Diagnose: Gender Schmender – „Der Vater“ in den Kammerspielen (Kritik)

„Der Vater“ oder „Fadren“, wie es im schwedischen Original heißt, ist ein Drama des Schriftstellers und Künstlers August Strindberg. 1887 wird es in Kopenhagen uraufgeführt und am Abend des 29. April 2018 hat es seine Premiere in den Münchner Kammerspielen. Auf der Bühne der Kammer 1 sind sieben Stehlampen aufgestellt, ein blaues Sofa und ein alter Röhrenfernseher, auf dem „Der Vater – Schauspiel in 3 Akten von August Strindberg“ flimmert.

© Thomas Aurin

Julia Riedler und Daniel Lommatzsch betreten die Bühne. Die Einleitung in das Geschehen wirkt wie eine flapsige Probe. „Es gab Änderungen kurz vor der Premiere. Mein Kollege spielt sonst wirklich gut. Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn er durcheinander kommt“, wird von Julia Riedler nicht entschuldigend, sondern provokant-trotzig behauptet. Die beiden beschreiben die Szene, anstatt sie naturalistisch nach zu spielen, und sprechen sogar Regieanweisungen mit. Die Sprechweise ist ein komisches Betonen der Umlaute. Die Lautstärke des Gesagten wird durch das Schwenken eines Mikrophons verzerrt. „Suse, wie geht der Text nochmal?“, wird die Souffleuse bewusst gefragt. Gegenseitiges Unterbrechen, Textpassagen werden übereinandergelegt und ständiges Wiederholen. Der Zuschauer bleibt dabei leider verwirrt auf der Strecke. Nur der Live-Musiker erklärt mit seiner Violine: Es handelt sich hier um eine theatrale Vorstellung!

© Thomas Aurin

Sie tragen ein weißes Unterhemd mit enganliegender, weißen Reiterstrumpfhose, weiße Hosenträger und weiße Schnürstiefel. Eine anonyme Kostümierung, um in jegliche Rolle schlüpfen zu können. Mal ist Riedler die Mutter und Lommatzsch der Vater. Mal ist es andersrum. Manchmal sind sie beides. Doch die Verwandlung gelingt nicht immer. Zu oft ähneln sich die eigentlich unterschiedlichen Persönlichkeiten. Das klassische Ratespiel: who is who?
Die vierte Wand wird in der ersten Hälfte häufig durchbrochen. „Sie sind Journalist“, wird ein Zuschauer betitelt. Ein offensichtlicher Seitenhieb. „Ja, das ist aggressives Mitmachtheater!“ Wenigstens das gefällt.

Nachdem sich die Schauspieler scheinbar warm gespielt haben, nimmt das Stück endlich Fahrt auf. Der Vater Adolf, ein Rittmeister, streitet mit seiner Frau Laura über die Erziehung ihres gemeinsamen Kindes. Die Tochter Bertha scheint künstlerisch begabt; die Mutter möchte sie daher bei sich behalten und ihre Malerei unterstützen. Sie soll in der Stadt studieren und Lehrerin werden, fordert der Vater. Der Ehestreit eskaliert. Das Brüllen der Schauspieler, die Dissonanzen der Violine und der Gesang von biertrinkenden, bärtigen Männern gipfelt in einem einzigen Tonbrei. Kakophonie vom Feinsten. „Der Vater“ ist eine Geschichte über Macht und deren Missbrauch.

© Thomas Aurin

Die einzige Wahrheit scheint es nicht zu geben. Wer erwartet, den Sinn des Lebens aufgezwungen zu bekommen, der ist hier definitiv falsch. Feministische Kampfparolen werden vorgelesen und Sofakissen zerfetzt. Die Lampenschirme schrumpfen, wachsen empor und können sogar schneien. Alternative Realitäten werden erspielt. Es ist ein surrealer Winter, dem die Mutter, einer Schicksalsgöttin gleich, den Faden durchschneidet. Eine Moira mit glänzender, überdimensionaler Schere.
Die Figur des Vaters Adolf wandert als körperlose Seele durch jeden einzelnen Schauspieler, der die Bühne am heutigen Abend betritt. Aber sie manifestiert sich. Für die Einen ist er ein cholerischer Tyrann, der die eigene Frau mit einer brennenden Lampe bewirft. Für die Anderen ein missverstandener und einsamer Mensch, der sich zu Tode arbeiten wird. Wer hat Schuld und wo ist die Liebe hin?

Regisseur Nicolas Stemann setzt im Schlussakt auf sein bestes Pferd. Absolut großartig schließt Wiebke Puls die Tragödie des Vaters ab. Die Seele des Vaters sabbert nun in einer Zwangsjacke und ist den eigenen Psychosen unterlegen.
Aber warum erscheinen und stören die sechs bärtigen Männer im Holzfällerhemd? So völlig ohne Zusammenhang und ohne Sinn und Zweck. Muss das sein? Natürlich darf es sein. Denn Kunst darf alles. Wir sind ja so modern und cool, scheint Stemann dem Publikum sagen zu wollen. Doch Coolness wird niemals erzwungen oder aufgedrückt. Im Schlussapplaus überschneiden sich, beim Betreten des Regisseurs und Gefolge, die Buh- und-Bravo Rufe. Die Fronten sind verhärtet und München nach wie vor gespalten. Schade.

Kritik: Carolina Felberbaum