

„Der Watzmann  ruft“: ein Hörspiel, aus dem ein Musical gemacht wurde, von dem es nun eine Neuinszenierung gibt. Soweit der Rahmen der Premiere am Freitag, 26. Juli 2019, im Deutschen Theater. In der Handlung werden Bergdramen aufs Korn genommen, die ‚magische Kraft des Berges, der sich seine Opfer sucht‘ und kitschiege Heimatfilme sollen parodiert werden. In der Inszenierung von Sven Kemmler wird darüber hinaus die Kommerzialisierung des Alpenidylls thematisiert.

© Susanne Brill

Der Bauer vom Berg hat aus den Hängen künstlich beschneite Skigebiete gemacht, aus der Hüttn eine Station der autentic original walking tour, in der ausländische Servicekräfte das Ave Maria auswendig lernen müssen, um die gottesfürchtigen Alpenbewohnerinnen zu mimen. Das klingt nach reflektiertem Humor, der kritisch, aber nicht altklug daher kommt. Leider ist dieses Konzept inkonsequent umgesetzt. Der vom Kreativteam neu eingeführte Erzähler Arnd Schimkat kündigt die Szenen an und moderiert in Mönchskutte, dabei erinnert er an den Killer aus Scary Movie. Gags wie Tollpatschigkeit oder ‚Technische Probleme beim magischen Auf-die-Bühne-Gleiten‘ sind das einzige, was diese Figur zum Abend beiträgt. Es findet sich zwar bis zum Schluss der eine oder andere Zuschauer, der immer noch lacht, aber da wäre viel mehr gegangen. Zudem nimmt sich Schimkat teilweise die Gags selbst, indem er Pointen vorwegnimmt, bevor sich der Witz aufbaut. Das kann passieren, aber dann müsste doch ein Dramaturg (Ecco Meineke) einschreiten und korrigieren. In früheren Inszenierungen wurde die kommentierende Rolle vom Sänger der Liveband, traditionell Wolfgang Ambros und seit 2018 Mathias Kellner, übernommen. Mit der Trennung zwischen Erzähler und Sänger entstehen hier zwei außenstehende Personen, die etwas konkurrieren, die Trennung wirkt nicht so recht durchdacht.

© Susanne Brill

Der ebenfalls von Schimkat gegebene Tourist schneidet da schon besser ab. Als Persiflage des übervorsichtigen, in nagelneuer Funktionskleidung herumschwebenden Trend-Touristen trifft er den Nerv, ist witzig und kritisch. Auch hier wäre Maß statt Masse dennoch angebrachter gewesen; wenn er dann zum fünften Mal kommt und eine dumme Frage stellt, ist es auch nicht mehr lustig. Allerdings schafft der Schauspieler diesen Spagat zwischen den Rollen sehr gut und setzt beide konsequent um.
Ein Weiteres Novum – der Naturschutz, der gegen die Ausbeutung der Berglandschaft kämpft – wird wird von Christopf Theussl als Bua und Aktivist und dem Bauern und Erlebnisunternehmer Aurel Bereuter eingeführt. Die beiden überzeugen in ihren Rollen auf ganzer Linie und sind gerade deshalb witzig, weil sie das bayerisch-konsequent durchziehen und so der Humor im Text einmal wirken kann, weil nicht darüber hinweg gekaspert wird. Dadurch entsteht in den Szenen zwischen den beiden auch eine schöne Ernsthaftigkeit und Glaubhaftigkeit. Anhand dieser Figurenkonstellation sieht man, dass das Kreativteam, dem auch Meineke als Dramaturg und in der Textbearbeitung und Eva Hermann angehören, seinen Job eigentlich durchaus beherrscht. Ein weiteres Beispiel dafür sind die drei Mägde. Ihre gemeinsame Szene im zweiten Akt funktioniert und ist witzig, hier wird den Witzen ihr Raum gelassen. Meistens wirken sie allerdings verloren und nicht eingebunden, sie sind einfach da. Dabei geben sich alle drei wirklich große Mühe. Claudia Jacobacci und Cecilia Kuka fallen dennoch hinter Meineke zurück, der wegen Krankheit einer Darstellerin eingesprungen ist und in dem Stück eine der besten Nebenbesetzungen ist, weil er seiner Rolle treu bleibt.

© Susanne Brill

Groß als Novum angekündigt ist auch die Besetzung der Gailtalerin, im Watzmann wird sie nämlich sonst immer von einem Mann gespielt. Dieses Mal übernimmt den Part das österreichische Schlagersternchen Sabine Kapfinger. Das passt gut, denn sie spielt sich selbst – nur noch ein bisschen aufreizender. Im Programmheft wird sie als eiskalte Influencerin angekündigt, wenngleich die Darstellung davon meilenweit entfernt ist – vielleicht hätte man sich zuvor die Kanäle von Dagi Bee, Bibis Beauty Palace & co. genauer ansehen sollen. Im Original ist die Gailtalerin lustig, weil sie, von M.O. Taucher, 2018 zuletzt von Klaus Eberhartinger, gespielt eine übertrieben geschminkte Travestierolle mit ausgestopftem Busen ist. Mit der Schlagerstar-Nummer versucht man der Figur eine unnötige Tiefe zu geben, die der Vorlage nicht innewohnt und der Rolle nicht gerecht wird. Zur Handlung, den Bua zu bestärken, den Berg zu erklimmen, trägt sie ebenfalls wenig bei. Das ist schade, weil man sich so fragen muss, ob Kapfinger nur besetzt wurde, um einen Promibonus im Ensemble zu haben. Musikalisch und gestalterisch hält sich die Inszenierung nahe an ihren Vorgängern. Das Bühnenbild ist praktisch das gleiche wie in der Vorjahres-Inszenierung, leider wird es nur wenig genutzt – wenn man einen Berg auf die Bühne stellt, sollte man ihn nicht erst in den letzten zehn Minuten bespielen.
Auch mit der musikalischen Umsetzung hat die Neuinszenierung größtenteils auf alte Wege vertraut. Die Band mit Sänger Mathias Kellner ist ein Stimmungsmacher sondergleichen und hat fraglos überzeugt. Das dramaturgische Konzept teilt das Stück aber radikal in Lieder und Spiel, dadurch wirkt der Abend wie ein Konzert mit humoristischen Sketschen oder ein Theaterstück mit Bühnenmusik, aber nicht wie ein Musical.

Wenn die Geschichte mit Klimawandel und Fridays For Future erzählt werden soll, hätte man sich an eine ernste Version trauen können, auch beim Slapstick und der Alberei der Ursprungsinszenierung zu bleiben wäre gegangen, der Zwischenweg funktioniert nicht so recht. Lediglich große Fans, die die Musik eh gut finden und auch nur dafür im Saal sitzen, kommen auf ihre Kosten. Mitgerissen ist das Publikum jedenfalls nur mäßig. Das Ende ist etwas schwierig, weil der Bua sich doch auf den Weg zum Berg macht, egal ob mit oder ohne Gailtalterin, und der Vater schließlich das Einsehen hat, er folgt dem Sohn und beide gelten ein Jahr später als verschollen. Ausgerechnet an dieser Stelle wird dann nicht rumgealbert, sondern dramatisch inszeniert, sodass man fast Mitleid mit der Familie hat – das passt nur leider nicht zum Rest des Abends.

In der nächsten Szene kommt der Vorschlag der Hinterbliebenen, den Bergtourismus mit einer großen Gedenkstätte an die tragischen Unfälle anzukurbeln. Da soll dann wohl wieder die Gewinne-um-jeden-Preis-Mentalität kritisiert werden. Scheinbar wusste das Team nicht so richtig, was es will, und das hat man dem Ergebnis deutlich angemerkt.

Kritik: Jana Taendler