Vetternjagd und Außerirdische – „Der Vetter aus Dingsda“ im Gärtnerplatztheater (Kritik)

Reichlich absurd ist Eduard Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“ sowieso schon – ein übliches Love Triangle, dieses Mal mit einem Phantom, das von der Protagonistin angehimmelt wird. Gewürzt mit skurrilen Nebencharakteren und wilden Sagen über das weit entfernte Batavia entsteht eine Operette, die bereits seit Jahrzehnten die Gemüter erfreut, auch vor längerer Zeit in München. Höchste Zeit also für eine Neuinszenierung! Nach einer Livestream-Premiere im Dezember kommt es nun, am 3. Juni 2021, zur richtigen Premiere im Gärtnerplatztheater.

© Christian POGO Zach

Ein wildes Durcheinander ist bei einer humorvollen Operette fast schon Pflicht, dem steht „Der Vetter aus Dingsda“ in nichts nach: Julia de Weert, fast 21 Jahre, lebt beim maßlos übergewichtigen Onkel Josse und ihrer Tante Wimpel. Während Julia ihrer Teenagerliebe Roderich hinterherschwärmt, den sie zuletzt vor sieben Jahren sah, wollen die Verwandten der Schwärmerei ein Ende setzen und kontaktieren ihren Cousin August, um sie zu umgarnen. Natürlich klappt nichts wie geplant, Julia bandelt mit einem Fremden an, ihre Freundin Hannchen wirft sie an einen schmierigen Typen ran, irgendwie heißen beide Roderich oder vielleicht auch nicht? Es passiert jedenfalls einiges in rund zwei Stunden, die wir im Wirrwarr der de Weerts und Kuhbrots verbringen. Passend zum Stück setzt sich die Inszenierung auch keine Grenzen und geht dabei gerne einen Schritt weiter – und manchmal vielleicht auch zu weit.

© Christian POGO Zach

Regisseur Lukas Wachernig hat die Skurrilität des Stoffes heruntergebrochen und mit der herrlich verdrehten Bühne von Judith Leikauf und Karl Fehringer als auch farbenfrohen Kostümen von Dagmar Morell der Kreativität vollkommen freie Fahrt gelassen. Hier bleibt keine Form bei der anderen, manche Blumentöpfe stehen einfach schräg von der Wand ab, inmitten dessen stehen lebensgroße Gartenzwerge und im rutschenartigen Pool aus Matten gehen die Leute gefühlt andauernd unter. Das macht Spaß beim Zusehen, beim Entdecken und hilft über die eine oder andere stückbedingte Länge problemlos hinweg, denn wenn der Fokus mal nicht auf den Akteur*innen liegt, bewundert man eben alles Umstehende. Der schier grenzenlose Einfallsreichtum endet dann irgendwann im abgedrehten Farbenrausch beim Batavia-Fox. Außerirdische hüpfen umher, das Lichtdesign nimmt neonartige Züge an – als wäre es eine Batavia-Erzählung im Drogenrausch. Hier sind wohl etwas zu viele Ideen verwirklicht worden.

All das lenkt natürlich etwas vom Wesentlichen ab: der Musik. Zu Unrecht, denn das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter der Leitung von Andreas Kowalewitz spielt genauso enthusiastisch wie die Darsteller*innen auf der Bühne singen und spielen. Neben ikonischen Liedern wie „Ich bin nur ein armer Wandergesell“ und „Onkel und Tante, ja das sind Verwandte“ geht es vor allem schauspielerisch hoch her. Humor und Slapstick beweisen vor allem Erwin Windegger und Dagmar Hellberg als Josse und Wimpel, genauso wie Daniel Gutmann als hoffnungslos verliebter Dödel Egon von Wildenhagen. Judith Spießer als Julia de Weert und Maximilian Mayer als unentdeckter Cousin August Kuhbrot kommen die meisten Lieder zugute als Protagonisten, was sie bemerkenswert meistern. Vor allem Spießer mimt die aufmüpfige und etwas naive Julia grandios. Mayer trumpft besonders gesanglich mit den bekanntesten Gassenhauern aus Künnekes Werk, sein August hätte aber ruhig noch etwas mehr Esprit vertragen können.

Am Ende geht sowieso alles gut aus, die Liebenden finden sich und, da es keine Oper ist, entkommen wir einem Massensterben oder Suiziden aus Liebe. Stattdessen gibt es noch eine kleine Batavia-Zugabe im tosenden Premierenapplaus. So eine witzige und spritzige Neuinszenierung hat „Der Vetter aus Dingsda“ lange nicht mehr bekommen. Es wäre kein Wunder, wenn das nicht ein neuer Repertoire-Dauerbrenner wird.

Kritik: Ludwig Stadler