Geld ist Alles – „Der Spieler“ im Residenztheater (Kritik)

Eine spannende Kombination, wenn sich einer der kreativsten Theaterregisseur-Köpfe des Landes mit einem doch eher sperrigen und nur im tiefsten Kern aktuell ergiebigen Stück beschäftigt. Gelingt es also Andreas Kriegenburg, bei Dostojewskijs „Der Spieler“ tatsächlich aus den Vollen zu schöpfen und dem autobiografischen Spieler-Drama noch einmal neues Leben einzuhauchen? Das darf man seit dem 14. Dezember 2018 im Residenztheater in München herausfinden. Das Urteil: durchwachsen.

© Matthias Horn

Nicht, dass Kriegenburg und sein Team um Harald B. Thor (Bühne), Andrea Schraad (Kostüm) und Angela Obst (Dramaturgie) kein ansehnliches Ergebnis abliefern, erst recht nicht das Ensemble, das sich in einer irrsinnigen Geschwindigkeit durch die stundenlangen Monologe und gelegentlichen Dialoge schwadronieren – was soll die beste Ausschmückung, wenn das Anfangsprodukt einfach nicht genug hergibt? Fjodor M. Dostojewskij zählt mit Werken wie „Schuld und Sühne“ zurecht als einer der größten russischen Autoren für Theaterstücke und ist zudem dafür bekannt, fast immer autobiografische Erlebnisse zu verarbeiten – dieses Mal seine Beziehung, die sich im Geflecht von Protagonist Alexej Iwanowitsch und seiner Angebeteten Polina Alexandrowna zeigt. Das restliche Werk ist ein Sammelsurium von zwar amüsanten, aber doch etwas laschen Charakterkonstellationen, die sich mit kleinen Vorteilen überhaupt erst am Leben halten und vor allem die ersten 90 Minuten ordentlich an Ausdauer abverlangen. Selbst die Intention des ganzen Stückes wird wenig ersichtlich: Moralischer Zeigefinger? Reine Beziehungsverarbeitung? Auch nach dem Ende bleibt es schwammig.

Die Bühne selbst ist spannend gestaltet, in der Mitte thront der Roulette-Tisch, rundherum verschiedene Zimmereinheiten in Form von herabfallenden Holz-Provisorien. Unter der großen Konstruktion: allerlei Gerümpel von Kleidungen bis zu schlichtem Müll. Aber der Großteil spielt sich auf dem Gerüst ab – kaum jemand begibt sich auf die Ebene darunter. Stattdessen dreht sich alles ununterbrochen, das Geld fließt und der Kampf um ebendieses bestimmt die gesamte Zeit hinweg das Handeln der Personen. Und ist das Geld plötzlich verspielt, bleibt die Bühne stehen. Kein Geld mehr, kein Fluss – was bleibt dann noch, wenn die Grundlage fehlt? Denn Geld, das erwähnen alle Personen etliche Male, „Geld ist alles“. Und ohne Geld dementsprechend alles Nichts.

© Matthias Horn

So nett wie die Grundidee der Inszenierung ist, so ermüdend wird sie auch schnell, zudem die Figuren im Stück faktisch nicht mehr aufhören zu sprechen. Pausierende Ensemble-Mitglieder begeben sich an Mikrofone am Anfang der Bühne und währenddessen läuft ein Dauer-Monolog von Protagonist Alexej, beeindruckend (durch)gehalten von Thomas Lettow, dem man zwar nur mit sehr ausdauernder Aufmerksamkeit vollständig folgen kann, aber dann dennoch vor der ungebrochenen Schnelligkeit der Performance den Hut zieht. Die Großmutter, fantastisch kauzig gespielt von Charlotte Schwab, bringt den nötigen Perspektivenwechsel leider fast zu spät, aber dann mit solcher Kraft, dass der frische Wind bis zur Pause durchhält. Durchgehend wahnsinnig stark: Thomas Loibl als monetär schlecht aufgestellter General, der nur auf den Tod seiner Tante wartet, um das Geld zu erben, und auch sonst äußerst tollpatschig zugange ist.

Was aber nach der über dreistündigen Textfahrt um Spielsucht, Liebeleien und Versuchung dennoch weiterhin fehlt: die Intention. Und so geht Kriegenburgs „Der Spieler“ als einigermaßen solide, aber dann im Kontext doch recht belanglose Neuproduktion neben vielen stärkeren wie „Der nackte Wahnsinn“ und „Marat/Sade“ schlicht unter.

Kritik: Ludwig Stadler